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Corona-Warn-App zwischen Lob und Kritik

Die örtlichen Gesundheitsämter kommen erst ins Spiel, wenn der Nutzer selbst ein erhöhtes Infektionsrisiko meldet. Der Medienpädagoge Jens Wiemken sieht Probleme.

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Digitale Hilfe beim Kampf gegen Corona: die staatliche Warn-App. Foto: dpa/Kappeler

Digitale Hilfe beim Kampf gegen Corona: die staatliche Warn-App. Foto: dpa/Kappeler

Neue Wege im Kampf gegen das Coronavirus: Nach wochenlangen Vorbereitungen ist die staatliche Warn-App zum freiwilligen Verwenden für alle Bürger gestartet. "Sie herunterzuladen und zu nutzen, ist ein kleiner Schritt für jeden von uns, aber ein großer Schritt für die Pandemiebekämpfung", sagte Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) am Dienstag in Berlin.

"Die App kann nur helfen, wenn möglichst viele sie auch nutzen", sagte die Leiterin des Gesundheitsamts des Landkreises Vechta, Sandra Guhe. Damit bezog sie sich auf die Experteneinschätzung, dass 60 Prozent der Bevölkerung die App laden müssten, damit sie effektiv sein kann.

Die Gesundheitsämter vor Ort würden über die Corona-Warn-App "keinerlei Namen, Aufenthaltsorte oder personenbezogene Daten" erhalten, erläuterte Guhe. Die Entwickler hätten aus Gründen des Datenschutzes auf eine zentrale Speicherung verzichtet. Auch die  Akzeptanz in der Bevölkerung soll so gesichert werden.

Keine Recherche nach Kontaktpersonen anhand der Daten

Allerdings sei es auch nicht möglich, anhand der Daten die Recherche nach Kontaktpersonen vorzunehmen, stellte Guhe klar. Denn um Rückschlüsse auf Personen vorzunehmen, bräuchte es eine spezielle gesetzliche Grundlage. Das Gesundheitsamt komme erst dann ins Spiel, "wenn die App einem Nutzer ein erhöhtes Infektionsrisiko meldet". Das sei der Fall, wenn die App anhand der Handydaten nachweisen kann, dass der Nutzer in den vergangenen 14 Tagen engen Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte.

Der Nutzer solle dann weitere Schritte mit dem Hausarzt, dem Kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder eben dem örtlichen Gesundheitsamt abstimmen. "Dazu gehören sowohl ein möglicher Test als auch weitere Maßnahmen, um andere Menschen vor einer Ansteckung zu schützen – etwa häusliche Quarantäne", sagte Guhe.

Egal ob Symptome der Krankheit erkennbar seien oder nicht, es gelte: Jeder, der Kontakt zu einem Infizierten hatte und somit durch die App gewarnt wurde, sollte umgehend getestet werden, damit eine mögliche Covid-19 Erkrankung frühzeitig entdeckt wird.

In der Regel wird am selben Tag getestet

Nach der Kontaktaufnahme zum Hausarzt nimmt dieser entweder selbst einen Abstrich auf das Sars-Cov-2 Virus vor, oder er veranlasst dies über das örtliche Testzentrum. Hierzu stellt der Hausarzt eine Überweisung mit den Kontaktdaten des zu Testenden an den Kollegen im Testzentrum aus. Dieser bestellt den Patienten dann telefonisch zur Abstrichentnahme ein.

In der Regel erfolge ein Test noch am selben Tag. Nur am Samstag und Sonntag ist das Testzentrum im Landkreis Vechta geschlossen. Mit dem Ergebnis des Tests sei nach etwa zwei Tagen zu rechnen. Aktuell gebe es Testskits in ausreichender Anzahl.

"Es geht also darum, dass die Nutzer mit den Infos der App selber Verantwortung übernehmen und ihren Beitrag leisten, um Infektionsketten zu unterbrechen."Sandra Guhe, Leiterin des Gesundheitsamts des Landkreises Vechta

Durch die App selber könne keine Quarantäne angeordnet werden, unterstrich Guhe. "Das geht nur durch das zuständige Gesundheitsamt", sagte sie. Und weiter: "Es geht also darum, dass die Nutzer mit den Infos der App selber Verantwortung übernehmen und ihren Beitrag leisten, um Infektionsketten zu unterbrechen."

Die Corona-Warn-App sei also nur eine Ergänzung zur Arbeit der Gesundheitsämter. "Der Vorteil ist, dass die App viele der so genannten Risikobegegnungen aufzeichnet, die bei der bisherigen Kontaktnachverfolgung noch nicht erfasst werden konnten." Das könne beispielsweise ein längerer Kontakt zu einer unbekannten Person im öffentlichen Raum sein oder eine Begegnung, an die man sich vielleicht gar nicht mehr erinnert. Guhe: "Bisherigen Erkenntnissen zufolge können infizierte Personen schon 14 Tage bevor sich erste Symptome zeigen ansteckend sein, ohne es zu wissen. Deswegen ist es wichtig, dass die App genau diesen Kontaktzeitraum berücksichtigt."

