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Virus befällt Gastronomie: Bier verdirbt und Kneipen sterben

Kein Umsatz, keine Zukunft: Stadtkneipen und Dorfgasthöfen geht die Luft aus. "Die leben vom Tafelsilber", sagt Branchenkenner Günther Tebben. Er fordert: Lockdown jetzt und dann richtig öffnen.

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Kritischer Blick: Geschäftsführer Günther Tebben lässt jeden Tag abgelaufene Ware aussortieren. Foto: Kreke

Kritischer Blick: Geschäftsführer Günther Tebben lässt jeden Tag abgelaufene Ware aussortieren. Foto: Kreke

Auf dem Hof von Getränke Brügging in Cloppenburg stehen sich Kühllastzüge und Bierwagen die Reifen platt. Die 30 "rollenden Theken", die sonst auf Schützen- und Stadtfesten ausschenken,  hat Geschäftsführer Günther Tebben schon im Oktober 2019 abgemeldet. Ein Ende des Stillstands ist nicht abzusehen.

Dass die Corona-Ruhe im Sommer endet und Volksfeste mit gezapftem Pils erlaubt sein werden, kann sich die gebürtige Garreler kaum vorstellen. Vielleicht das Cloppenburger Cityfest im September? "Ich würd‘s mir wünschen", sagt Tebben und lächelt gequält: "Aber ich bin skeptisch." 80 Prozent des Umsatzes sind weggebrochen. Von den elf Liefer-Lastzügen verlassen nur noch drei das Gelände an der Krapendorfer Kämpe. 8 sind abgemeldet, jeder 170.000 Euro wert: Totes Kapital.

Selbst Hospitäler ordern weniger wegen Corona

Das Cloppenburger Tochterunternehmen der Krombacher Brauerei beliefert noch ein paar Tankstellen und große Krankenhäuser in Oldenburg, Westerstede und Delmenhorst. Aber selbst dort ist der Durst beschränkt. Denn auf den Normal-Stationen werden weniger Patienten behandelt, weil das Personal zur Versorgung der Corona-Patienten benötigt wird. "Da sind ganze Abteilungen geschlossen worden", berichtet Tebben. In einer Ecke der Lagerhalle, so groß wie ein Fußballfeld, stapelt der Lagerist jeden Tag palettenweise den Ausschuss: Abgelaufenes Bier, Säfte und sogar Wasser, das nach einem Jahr am MHD-Datum angelangt ist. Bier hält ein halbes Jahr.

Einige Brauereien haben den Cloppenburgern neues Aufkleber für ihre Fässer geschickt und die Mindesthaltbarkeit um einen Monat erhöht. "Gekühlt in der Halle bleibt das so lange frisch", sagt Tebben. Aber selbst der zusätzliche Monat wird die Ware kaum retten.

Wirt kippt vier Fässer weg: 600 Euro Schaden

Im Keller des Cloppenburger Kulturbahnhofs stehen vier angebrochene Fässer Pils und Altbier. Gastwirt Peter Blase rüttelt an den Behältern: "Die sind noch fast voll." Im Sommer letzten Jahres, als nach dem ersten Lockdown die Lokale wieder öffneten, hat der 68-Jährige die Fässer angestochen. Jetzt ist der Inhalt ungenießbar, trotz Kühlung: Rund 600 Euro Schaden. "Und da stehen ja noch die ganzen Kisten", sagt Blase: "Das muss alles weg." Auch das Wasser.

40 Sorten, von still bis sprudelnd, hält Getränke Brügging vor. Tebben und seine Mannschaft haben alle Lagerbestände inzwischen halbiert. Von den 50 Mitarbeitern sind noch 10  im Dienst. "Wir haben niemand entlassen", unterstreicht der Chef. Zwar sind die befristeten Verträge der Teilzeitkräfte  ausgelaufen, aber die Stammmannschaft hält die Firma mit Kurzarbeit zusammen. Die Brauerei stockt großzügig auf 90 Prozent des ursprünglichen Lohns auf. Kein Zweifel: Getränke Brügging wird die Corona-Krise überstehen, viele seiner 450 Kunden nicht.

"Unter den Gaststätten hat ein langsames Sterben eingesetzt. Die müssen jetzt ihr Tafelsilber verkaufen. Viele werden das nicht überleben."Günther Tebben, Geschäftsführer von Getränke Brügging

"Unter den Gaststätten hat ein langsames Sterben eingesetzt", sagt der Branchenkenner: "Die müssen jetzt ihr Tafelsilber verkaufen. Viele werden das nicht überleben." Die Gastro-Branche stehe vor "brutalen Veränderungen". Wie in den Großstädten werde der Anteil der System-Gastronomie wachsen. Das heißt: Große Franchise-Ketten übernehmen Leerstände und richten "Marken-Bistros" ein. Restaurants könnten damit einen Teil ihres Mittagsgeschäfts einbüßen.

Landgasthöfe verlieren ihre Aushilfen

Unter doppeltem Druck stehen die Landgasthöfe, die ihre großen Säle mit Hochzeiten auslasteten. Selbst wenn die Beschränkungen irgendwann fallen, ist ihr Personal womöglich längst abgewandert. "Die 450-Euro-Kräfte suchen sich andere Jobs und stehen dann nicht mehr bereit", fürchtet Tebben: "Da hat niemand dran gedacht, auch nicht die Bundesregierung bei ihren Hilfsprogrammen." Die Rettung kann sich Tebben nur in zwei miteinander verbundenen Schritten vorstellen: Jetzt einen harten Lockdown durchsetzen, um die "dritte Welle" zu bekämpfen, gleichzeitig aber auch einen klaren Öffnungstermin für den Frühsommer beschließen.

Forderung: Geimpfte und Getestete wieder reinlassen

Geimpfte und negativ getestete Gäste müssten ab einem fixen Stichtag, zum Beispiel dem 15. Juni, wieder in die Restaurants und Kneipen zurückkehren dürfen, fordert Tebben. Sonst fehle der Branche jede echte Perspektive. Lockerungen trotz hoher Inzidenzen oder knapp unter einer Höchstmarke nützten niemandem, warnt der Profi: "Kein Wirt und kein Restaurant kann sein Personal zurückholen und frische Ware ordern, wenn 3 oder 4 Tage später der Laden wieder geschlossen werden muss." Auch eine halbherzig genehmigte Außengastronomie mit begrenzten Plätzen reiche nicht: Der Aufwand sei der selbe wie eine komplette Wiedereröffnung, erklärt Tebben: "Und dann regnet‘s 3 Tage..."

Wirt im Kulturbahnhof gibt mit 68 noch nicht auf 

Peter Blase ist fest entschlossen, im Kulturbahnhof durchzuhalten, obwohl die Überbrückungshilfe nicht einmal für die Pacht und die Energiekosten ausreicht. In den guten Zeiten hat er vorgesorgt und ein Mietshaus gebaut als Altersvorsorge. Die Immobilie ist jetzt seine private Corona-Hilfe. "Ich lebe ziemlich anspruchslos", sagt der Wirt. Alle zwei Wochen wischt er die Kneipe eigenhändig: "Staub entwickelt sich auch ohne Gäste." Umsatz nicht...

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