Abba, Gulfhaus, Helikopter
Gästebuch: Nicht überall kann man eine so schöne Jugend wie in Vechta erleben. Maßgeblich dazu beigetragen hat ein kleines Fachwerkhaus am Zitadellenpark.
Christian Bitter | 19.02.2026
Gästebuch: Nicht überall kann man eine so schöne Jugend wie in Vechta erleben. Maßgeblich dazu beigetragen hat ein kleines Fachwerkhaus am Zitadellenpark.
Christian Bitter | 19.02.2026

Der 20. Februar 1976: Die Olympischen Winterspiele waren gerade gelaufen, das Radio spielte ein völlig neues Opus namens „Mamma Mia“ von Abba, der Fasching warf seine Schatten voraus: Mein Freund Hugo kündigte an, als Cheyenne-Häuptling „Gefleckter Wolf“ die Cowboy-Folklore unseres spießigen Schulkarnevals revolutionär brechen zu wollen. Das war ein wichtiges Thema. Wir gingen in die 7. Klasse des Kollegs, hielten uns für totale Durchblicker und machten auf hippiesken Bonanzarädern die kleine Stadt unsicher. Es gab immer irgendwo was zu glotzen. Und Mofas durfte man erst ab 15. Hugo wusste auch an jenem Freitag, was zu tun sei: Wir fuhren in Richtung Jugendlager Falkenrott. Dort sollte ein Hubschrauber mit prominenten Politikern landen, die würden zur Eröffnung des neuen komischen Gulfhauses schon heiß erwartet. „Fürs große Gulfhaus waren wir noch zu klein.“ Gemeinsam mit einer Handvoll jugendlicher Gaffer warteten wir geduldig und diskutierten währenddessen das Intro des neuen Abba-Hits, das nach Ansicht echter Experten auf einem Xylophon eingespielt worden sei. Man horchte auf: Das Instrument war aus qualvollen Orff-Musikstunden durchaus bekannt, aber ziemlich unbeliebt. Dass man darauf so schönen Pop machen konnte? Nach 15 Minuten schwebte ein Hubschrauber ein, hinaus sprangen allerlei Bundestagsabgeordnete, die wir nicht kannten. Vorweg lächelte zwar kein Helmut Schmidt, aber Hans Lemp, der als damaliger Bundestagsabgeordneter des hiesigen Wahlkreises die Leute offenbar ins kleine Vechta gelockt hatte. Ein Begrüßungskomitee nahm die Herren und ihre Aktentaschen in Empfang, man eilte in Richtung Gulfhaus. Wir trollten uns achselzuckend nach Hause und freuten uns auf die grauenhafte TV-Serie „Väter der Klamotte“. Fürs große Gulfhaus waren wir noch zu klein. Kaum 2 Jahre später wurde das Fachwerk mein 2. Zuhause. Ich war mindestens dreimal pro Woche vor Ort, aufrechtes Mitglied der Musikfachschaft Trecker, großer Freund des freitäglichen Workshops und jeden Samstag auf unzähligen Live-Konzerten. Dieses selbstverwaltete Jugendzentrum erwies sich als einzigartiger klassen- und schulübergreifender Treff junger Leute zwischen 16 und 23 und bescherte mir eine wunderbare Jugend, die man so – das erfuhr ich erst später – keineswegs in jeder deutschen Kleinstadt verleben konnte. Nächstes Wochenende feiert das Gulfhaus seinen 50. Geburtstag. Es gibt einen Workshop, ein Konzert und einen Sonntag der offenen Tür. Ich werde an Säule 3 stehen. Feiern Sie mit – oder, um es mit Freund und Dichter Marco Sagurna zu sagen: Alle hin!Zur Person:
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