Medienpädagoge kritisiert Teile der Funktionsweise

Der bundesweit bekannte Medienpädagoge Jens Wiemken aus Vechta gab zu bedenken, dass es bei der App problematische Punkte gebe. So habe es nur eine kurze Prüfphase von zwei Wochen gegeben. Unklar sei, ob die Updates (verbesserte Versionen) "auch geprüft oder einfach freigegeben werden".

Außerdem: Da die Bluetooth-Funktechnik auch durch Wände und Mauern dringe, könne es zu Meldungen über Kontakte zu Infizierten kommen, die gar nicht bestanden. Wiemken kritisierte zudem: Von der App würde in Intervallen von fünf Minuten Daten erhoben. "Aber was passiert dazwischen?", fragt Wiemken.


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Und: Senioren, insbesondere Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, seien eine Risikogruppe, seien aber oft gar nicht im Besitz eines Smartphones. Ein weiterer interssanter Aspekt sei, dass durch die Corona-Warn-App sich nun Lehrerverbände für Handys in Schulen aussprechen würden - im Gegensatz zu vorher.

Warnt vor Problemen: Medienpädagoge Jens Wiemken.  Foto: WiemkenWarnt vor Problemen: Medienpädagoge Jens Wiemken.  Foto: Wiemken

Wiemken hinterfragte den Nutzen der App auch angesichts dieser Situation: Wenn jemand soloselbtsständig sei, befürchte die Person womöglich Verdienstausfälle infolge der freiwilligen Meldung und der Quarantäne. So mancher überlege dann vielleicht zunächst abzuwarten.

Wiemken trat auch für eine gesetzliche Regelung ein, um sicherzustellen, dass Personen nicht aus Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen werden, wenn sie keine App haben. Er warnte vor einem unreflektierten Herunterladen der App.  Jeder sollte sich bewusst darüber sein, dass über die App Daten verschickt werden und Bewegungen nachverfolgt werden können.


Das sagen die Menschen im Oldenburger Münsterland:

Nur das fehlende ID-Kennwort hielt Elmar Dubber beim Frühstück davon ab, die Corona-App sofort zu laden. Das Versäumnis holte der Chef der Cloppenburger Tafel gegen Mittag nach, als er gerade die nächste Warenspende, eine Ladung Obstsaft aus Langförden, abholte. "Bei uns machen alle Mitarbeiter mit", schwört der Pensionär: Der Bundesverband der Tafeln hat dazu aufgerufen. Datenschutz-Ängste hält Dubber in diesem Fall für vorgeschoben oder übertrieben. "Diese Leute sind doch verrückt", ärgert er sich: "Bei Amazon geben sie alles Mögliche über sich preis und jetzt stellen sie sich komisch an."

Matthias Hermeling sieht das genauso. "Wer auf Facebook oder WhatsApp unterwegs ist, widerspricht sich mit so einer Kritik selbst", meint der Vorstand der Alteneinrichtungen St. Pius in Cloppenburg. "Wenn möglichst viele mitmachen, kann uns das wirklich helfen, Infektionen einzudämmen und damit Leben zur retten", betont der Geschäftsführer des Altenheims, der schon beim Frühstück die App hochgeladen hat – ohne technische Probleme.

Stimmen zur Corona-Warn-App im Video:

"Ich halte das für eine gesellschaftliche und soziale Selbstverständlichkeit, einen Beitrag gegen die Ausbreitung der Infektion zu leisten", unterstreicht Dr. Michael Hoffschröer. Der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft sieht sich und andere in leicht zu tragender Verantwortung, denn: "Ich bin überzeugt, dass es hilft und niemandem schadet."

Elisabeth Themann, Diplompädagogin und Korrektorin in der OMonline-Redaktion, hat sich noch einmal mit ihrem Bruder, dem IT-Leiter eines großen Unternehmens, ausgetauscht. Beide sind sich einig: Die Apple-Watch an ihrem Handgelenk überträgt – kaum kontrollierbar ­– mehr Daten als die Corona-App, die auf völlige Anonymisierung programmiert ist. "Die App ist richtig, wichtig und gibt mir auch eine gewisse Sicherheit“, sagt die Cloppenburgerin, zumal im Urlaub, wo Abstände nicht immer einzuhalten sind.

Professor Marco Beeken hat die App gleich morgens installiert. "So kann jeder gefahrlos einen Beitrag leisten, das Infektionsrisiko noch weiter zu senken", sagt der Chemiedidaktiker: "Wer dagegen Stimmung macht auf Facebook oder in Internet-Foren, leidet unter Kontrollwahn, denn all diese Apps sind tausendmal unsicherer als die Corona-App." Die Sicherheit sei hervorragend, weil dezentral gespeichert wird und die Standorte nicht nachverfolgt werden. "Ich finde das toll gemacht", sagt Beeken.

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