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#Schopenhauer – Wille, Vorstellung und Wirklichkeit

Kolumne: Irgendwas mit # – Der deutsche Denker Arthur Schopenhauer kommt in der klassischen Lehre der Philosophie nicht wirklich als Optimist daher. Womöglich wegen eines fundamentalen Irrtums.

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Er war ein Einzelgänger. Wurde nicht gerade als Menschenfreund, teils sogar als frauenfeindlich bezeichnet. Sein einziger Lebensbegleiter war ein Pudel. Unter Frankfurter Chronisten galt er als ein "verkannter Niemand". Die Rede ist von Arthur Schopenhauer – einem der wohl missverstandensten und fehlinterpretiertesten Philosophen des 19. Jahrhunderts. Laut Persönlichkeitsanalyse ein wankelmütiger Pessimist. Und warum? Höchstwahrscheinlich, weil sein Hauptwerk, der dreiteilige Band "Die Welt als Wille und Vorstellung", nie wirklich verstanden wurde. Teils aus semantischen Gründen und daraus resultierenden Widersprüchen.

Der "Wille" als das Substrat der Welt

Klarheit hat nun Bernardo Kastrup, Informatiker und Rennateur des metaphysischen Idealismus (die Wirklichkeit ist mehr als Materie) geschaffen. In "Decoding Schopenhauer’s Metaphysic" zeigt er auf 118 Seiten, wie nach Schopenhauer Wirklichkeit zu verstehen ist. Quintessenz des dreiteiligen Bandes ist der Satz: Der "Wille" ist das Substrat der Welt. Vereinfacht gesagt: die Essenz des Lebens, die aller Vorstellung (wie sich Leben in Materie zeigt und erfährt) zugrunde liegt.

Materielle Dinge sowie Gedanken (Objekte) sind auch nach Schopenhauer vergänglich. Aber der Wille (zum Leben), als Grundlage aller Gedanken und Objekte, ist nicht im Raum-Zeit-Kontinuum gefangen. Ergo ist der Wille, in Anlehnung an die Quantenmechanik, synonym zu setzen mit Bewusstsein. Bewusstsein, das sich seiner selbst bewusst wird. Entweder durch einen Körper, Gedanken oder Objekte – in einer vermeintlichen Welt da draußen. In der Quantenmechanik wird Bewusstsein als Nicht-lokaler-Raum bezeichnet. Sozusagen die Urquelle, woher alles entspringt. Ohne Anfang und Ende. Alpha und Omega, wie die Christen wissen. Metaphorisch gesprochen ist dieser Raum die Leere, durch die alle Dinge passieren. Man könnte es als Gott bezeichnen, wäre der Begriff nicht so negativ besetzt.

Doch warum wissen wir nichts von dem Willen, obwohl wir uns unser selbst bewusst sind (im Gegensatz zu den meisten Tieren oder Pflanzen)? Und zeugt es nicht erst von Bewusstsein, sich seiner selbst bewusst zu sein?

"Zu sehen, was hinter den Erscheinungen liegt, zu sehen, was sie ermöglicht: Wie die Sonne, die sich selbst und alles er- und durchleuchtet. Darin hindert uns oft der Verstand."Max Meyer, Volontär

Das mutmaßliche Paradoxon, dass sich Bewusstsein nur durch ein Objekt bewusst sein kann, erklärt Kastrup mit dem Begriff Dissoziation. Gleich einer multiplen Persönlichkeitsstörung, in der die einzelnen "Ichs" nichts voneinander wissen, dissoziiert Bewusstsein in Form eines Körpers und vergisst seinen Ursprung. Wie durch ein Alter Ego ist abstrakte Trennung geschaffen.

Die Alter Egos, wir als Personen (und allen anderen Objekte), sind wie Buchstaben und Wörter: Wir deuten auf etwas über uns hinaus hin. Auf die Essenz, den Willen, der sich als alles und nichts entpuppt. Das Göttliche, das vermeintlich erst wieder zum Vorschein kommt, wenn mit dem Tod die illusorische Trennung durch Individualität zerfällt.

Der vermeintliche Dualismus (Subjekt-Objekt-Beziehung) Schopenhauers: Der Wille (Subjekt) ist Grundlage aller Objekte. Doch durch die Objekte erfährt er sich selbst und ist sie selbst (non-dual). Das ist für Schopenhauer die tiefste Erkenntnis: Zu sehen, was hinter den Erscheinungen liegt; zu sehen, was sie ermöglicht: Wie die Sonne, die sich selbst und alles durchleuchtet.

Ein einfaches Etikett – und schon übersehen wir die Wirklichkeit

Darin hindert uns oft der Verstand. Wir sehen meist nicht hinter die Dinge. Ein Beispiel: "Das ist eine Amsel." Ein Etikett, und schon ist unsere Aufmerksamkeit woanders – gefangen in Konzeptionen und Rationalisierungen. Und das, was dort durch die Lüfte streift, ist nie mehr gesehen. Schopenhauer fasste das wie folgt zusammen: "Die Welt ist so reich an Inhalt, das nicht einmal das tiefgehendste Denken des menschlichen Verstandes sie jemals erforschen könnte."

Wer so eine tiefe Einheit und damit einen kongruenten metaphysischen Sinn des Lebens formuliert, kann nur schwerlich als pessimistischer Philosoph verstanden werden.


Zur Person:

  • Max Meyer ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@ov-online.de

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