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Der Kreuzkampf und die Mentalität einer Region

Wie die Menschen um ihr Recht auf Selbstbestimmung stritten. Südoldenburger und ihre Gedanken zu Kreuz und Christentum:

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Wir sind im Oldenburger Münsterland. Und wer versucht, sich die Eigentümlichkeit dieser Region im Nordwesten Deutschlands zu erschließen, der fängt am besten mit dem „Kreuzkampf“ an. Ein Schlagwort, das zunächst einmal auf den „Kampf um das Kreuz in der Schule“ im Jahr 1936 verweist, zugleich aber tief eindringt in die Geschichte der beiden Landkreise Cloppenburg und Vechta und den Blick öffnet auf die so ganz eigene Lebenswelt ihrer Bewohner.

Die Historie in knappster Form: Seit dem späten Mittelalter war der Bischof von Münster Landesherr in der Region, die einen Teil des sogenannten Niederstifts Münster bildete. Im 16./17. Jahrhundert konnte sich hier – wie auch im gesamten Umfeld – die Reformation durchsetzen. Doch im Zuge der sogenannten Rekatholisierung gelang dem münsterischen Kirchenfürsten die Wiedereinführung der katholischen Lehre. Von nun an entwickelte sich eine weitgehend katholisch geprägte Enklave in einem protestantisch bestimmten Umfeld.

Daran änderte sich auch nichts, als 1803 die münsterischen Ämter Vechta und Cloppenburg dem Herzogtum Oldenburg zugeschlagen wurden. Im später dann so genannten Oldenburger Münsterland blieb die katholische Kirche und damit der Bischof von Münster ein entscheidender Faktor – nicht unbedingt zur Freude des Oldenburger Herzogs. In Vechta amtiert seit 1831 ein Bischöflicher Offizial als Vertreter des Bistums; die Katholiken untermauerten ihre Eigenständigkeit vor allem auch durch Einführung der katholischen Konfessionsschule und eines entsprechenden Oberschulkollegiums.

Die abgeschottete Lage dieser kleinen Region führte zur Ausbildung einer ganz speziellen Bevölkerungsmentalität. Die Forschung spricht hier von einem „dichten katholischen Milieu“, einer Sondergesellschaft mit einem besonders starken Einfluss der Geistlichkeit, einer ausgeprägten katholischen Vereinsstruktur und – vor allem seit Gründung des Deutschen Reiches 1871 – einer dominierenden politischen Kraft, der Zentrumspartei. Diese so ganz eigene Lebenswelt konnte sich über viele Jahrzehnte halten und stabilisieren, weil im Herzogtum und – seit 1919 – Freistaat Oldenburg ein politisch wie religiös eher liberales Klima herrschte. Die Situation änderte sich ab 1932 dramatisch: Oldenburg wurde als erstes Land im Deutschen Reich von den Nationalsozialisten regiert. Die Regierung um den Rassisten und Antidemokraten Carl Röver, einem frühen Mitstreiter Adolf Hitlers, pochte auf die Durchsetzung der „Weltanschauung des Nationalsozialismus“ und ging damit zunehmend auf Konfrontationskurs vor allem gegen die katholische Kirche. Im Oldenburger Münsterland, in dem ein Großteil der Bevölkerung der Nazi-Ideologie ablehnend gegenüberstand, sorgte das für zunehmende Beunruhigung.

Die Situation eskalierte, als der oldenburgische Kirchen- und Schulminister Julius Pauly 1936 ein verschärftes Schulgesetz in Kraft setzte. Es sollte den Einfluss der Kirchen auf die Schulbildung drastisch beschränken. In der Folge wurde am 4. November in einem Erlass verfügt, dass Schulen nicht mehr kirchlich geweiht werden dürften. Außerdem wurde das Anbringen kirchlicher und anderer religiöser Symbole in staatlichen Einrichtungen verboten; vorhandene Symbole – so auch die Kreuze und Lutherbilder in den Schulen – seien zu entfernen.

