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„The Summer Portraits“: Ein Album voller Herzenswärme in eisigen Zeiten

Der Kulturtipp: Auf seiner Reise durch die eigene Kindheit und Jugend intoniert Ludovico Einaudi, wie wir Unbeschwertheit, Gelassenheit und Freiheit in uns bewahren – und erinnert an Albert Camus.

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Der italienische Komponist und Pianist Ludovico Einaudi hat sein neues Album „The Summer Portraits“ just veröffentlicht. Foto: dpa/Rodrigo

Der italienische Komponist und Pianist Ludovico Einaudi hat sein neues Album „The Summer Portraits“ just veröffentlicht. Foto: dpa/Rodrigo

Wenn es den Menschen fröstelt, braucht er Herzenswärme. Das muss sich wohl insgeheim auch der italienische Komponist Ludovico Einaudi gedacht haben, als er sich an sein aktuelles Album „The Summer Portraits“ gemacht hatte. Der Pianist holt Erinnerungen an den Sommer seiner Kindheit in die kalte Jahreszeit und schafft warme Klänge, die berühren.

„In Italien ist die Schule Anfang Juni zu Ende, also zog ich ans Meer, bis Anfang September. Das war eine lange Zeit ohne Schuhe“, sagt er in einem Interview. „Ich konnte völlig frei tun und lassen, was ich wollte, und niemand fragte nach mir“, schwärmt der Italiener. „Es war fantastisch, mit 7 oder 8 Jahren allein spazieren zu gehen – morgens rauszugehen und abends zurückzukommen. Ich erlebte alle schönen Momente des Lebens, von der Liebe über die Musik bis zum Essen. Es war eine umfassende körperliche und emotionale Erfahrung, Jahr für Jahr.“

Foto: dpa/ArmestreFoto: dpa/Armestre

Aus diesen umfassenden körperlichen und emotionalen Erfahrungen hat der 69-Jährige 13 Songs geschaffen. Inspiriert wurde er von etwa 30 Ölgemälden in einer Villa auf der Insel Elba. Aus der Farbpalette wurde eine Klangpalette mit barocken Geigenklängen, orchestralen Parts, die von den Streichern des Royal Philharmonic Orchesta unter der Leitung von Robert Ames eingespielt wurden. Neben den Musikern Federico Mecozzi (Violine und Viola), Redi Hasa (Cello) und dem Multiinstrumentalisten Francesco Arcuri sind auch subtil elektronische Elemente auf dem Album zu erleben.

1. Rose Bay: Der Opener beruhigt mit repetitiven Streicherklängen, begleitet durch rhythmische Klavierakkorde. Es stellt sich umgehend ein wohliges Gefühl ein, das an die letzten Sonnenstrahlen eines Sommerabends erinnert, die einem zart das Gesicht streicheln. Die Sonne geht gen Ende des Songs unter, die Hitze weicht angenehmer Wärme.

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2. Punta Bianca: Track 2 ist pure Nostalgie. Sehnsucht nach einer weit in der Vergangenheit liegenden Erinnerung, die sich noch heute anfühlt, als wäre sie erst gestern gewesen. So greifbar, aber doch so fern. Zurück bleibt ein Hoch von Wehmut.

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3. Sequence: Violinen führen unaufgeregt durch ein Stück Wald, untermalt von einfachen Klavierklängen. Das Pianissimo erlöst den Hörer vom Wehmut aus „Punta Bianca“. Im Wechsel lenken Violine und Klavier durch das Geäst – ohne Suche, ohne Ziel. Ein kleiner Spaziergang abseits der Hitze im kühlen Tann.

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4. Pathos: Wird seinem Namen umgehend gerecht. Das kräftige Crescendo steht sinnbildlich für die Leidenschaft des Sommers. Ausdrucksvoll: Das Schauspiel der Natur in der Gewalt des Wassers. Peitschende Wellen am Bug des Schiffs. Ein Tanz der Tropfen, die im Fahrtwind den erwärmten Körper mit kühler Feuchtigkeit benetzen. Wie ein Pfeil, der voller Enthusiasmus der Zielscheibe entgegenfliegt, stimmen die Geigen zur Klimax an, befeuert durch Paukenschläge, ehe sich die wilde Fahrt gen Mitte kurz beruhigt, um nochmal richtig Fahrt aufzunehmen. Der Track gipfelt in einer Gefühlsexplosion, feierlich erhaben, um sanft auszuklingen.

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5. To Be Sun: Das Elixier des Sommers intoniert der fünfte Song des Albums. Doch was bedeutet es, selbst Sonne zu sein, sich und anderen? Gemach schreitet das Klavier voran. Ruhig führt es den Hörer, Violinen setzen ein, das Cello erdet. Die Klangpalette verengt sich auf Melancholie. Die Vorhänge wehen im Wind. Sonnenstrahlen dringen ins Innere. Aus dem Innern wandert Wärme ins Außen.

