Ein Schriftgelehrter fragt Jesus nach dem größten Gebot. Jesus nennt das Gebot der Gottesliebe, aber gleichwertig ist für ihn „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich“ (Mk 12, 31) – das im Deutschen meist angehängte „selbst“ steht nicht im griechischen Urtext. Das ist einer der bekanntesten Sätze der Bibel. Doch ich habe meine Schwierigkeiten damit.
Nicht mit der hier geforderten Nächstenliebe. Aber mit dem „wie dich selbst“. Kann ich mich selbst lieben? Ich muss mich annehmen mit Stärken und Schwächen, Begabungen und Grenzen. Damit habe ich keine Schwierigkeiten. Ich bin nicht übertrieben bescheiden, ich weiß, was ich nicht kann, aber auch, was ich gut kann, vielleicht sogar besser als viele. Ich kann mit dem Psalm 139 beten: „Ich danke Dir für das erstaunliche Wunder, als das ich geschaffen bin!“ Doch nie stehe ich vor dem Spiegel und sage mir: „Ich liebe dich!“
„Liebe ist für mich immer ein Geschenk. Und etwas zwischen Ich und Du.“
Was mir die geduldige Aufmerksamkeit meiner Frau sagt, das strahlende Lächeln meiner Enkelkinder, ja selbst das Schwanzwedeln meines Hundes, das kann ich mir nicht selbst sagen. Liebe ist für mich immer ein Geschenk. Und etwas zwischen Ich und Du. Dass ich mit dieser Empfindung nicht allein bin, zeigen mir unzählige Liebeslieder und -gedichte.
Ich kenne aber nur ein Lied („The greatest love of all“ von Whitney Houston) und kein einziges Gedicht über die Liebe zu sich selbst. Die, scheint mir, ist doch eher ein Thema für Selbstfindungsseminare.
Er mag komisch sein – aber das bin ich doch auch
Was mache ich nun mit dem biblischen Gebot? Zwei Einsichten helfen mir weiter. Zum einen meint Liebe in der Bibel nicht nur das überwältigende Gefühl, das Herz und Seele öffnet, sondern auch eine Haltung des Wohlwollens, der Freundlichkeit, die man durchaus einüben kann, auch gegenüber sich selbst. Und dann ist die Übersetzung „wie dich selbst“ nicht so eindeutig. Im hebräischen Alten Testament, das Jesus im Evangelium zitiert, heißt das Gebot: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du!“ Auch das ursprünglich griechisch geschriebene Jesus-Wort kann man so übersetzen. Dann kann ich dem Satz sofort zustimmen. Der Mensch, dem ich gerade zum Nächsten werde, mag mir nicht sympathisch sein. Mag anders aussehen als ich, anders reden, sich anders benehmen. Er mag komisch sein. Aber das bin ich doch auch.
Nur anders komisch. Wir sind nicht gleich. Wir sind verschieden. Doch auch darin ist mein Gegenüber wie ich. Gleich eigenartig. Mit Grenzen, die mich befremden. Mit Stärken und Möglichkeiten, die ich vielleicht bewundere, die mich vielleicht auch neidisch machen. Mit geglückten und gescheiterten Lebensträumen. Kein Engel. Kein Teufel. Ein Mensch. Wie ich. Ein Mensch, der sich Aufmerksamkeit wünscht und Respekt. Wie ich. Der Wohlwollen braucht und Nachsicht. Wie ich.
So kann ich das Jesus-Wort gut annehmen. Und weiter – nicht immer mit Erfolg – üben, etwas davon zu leben.
Zur Person:
- Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent. Er wohnt in Cloppenburg.
- Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.