Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass jeder eins hat: Dieses eine Lied, das das Trommelfell so drangsaliert, dass Folter dann doch als annehmlichere Option scheint. Einige müssen vielleicht länger drüber nachdenken, andere nennen ihren Song wie aus der Pistole geschossen. „Last Christmas“ von „Wham!“ steht bei vielen wohl ganz oben auf der Liste. Meine Schwägerin hat diesen Gemütszustand mal sehr treffend beschrieben: „Mit dem Fuß ins Radio“ möchte sie treten, wenn „Diamonds“ von Rihanna läuft. Um meinen Schwager zu ärgern, muss ich nur „Hulapalu“ von Andreas Gabalier spielen.
Mein Kryptonit ist Mark Forster. Die Kombination von immer gleich klingenden Melodien und grenzdebil wirkenden Texten macht mich fuchsig. Wohl nicht so clever, dass ich das hier verrate, aber so viele Erzfeinde, die dieses Wissen gegen mich einsetzen werden, habe ich hoffentlich nicht. Ich meine, ein Song von ihm trägt den Titel „Kogong“ – muss ich mehr sagen? Mit Lea singt er in „Drei Uhr Nachts“: „Nur, wenn ich rolle durch die Nacht...“ An der Stelle sehe ich vor meinem inneren Auge Markimark immer bäuchlings einen Hang runterollen. „They see me rollin'... They hatin'...“ Um mit dem Lumpenpack bessere Musiker zu zitieren: „Mein Hass ist nicht genug.“
„Forscher gehen davon aus, dass Ohrwürmer eine Reaktion auf Leerlaufphasen unserer Gehirne sind. Aber warum muss auch das Gehirn der Musikmacher bei dem Entstehungsprozess des Liedes leer gewesen sein?“
Deutsche Songs sind ja leider besonders prädestiniert dafür, dass man aufmerksam den Texten lauscht. So geschehen bei „Memories & Stories“, von mir abschätzig „Emotions & Feelings“ getauft. Da hat der Ausnahmekünstler (in einem ganz anderen Sinne) noch mal alles getoppt. Die Mischung aus Denglisch, Jugendslang und vollkommen unzusammenhängenden Nonsens killt mich jedes Mal aufs Neue. „Bin zufrieden, doch auch bisschen lost, ich schrei' rum und ich spuck' in die Luft, alles, was ich will, ist 'n Kuss...“ Warum? Iiiihh! Lass das bitte, Mark! Ein Kuss mit der Spucke noch am Mund? Bah, du Ekeliger.
Und weil es so schön ist, brennen sich gerade solche Songs besonders stark in die Schädeldecke ein. Forscher gehen davon aus, dass Ohrwürmer eine Reaktion auf Leerlaufphasen unserer Gehirne sind. Aber warum muss auch das Gehirn der Musikmacher bei dem Entstehungsprozess des Liedes leer gewesen sein? Ich bin mit dem Problem wohl nicht allein. Es bleiben die Lieder hängen, die mit starken Bewertungen verbunden sind – sowohl positiven als auch negativen, schreibt die „Welt“ über Ohrwürmer.
Mein Lieblingsmuffel Patrick Salmen hat mal „Lieblingsmensch“ von Namika auseinandergenommen: Lieblingsfarbe Burgunderrot, Lieblingsmensch Jürgen. „Mach ich dir was vor, fällt′s dir sofort auf, lass ich mich häng'n, dann baust du mich auf“, reimt Namika dort clever. Ach, vielleicht können wir einfach keine lyrischen Ergüsse bei deutscher Popmusik erwarten. Das nächste Mal, wenn Mark Forster im Radio läuft, schmeiß’ ich es aus dem Fenster. Das sind sicherlich diese Emotions und Feelings, von denen er singt.
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