Ein Sturm der Entrüstung brach los in den katholischen Ämtern des Oldenburger Landes. Das „Kreuz in der Schule“ wurde zum markanten Sinnbild des Widerstandes gegen die Bevormundung durch ein Regime, das die angestammte Lebensweise der Bevölkerung, ihre – nicht allein religiös zu deutenden – Empfindungen und Bräuche so offensichtlich missachtete und zu vernichten drohte. Es war ein Aufschrei der gequälten Seele, um es etwas pathetisch zu formulieren.

In unterschiedlichsten Protestaktionen brachten die Menschen ihre Ablehnung zum Ausdruck; dabei keineswegs gesteuert durch die Kirche als Institution. Münsters Bischof Clemens August Graf von Galen, als gebürtiger Dinklager selbst ein Sohn des Oldenburger Münsterlandes, hatte in seinen Predigten und Hirtenbriefen zwar immer wieder auf die Bedrängungen durch das Regime und die verhängnisvolle Ideologie des Nationalsozialismus hingewiesen. Im nun einsetzenden Kreuzkampf fiel ihm, den Pfarrern in den Gemeinden und dem Offizial in Vechta eine eher begleitende Rolle zu. Wenngleich sie auch sehr deutlich machten, dass „jeder Angriff auf das Kreuz, das Zeichen der Erlösung,für uns ganz selbstverständlich ein Angriff auf das Christentum ist“ (Offizial Franz Vorwerk).

In einem am 27. November 1936 veröffentlichten Hirtenbrief dankte Bischof von Galen seinen „teueren Heimatgenossen und Landsleuten“. Die Gläubigen hätten erkannt, „welche unheilvolle Entwicklung sich hier anbahnt, welch unabsehbares Unheil sich hier ankündigt.“ Und sie hätten „selbst die Hände geregt“ – „ohne Menschenfurcht Zeugnis abgelegt“. Galen selbst und vielen Beteiligten war klar, dass dieser Weg im Nazi-Terrorstaat auch „in den Kerker und den Tod“ führen konnte.

Die oldenburgische Regierung und die Partei unter Führung von Gauleiter Carl Röver gerieten massiv unter Druck. Nachdem die Verantwortlichen zunächst den Erlass mit Gewalt durchsetzen wollten, setzte sich schließlich die Einsicht durch, dass eine Rücknahme des Erlasses sinnvoller sei. Röver selbst wollte dies am 25. November in der Cloppenburger Münsterlandhalle auf einer großen Kundgebung unter dem besonderen Schutz von SA-Wachmannschaften den „Münsterländern“ verkünden und dabei versuchen, den Prestigeverlust des Regimes möglichst klein zu halten.

Doch in der von tausenden aufgebrachten Menschen besetzten und umlagerten Halle konnte er seine Rede nicht zu Ende führen. „Zur Sache! – das Kreuz!“, war immer lauter zu hören. Und so beendete Röver die Versammlung mit der Verlesung des Rücknahme-Erlasses: „Die katholischen Schulen des Landesteiles Oldenburg sollen das Kruzifix und dementsprechend die evangelischen Schulen das Lutherbild behalten.“ Der Jubel über diesen „Sieg“ über das Regime war unbeschreiblich, so stellen es Berichte von Zeitzeugen dar. Selbst international wurde der „Oldenburger Kreuzkampf“ als einzigartige, erfolgreiche Protestbewegung beschrieben.

Auch in der Folgezeit gab es eine ganze Reihe von Initiativen aus der katholischen Bevölkerung gegen den kirchen- und christentumsfeindlichen Kurs von Regierung und Partei in Oldenburg. Anfang 1937 schlug das Regime dann zurück. Eine ganze Reihe von Protestlern wurde verhaftet, einige in Konzentrationslager gebracht und dort schwer misshandelt. Auch gegen besonders profilierte Geistliche schritt das Regime ein, einige – so auch der Offizial Franz Vorwerk – mussten das Land Oldenburg verlassen. Der Vechtaer Historiker Professor Bernd Ulrich Hucker hat in seinem Vortrag zur Eröffnung des Projektes „Mut zum Kreuz“ im März 2016 Vorwerk als „Seele des katholischen Widerstandes“ bezeichnet und darauf hingewiesen, dass er von Carl Röver mit dem KZ bedroht worden sei. In der Folge des Goldenstedter Schulkampfes 1938, bei dem sich eine Vielzahl von Eltern gegen Konfessionsschul-Verfügungen der NS-Regierung stellten, wurden erneut mehrere Männer verhaftet und in Konzentrationslager eingeliefert.

