Alles ganz normal: Pöbelnd in Jogginghose
Gästebuch: Was früher normal war, gilt heute längst nicht mehr.
Anke Lucht | 10.03.2026
Gästebuch: Was früher normal war, gilt heute längst nicht mehr.
Anke Lucht | 10.03.2026

Ein entfernter Bekannter gab mir kürzlich unvermittelt den Rat: „Du musst einfach ganz normal schreiben, für normale Leute!“ Eigentlich hatte ich gedacht, bisher „normale“ Kolumnen geschrieben zu haben. Aber gegen – hoffentlich – gut gemeinte Ratschläge soll man sich nicht sperren. Also folgt nun eine – ebenfalls hoffentlich – ganz normale Kolumne. Wobei, so einfach ist das mit der Normalität eben doch nicht. Denn was ist schon normal? In den vergangenen Jahren sind so viele vermeintliche Normalitäten erschüttert worden, dass wir für einen Winter, wie wir ihn im Januar und Februar erlebt haben, dankbar sein müssten. Schließlich waren Schnee, Glatteis und Minusgrade lästig und herausfordernd, aber für die Jahreszeit völlig normal. „Völlig normal, dass man zunehmend das Bedürfnis verspürt, sich die Gesamtsituation mit Schokolade schönzuessen oder gar mit einem guten Tropfen schönzutrinken.“ Mindestens ebenso normal war es noch vor einigen Jahren, dass die Lenkung eines demokratischen Staates ein Mindestmaß an Kinderstube und Intellekt voraussetzt. Wer über keins von beidem verfügte, fiel beim Wahlvolk durch. Heute hingegen genügen die Bereitschaft zu hemmungsloser Pöbelei gegen Andersdenkende, ungetrübte Überzeugung von der eigenen Persönlichkeit, ein Wortschatz auf dem Niveau von 8-Jährigen und eine einflussreiche Milliardärsclique, und – zack! – hievt einen das Wahlvolk auf die mächtigste Position der Welt. Völlig normal, dass man zunehmend das Bedürfnis verspürt, sich die Gesamtsituation mit Schokolade schönzuessen oder gar mit einem guten Tropfen schönzutrinken. Rund 8 Kilogramm Schoki und knapp 26 Liter Wein konsumiert jede/r normale Deutsche im Schnitt pro Jahr. Das alles muss irgendwo hin. Insofern ist es nur normal, dass bequeme Kleidung längst nicht mehr den heimischen vier Wänden vorbehalten ist. Während einst ein berühmter Modeschöpfer das Tragen einer Jogginghose mit Kontrollverlust über das eigene Leben gleichsetzte, sind Sweatbuxen und Leggings längst auch in Büros und Partylocations ein normaler Anblick. Wahrscheinlich sollten wir alle die Jogginghose deutlich öfter für das tragen, wofür sie geschaffen wurde, nämlich fürs Sporttreiben. Stattdessen ist der und die normale Deutsche 72 Stunden in der Woche online – 3 volle Tage. Da bleibt nach normalen Berechnungen wenig Raum für Körperertüchtigung. In diesem Sinne müsste ich normalerweise längst wieder scrollend auf dem Sofa lümmeln. Aber normal für diese Kolumne ist ein Umfang von 2500 Zeichen. Von denen fehlten mir noch einige wenige – bis ziemlich genau hierher. Mehr Normalität in einer Kolumne geht kaum. Ich hoffe, entfernte Bekannte und sonstige normale Menschen sehen das genauso.Mehr Normalität in einer Kolumne geht kaum
Zur Person:
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