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6. Jay: Sphärische Klänge hüllen den Hörer in eine dichte, weiße Wolke. Die sich wiederholenden Akkorde haben etwas mantraartiges. Leichte Varianzen des Schemas sorgen dafür, dass sich niemand im Dickicht verliert. Wie auf Rosen gebettet, gleiten die Töne in den Gehörgang und geleiten durch etwas mehr als 3 Minuten Ruhe.

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7. In Memory Of A Dream: Das emotionale Schwergewicht des Albums ist die Erinnerung an einen Traum. Diese Elegie ist reich an Sehnsucht. Streicher und Klavier intonieren Güte. An dieser Stelle verkümmern Worte zum bloßen Versuch, Gefühle zu formulieren. Musik beginnt dort, wo Sprache endet.

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8. In Limine: Im direkten Vergleich geht es beinahe düster weiter. Dabei ist die Gemeinde Limone sul Garda am Westufer des Gardasees ein wahres Schmuckstück. Offenbar hat der Komponist auch dunkle Erinnerungen an die Provinz Brescia in der Lombardei, die aber nur bis zur Mitte des Songs anhalten. Die Instrumente verstummen, Vogelgezwitscher setzt ein. Langsam scheinen sich die dunklen Wolken beiseitezuschieben. Arpeggios von Klavier und Cello geben Struktur, bis der Ton der Stille weicht.

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9. Summer Song: In seiner simplen Art des Komponierens und Musizierens bringt Einaudi mit dem Track „Summer Song“ die Empfindung der zweiten Jahreszeit zum Ausdruck. Im abermaligen Zusammenspiel der Saiten-Instrumente entstehen auf etwas mehr als 4 Minuten Länge nachdenkliche Passagen. Abschiedsschmerz.

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10. Oil On Wood: An dieser Stelle treten ganz klassische Einaudi-Terzen und -Quinten auf, die wie ein Pendel die Melodie formen – im Wechsel mit den Bass-Tönen des Pianos. Farbenpracht auf schwarzen und weißen Tasten, die mehr als Grautöne ermöglichen. Gen Ende schwingt das Pendel aus und fängt an zu kreisen. Es kreist um den Zuhörer und hüllt ihn ein wie der warme Sommerwind, der von allen Seiten strömt und den Körper durchströmt.

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11. Episode One: Mit einer Leichtigkeit und Raffinesse schafft Einaudi es, binnen kurzer Zeit ein Klangzelt aufzubauen, das einen freudig aufgeregt werden lässt, ohne in Unruhe zu versetzen. Die Koffer im Kopf scheinen bereits gepackt. Das Meer, die Bergen rufen. Ein warmer Schauer fährt durch den Korpus. Das Tempo erhöht sich und findet ein abruptes Ende. Fast so, als wolle der Komponist uns sagen: Es reicht, wenn es im Kopf geschieht.

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12. Maria Callas: Das Cello in „Maria Callas“ erinnert unweigerlich an Einaudis Anfänge und sein Debüt-Album „Le onde“. Dieser unverwechselbare schwere, aber gleichzeitig leichte Klang ist sinnbildlich für den Turiner. Mit wenigen Tönen schafft er Vertrautheit. Womöglich ist der Song auch der gleichnamigen Sopranistin gewidmet. Die Hommage wird der virtuosen Sängerin gerecht, die nicht nur in vielen Rollen auftrat, sondern auch als Mensch ein Vermächtnis hinterließ. Als griechische Staatsbürgerin mit zusätzlich italienischem Pass bleibt sie eine Brückenbauerin des Mittelmeerraumes in Erinnerung und wird mit dem 12. Track des Albums in berührender Art und Weise gewürdigt.

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13. Santiago: Das Beste kommt zum Schluss. Und manchmal ist nur einfach genial. Mit diesen Erkenntnissen ist vielleicht der Song „Santiago“ entstanden, der sich trotz Sommerhitze wie eine warme Decke anfühlt, in die sich der Hörer freiwillig hüllen lässt. Dem ruhigen Klavierspiel verleiht das Stakkato des Xylophons eine Festigkeit. Die raumfüllenden Klänge der Synthesizer machen den Sound satt. Es fühlt sich an, als wäre nichts mehr zu tun, weil alles getan ist. Ein Ort des (Zufrieden-) Seins. Auch die Erinnerung gibt einem das Gefühl von Zuhause-Sein, wenn sie nicht mit dem Jetzt verwechselt wird. Dieser Rückzugsort, diese leichte Form des Eskapismus, ist vielleicht das zeitweilig größte Geschenk, das wir uns machen können. Dieser Ort kann Santiago heißen.

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Mit seiner musikalischen Reise durch die Ferienorte seiner Kindheit, den Erinnerungen von Unbeschwertheit, Gelassenheit und Freiheit der Jugend, lädt Einaudi nach „Seven Days Walking“ den Hörer ein, den Sommer stets im Herzen zu tragen. Getreu der Erkenntnis Albert Camus': „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“ Dieser klangvolle Sommer kann uns ein wohlwollender Begleiter sein. Herzenswärme in eisigen Zeiten.

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