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Corona-Langeweile: Warum Hundezüchter besorgt sind

Viele, die sich aktuell einen Welpen zulegen wollen, verzweifelten bei der Suche, berichtet Stefanie Bröring aus Molbergen. Sie will vermeiden, dass ihre Hunde später irgendwo überflüssig werden.

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Nicht nur süß, sondern auch mit Verpflichtungen verbunden: Beim Blick in diese Augen schmelzen die Herzen vieler Tierfreunde dahin. Diese Labradorwelpen stammen aus der Zucht von Stefanie und Tobias Bröring. Foto: © Bröring

Nicht nur süß, sondern auch mit Verpflichtungen verbunden: Beim Blick in diese Augen schmelzen die Herzen vieler Tierfreunde dahin. Diese Labradorwelpen stammen aus der Zucht von Stefanie und Tobias Bröring. Foto: © Bröring

Kaum noch soziale Kontakte, kaum noch Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung – dafür deutlich mehr Zeit, auch durch Kurzarbeit. Was tun? Die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie wecken derzeit bei vielen Menschen den Wunsch nach tierischer Gesellschaft. Die Folge ist eine erhöhte Nachfrage, die etwa den Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) Alarm schlagen lässt: „Unsere Züchter können die Vielzahl der Anfragen nicht mehr bewältigen. Darunter befinden sich auch viele Menschen, die dem Wunsch nach Gesellschaft oder dem Drängen der Kinder unüberlegt nachgeben“, sagt Udo Kopernik, Pressesprecher des VDH.

Deutlich mehr Anfragen als sonst bekommen auch Stefanie und Tobias Bröring aus Molbergen. Die beiden züchten Labradore. „Man merkt, dass die Leute recht verzweifelt sind“, sagt Stefanie Bröring. Viele Züchter hätten bereits lange Listen mit Interessenten für Hundewelpen, sodass die Chance gering sei, zum Zuge zu kommen. Dass es viele Anfragen gebe, oft noch bevor die Hündin läufig wurde, habe sie in der Vergangenheit schon manches Mal selbst erlebt, so Bröring. Bis zum Wurf seien dann viele Interessenten aber bereits abgesprungen, weil sie in der Zwischenzeit bei anderen Züchtern auf den Hund gekommen waren.

Das sei in der gegenwärtigen Situation anders: „Im letzten Jahr war es echt extrem: Da waren kaum Leute dabei, die anderweitig etwas gefunden hatten“, erzählt sie. „Wenn man in Internetportalen schaut, wo Leute ihre Hunde inserieren, werden da Summen genommen, dass einem dabei fast schlecht wird.“ Und tatsächlich fänden sich doch Käufer. „Weil die Leute einfach verzweifelt sind“, so
Bröring.

Warnung vor "Wühltischwelpen"

Mike Ruckelshaus von der Tierschutzorganisation Tasso warnt: „Gerade der illegale Online-Welpenhandel boomt. Nachdem Mitte Juni die Grenzen wieder geöffnet wurden, können die meist aus Osteuropa stammenden „Wühltischwelpen“ nun wieder nach Deutschland importiert und im Netz allzu oft arglosen Käufern angeboten werden.“ Fast alle Tiere seien krank, viel zu früh von der Mutter getrennt worden, ungeimpft und überlebten häufig die ersten Lebensmonate nicht. Auch das Leid der Muttertiere und Deckrüden sei „unermesslich“.

In diesen Fällen sage der Preis dann nichts mehr über die Qualität eines Hundes aus, ist Stefanie Bröring überzeugt. Sie und ihr Mann züchten ihre Labradore über den VDH. Innerhalb des Verbands sei der Preis in den vergangenen Jahren generell stabil geblieben, sagt die Molbergerin. Das Ehepaar habe den Preis 2020 „leicht erhöht, aber nicht horrend“.

Schon vor dem gestiegenen Interesse in der Coronapandemie sei es wichtig gewesen, genau hinzuschauen, wer einen der Welpen bekommt und ob er in das Tagesgeschehen seiner zukünftigen Familie passt, sagt Tobias Bröring. „Jetzt muss man noch genauer schauen, denn Homeoffice, Kurzarbeit oder verkürzte Arbeitszeiten werden uns sicherlich nicht ein Hundeleben lang begleiten.“ Er appelliert an alle Interessenten, die Suche nach einem Hund „mit Sinn und Verstand“ anzugehen. So sollten sich auch die Interessenten die Züchter immer genau ansehen, all ihre Fragen stellen und sich – sofern es die Lage zulässt – die Zuchtstätte und die Zuchthunde vor Ort ansehen. Ein guter Ratgeber könne auch das Bauchgefühl sein.

Persönliches Gespräch ist wichtig

Aus Sicht des Züchters gelte es zu vermeiden, „dass man den Hund irgendwo hingibt, wo er überflüssig wird oder wo man ihm nicht mehr gerecht werden kann“, so Stefanie Bröring. Zudem müssten sich die Leute bewusst sein, dass man sich einen Hund nicht für die Kinder anschaffe. „Letzten Endes ist es die Aufgabe der Erwachsenen. Die müssen den Hund wollen.“ Sie sei gespannt, betonte Bröring, wie dann in einem oder zwei Jahren die Situation in den Tierheimen sei.

Auch Hundezüchter Stefan Fischer, ebenfalls aus Molbergen, schaut bei den Interessenten für seine Welpen genau hin. „Im persönlichen Gespräch kristallisiert sich schnell heraus, wie sehr die Leute auf den Hund fixiert sind oder wie sehr sie darauf fixiert sind, einen Lückenfüller für die Langeweile zu finden, die sie jetzt haben. Der Hund darf auf keinen Fall ein Ausgleich für Langeweile sein“, betont er. Mit dem persönlichen Kennenlernen sei es angesichts von Corona etwas schwieriger geworden, doch dieses sei für ihn unerlässlich – auch mit Abstand, Mund-Nasen-Schutz und Desinfektionsmittel.

Es gibt auch Ausschlusskriterien

Wenn er spürt, dass ein Hund über kurz oder lang bei einem potenziellen Käufer auf der Strecke bleiben und irgendwann wieder abgegeben werden würde, sei das ein Ausschlusskriterium. „Wenn der Hund den Besitzer wechselt, ist es für ihn eine große soziale Herausforderung. So etwas darf nicht vorkommen“, sagt Fischer. Einen Hund zu haben, sei eine „große Aufgabe“, die einen für zwölf bis 15 Jahre binde.

Menschen, die sich einen Hund anschaffen wollen, rät er, auf die Seriosität des Anbieters zu achten und nicht nach den günstigsten Tieren Ausschau zu halten. Vermeintlich günstige Hunde aus dem Ausland, die dort nicht mehr gezüchtet, sondern regelrecht „produziert“ würden, zögen häufig hohe Arztkosten nach sich.

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