Der weiter bestehende Unmut der Bevölkerung äußerte sich nun vornehmlich in religiösen Kundgebungen und Wallfahrten. Die Teilnehmerzahlen stiegen ab 1937 stark an. Außerdem kursierten im Oldenburger Münsterland unter der Hand eine Reihe von Spottgedichten und Hohngesängen gegen das Regime.

Die Ereignisse rund um den Kreuzkampf sind vielfach beschrieben worden. Vor allem ein Team um die Vechtaer Historiker Professor Dr. Joachim Kuropka und Dr. Anna Maria Zumholz hat die Besonderheit dieses aus der Bevölkerung heraus erwachsenen Widerstandes gegen die Bedrückungen durch das Nazi-Regime im Detail erforscht und bewertet. So wissen wir heute, dass es sich bei dem „Kampf um das Kreuz in der Schule“ 1936 nur um einen Teil einer größeren religiös wie politisch motivierten Protestbewegung handelte. Getragen von ihrer zutiefst ausgeprägten katholischen Mentalität gingen die Menschen gegen einen Staat vor, der sich anmaßte, ihr Recht auf Leben, auf persönliche und religiöse Selbstbestimmung zu beschränken. Im Umkehrschluss setzten sie sich ein für ein Menschenbild, in dem Jeder – unabhängig von Rasse, Glaube, Behinderungen oder Herkunft – als Ebenbild Gottes gesehen wird.

Das ist nicht eben wenig und das Oldenburger Münsterland kann stolz sein auf diesen in der Geschichtsforschung lange verkannten und falsch eingeordneten Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Wenn man heute einen Blick auf die Region wirft, fallen natürlich die grundlegenden Änderungen in der Bevölkerungsstruktur ins Auge; Flucht und Vertreibung nach dem Krieg, die Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte, die rasante Aufwärtsentwicklung der heimischen Wirtschaft, sie haben viele neue Menschen zu uns geführt. Das Katholische ist nicht mehr das uneingeschränkt Vorherrschende, das früher so geschlossene Milieu gibt es in der Form nicht mehr.

Und doch: Wer aufmerksam hinsieht und zuhört, findet immer wieder beeindruckende Anklänge an jene Zeiten, in denen um ein christlich bestimmtes Menschenbild gerungen wurde. Erinnert sei nur an die Proteste gegen die Ausbeutung von Leihund Werkvertragsarbeitern oder die Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen. „Dat sitt in‘ne Stänners“, heißt es dazu auf Plattdeutsch. Etwas eleganter könnte man übersetzen, es gehört eben zur gewachsenen Identität des Oldenburger Münsterlandes.

Fakten

  • Am 20. August: Janine Wernli aus Mühlen.
  • „Mut zum Kreuz!“ ist ein Projekt der Kardinal-von-Galen Stiftung Burg Dinklage, der OV und der Münsterländischen Tageszeitung in Cloppenburg.
  • Anlass für das Projekt sind der 70. Todestag des Seligen Clemens August Kardinal von Galen im März 2016 und die Rückschau auf den Kreuzkampf im Oldenburger Münsterland vor 80 Jahren.
  • Der 1878 auf Burg Dinklage geborene Kardinal predigte gegen die Euthanasie-Morde der Nazis. Im Kreuzkampf protestierten 1936 Südoldenburger öffentlich und mit Erfolg gegen die von den Nazis angeordnete Entfernung der Kreuze aus katholischen Konfessionsschulen.
  • Ab dem 18. September findet eine Ausstellung auf Burg Dinklage statt.
  • Im November erscheint ein Buch zum Thema.
  • „Mut zum Kreuz!“ wird unterstützt von der LzO und der CEWE-Gruppe in Oldenburg.

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