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Als SA-Trupps die Cloppenburger Juden aus den Häusern zerrten

Zum heutigen Holocaust-Gedenktag berichten wir über die Reichspogromnacht in Cloppenburg am 10. November 1938. Alle männlichen Juden wurden damals ins Gefängnis gebracht – viele danach auch ins KZ.

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Auf dem anonym aufgenommenen Bild ist zu sehen, wie das Geschäft der Familie Heiersberg in der Lange Straße am 10. November 1938 geplündert wird. Foto: Nachlass Hans Hochgartz

Auf dem anonym aufgenommenen Bild ist zu sehen, wie das Geschäft der Familie Heiersberg in der Lange Straße am 10. November 1938 geplündert wird. Foto: Nachlass Hans Hochgartz

Einen Vorgeschmack darauf, welche Grausamkeiten auf die Juden zukommen würden, bot ihnen die Reichspogromnacht im November 1938. Waren sie vorher boykottiert, diskriminiert und aus der Wirtschaft verdrängt worden, folgte nun körperliche Gewalt – auch in Cloppenburg. 

Der Vorwand für den Pogrom war ein Mord: Am 9. November 1938 erschoss der deutsch-polnische Jude Hermann Grünspan den deutschen Diplomaten und Nationalsozialisten Ernst vom Rath in Paris. Der 17-Jährige habe nach eigenen Aussagen die Ausweisung seiner Eltern nach Polen rächen wollen. Die Propaganda der Nationalsozialisten bauschte den Mord zu einem Angriff der Juden auf das Deutsche Reich auf. In der bereits gleichgeschalteten Münsterländischen Tageszeitung war von einem "vom internationalen Judentum angezettelten und von Judenhand ausgeführten feigen Meuchelmord" die Rede. In der Folge zogen Schlägertrupps der Sturmabteilung (SA) durch die deutschen Städte, setzten Synagogen in Brand, verschleppten Juden in Gefängnisse und plünderten deren Wohnungen und Geschäfte.

Foto: Arbeitskreis Archiv Stadtgeschichte CloppenburgFoto: Arbeitskreis Archiv Stadtgeschichte Cloppenburg

In Cloppenburg wurden die Männer der SA am frühen Morgen des 10. November 1938 einberufen. Der Standartenführer Johannes Braasch trug ihnen auf, jeden männlichen Cloppenburger Juden ins Gerichtsgefängnis zu bringen. Als Sühne für den Mord an dem Diplomaten Ernst vom Rath müsste jeder Jude zudem 1500 Reichsmark zahlen. Es wurden mehrere dreiköpfige Einsatztrupps gebildet, die anschließend in SA-Uniform die Cloppenburger Juden aufsuchten.

13 Juden eingesperrt in einer Ein-Mann-Zelle

Einer der betroffenen Cloppenburger Juden war Kurt Willner, der wenig später mit seiner Frau in die USA floh. Was er in der Reichspogromnacht erlebt hatte, berichtete Willner dem Oberstaatsanwalt beim Landgericht Oldenburg im September 1949: Um 7.30 Uhr sei er von SA-Männern aus dem Bett geholt worden. Ihm sei nicht erlaubt worden, sich vollständig anzukleiden. Wie alle anderen männlichen Angehörigen der jüdischen Bevölkerung in Cloppenburg sei er wie ein Schwerverbrecher behandelt worden. Der Schlägertrupp brachte ihn in das Cloppenburger Gefängnis. "Wir wurden mit circa 13 Leuten in einer Zelle untergebracht, die nur für eine Person bestimmt war. Wir erhielten kein Essen und keine Erlaubnis, die Zelle für menschliche Bedürfnisse zu verlassen." Drei Tage habe er im Gefängnis bleiben müssen, bis er nachweisen konnte, dass er bereits ein Visum für die Vereinigten Staaten hat.  

Kurt Willner hatte Glück: Die übrigen (vermutlich zwölf) Gefangenen wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht und wochenlang schwer misshandelt. Darunter auch Hermann, Julius und Alexander Heiersberg.

Einer der SA-Trupps war am Morgen des 10. November auch in ihr Haus eingedrungen. Die SA-Männer trieben den 75-jährigen Hermann Heiersberg, seinen Bruder Julius und Sohn Alexander zu Fuß durch die Lange Straße zum Gerichtsgefängnis. "Warum machen Sie das? Das können Sie doch nicht machen! Ich bin doch Deutscher; ich war Soldat und habe das Eiserne Kreuz", hatte Hermann Heiersberg noch in seinem Haus gerufen und dem SA-Trupp sein Eisernes Kreuz gezeigt. Das Schaufenster des Geschäfts Heiersberg in der Lange Straße wurde eingeschlagen, das Geschäft geplündert. 

"Ich schäme mich heute, dass ich ein Deutscher bin"

Aus der Nähe des Krankenhauses war im Verlauf des Morgens Rauch aufgestiegen: Die SA hatte die Cloppenburger Synagoge in Brand gesteckt. "Haben wir das nicht fein hingekriegt?", sagte einer der SA-Männer. Wertvolle Gegenstände aus der Synagoge sollten in der Kfz-Werkstatt Freyer und Fick an der Löninger Straße untergebracht werden. Doch der Inhaber wehrte sich: "Ich schäme mich heute, dass ich ein Deutscher bin", sagte er. 

In Gedenken an den ermordeten Diplomaten und Nationalsozialisten Ernst vom Rath benannten die Nazis die Lange Straße in Cloppenburg wenig später in "Vom Rath-Straße" um. Bis 1945 trug sie diesen Namen.

Foto: Nachlass Hans HochgartzArchiv StadtgeschichteFoto: Nachlass Hans Hochgartz/Archiv Stadtgeschichte

Konnten die hier erwähnten Kurt Willner, seine Frau Fredda, sowie die Familie Heiersberg (nach Südafrika) fliehen, ermordeten die Nationalsozialisten viele andere Cloppenburger Juden. Beate, Julchen, Simon, Max und Josef Jacobs wurden laut entsprechendem Stolperstein nach Zamość (Polen) deportiert und ermordet, wo ein Ghetto errichtet worden war. Die Ghettos dienten als Zwischenstation, von wo aus die Juden in die Konzentrationslager deportiert wurden. Frieda, Julius, Max, Moses, Philipp und Sara Frank sowie Helga, Hulda, Max, Rosa und Siegfried Rosenthal wurden nach Lodz (Polen) deportiert und ermordet, wo ebenfalls ein Ghetto errichtet worden war. Ob die Familien in den Ghettos oder später in einem der Konzentrationslager ermordet wurden, geht aus den Stolpersteinen nicht hervor. Ilse, Karl und Selma Simon nahmen die Nationalsozialisten am 21. Mai 1943 im Vernichtungslager Sobibor das Leben.

*Dieser Artikel basiert größtenteils auf dem Buch "Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Cloppenburg – Ein Beitrag zur Stadtgeschichte", von Walter Denis. Herausgeber: Heimatbund für das Oldenburger Münsterland 2003 (Die „Blaue Reihe“ Heft 10).

*In einer früheren Version war von Kurt Willmer die Rede. Der Name ist falsch, er heißt Willner. Wir haben den Fehler korrigiert. 

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