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Botox macht mir das Kino kaputt

Kolumne: Der Schönheitswahn greift weiter um sich, die Kameras werden immer besser – und die Filme immer emotionsloser. Es ist Zeit, wieder mutiger zu werden.

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Ich vermisse Emotionen im Kino, hässliche Fratzen, Schnodder und rote Backen, Lachen mit schiefen Zähnen und dreckige Klamotten. Ich vermisse Menschen, die in ihre Umgebung passen, und Umgebungen, die in ihren Film passen.

Klar, zum Teil sind die Kameras einfach zu gut geworden. Was einen früher nicht stören konnte, weil man es ohnehin nicht erkannt hat, springt einem jetzt ins Auge. Zu viel Make-up, Extensions, Kleidung, die nicht in die Zeit oder Welt passt – Details eben. Die einem eigentlich nicht wichtig sind, aber doch immer wieder kurz aus der Welt holen.

Viel nerviger ist aber eine grundlegende Entwicklung: Es scheint keine hässlichen Schauspielerinnen und Schauspieler mehr zu geben. Der Schönheitswahn greift immer weiter um sich und hat seine Krallen am tiefsten in denen, deren Karriere von ihrem Aussehen abhängt.

Es fängt schon klein an. Wieso wachen Frauen in Filmen grundlegend geschminkt auf? Wieso sind Schauspieler in apokalyptischen Welten glattrasiert? Wieso dürfen Filme nicht mehr anecken? Wieso zwingen wir Figuren aus anderen Zeiten, anderen Welten retrospektiv unsere Schönheitsideale auf?

„Die Schönheit kostet uns das, was das Schauspielhandwerk zur Kunst macht: Mikroexpressionen.“

Wie immer ist die Antwort einfach: Geld. Was schön aussieht, verkauft sich auch gut. In Hollywood sind Schönheitsoperationen, extreme Diäten und Lebensstile sowie Beauty-Behandlungen Alltag. Klar, auf dem roten Teppich macht sich das gut, in Werbungen und auf Instagram auch. Was auf der Strecke bleibt: echte Menschen, deren Geschichte echt erzählt wird.

Damit kritisiere ich nicht die Menschen, die sich mit Botox behandeln lassen, sondern die Casting-Entscheidungen. Denn ja, Menschen mit Schönheitsoperationen sind auch echte Menschen. Sie verbauen sich aber den Weg, Menschen zu spielen, die keine Schönheitsoperationen hatten. Das wird ein Problem, wenn eine Schauspielerin, die ihre Stirn nicht mehr bewegen kann, eine Frau aus dem 17. Jahrhundert spielen will. Egal, wie gut sie spielt, den Zuschauer wird immer etwas stören, auch wenn er nicht zuordnen kann, was.

Die Schönheit kostet uns das, was das Schauspielhandwerk zur Kunst macht: Mikroexpressionen. Klitzekleine Bewegungen, die Emotionen übermitteln, auch wenn sich das Gesicht kaum bewegt hat. Ein leichtes Zucken an der Nase, ein Mund, der lacht, Augen, die traurig bleiben. Subtilität.

Es ist Zeit, aus dieser Schönheits-Spirale auszubrechen und Zuschauern mal wieder etwas zuzutrauen. Sie mit etwas zu konfrontieren, was sie in der Filmwelt schon länger nicht mehr gesehen haben: die Realität.


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