Deutsche Unternehmen sind, man hört es immer wieder, von zu viel Bürokratie genervt. Und Bürokratie meint zumeist die Pflicht, für alle möglichen, zumeist staatlichen Stellen alle möglichen Daten zusammenzutragen. Gern genutztes Beispiel: die Green-Deal-Vorschriften der EU, ein Paket aus rund 50 Gesetzen, das Transparenz schaffen und zeigen soll, wie Unternehmen in Sachen Umweltschutz aufgestellt sind.
Für Jörg Högemann ist der Zahlenhunger des Green Deals ein wunderbares Beispiel für die Frage, wie sich Künstliche Intelligenz (KI) im Alltag eines Unternehmens effizient einsetzen lässt. Der Geschäftsführer der Treuhand-Weser-Ems-Unternehmensberatung hat dabei allerdings nicht allein die rund 2000 großen deutschen Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 450 Millionen Euro im Blick, die nach heutigem Stand von den Vorgaben der EU betroffen sind. Er schaut auch auf die mittelständischen Zulieferbetriebe, die zwar keine Berichte nach Brüssel, möglicherweise aber an ihre Kunden liefern müssen.
Auch mittelständische Unternehmen können von der Berichtspflicht des Green Deal betroffen sein
Denn die berichtspflichtigen Großunternehmen müssen in dem Zahlenwerk ihre gesamte Lieferkette berücksichtigen, also auch von den Zulieferern entsprechende Daten erheben. Und das wiederum bedeutet, dass auch kleine und mittelständische Unternehmen gegebenenfalls erfassen müssen, wie viel Wasser und Strom, um nur ein Beispiel zu nennen, bei der Produktion ihrer Produkte verbraucht werden. Selbst die Treuhand Weser-Ems, so Högemann, könnte theoretisch betroffen sein. „Der Wasserverbrauch spielt bei uns zwar keine Rolle“, sagt der Umweltwissenschaftler, „möglicherweise aber der Benzin- und Stromverbrauch unserer Firmenfahrzeuge.“
Daten wie diese und viele andere müssen Unternehmen normalerweise aus einer Vielzahl von Quellen, Abrechnungen und Statistiken heraussuchen und zusammenführen. „Der Aufwand ist groß“, weiß Högemann. „Im Normalfall hantieren die zuständigen Mitarbeiter da mit großen Excel-Tabellen.“
Statt 3 Arbeitstagen reicht der KI ein halber
Und genau an diesem Punkt kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel. Denn deren Stärke, so der Treuhand-Geschäftsführer, sei die Suche nach Daten in unterschiedlichen Quellen und deren Strukturierung. Dazu gehört auch, etwa den Wasser- und Stromverbrauch zu benennen und in Bezug zum Produkt oder zum Umsatz zu setzen. „Die reine Zahl allein sagt ja noch nichts aus“, gibt Högemann zu bedenken. Für den Vergleich, für die Einstufung der Nachhaltigkeit benötige man eine einheitliche Bezugsgröße. Also beispielsweise den Wasserverbrauch pro Euro Umsatz.
Eine KI, so Högemann, könne solche Daten etwa im Warenwirtschaftssystem oder in den Rechnungen des Strom- und Wasserlieferanten identifizieren, zusammenführen und interpretieren – und das schneller als jeder Mensch. „Statt 3 Arbeitstagen reicht der KI vielleicht ein halber“, sagt der Unternehmensberater. Einen Arbeitsplatzabbau müsse man deshalb nicht befürchten. „Man kann Menschen dadurch für wertschöpfende Tätigkeiten einsetzen“, betont er.
Auch spezielle KIs neigen zum Fantasieren
Vorausgesetzt, man nutzt die richtige KI. „ChatGPT ist dafür eher nicht zu gebrauchen“, so Högemann. „Aber es gibt spezialisierte KIs, die genau dafür geschrieben wurden.“ Seiner Erfahrung nach experimentieren derzeit viele Unternehmen damit, einen deutlichen Qualitätssprung in den Nachhaltigkeitsberichten der Mandanten habe man bei der Treuhand aber noch nicht feststellen können. „Man merkt aber, wenn es eine KI gemacht hat“, versichert Högemann. „Die Formulierungen sind dann glatt und irgendwie alle ähnlich.“
So ganz aber, betont er, dürfe man sich auf die Arbeit des digitalen Assistenten nicht verlassen – und sei er noch so gut geschult. „Man muss das schon punktuell überprüfen“, mahnt Högemann. „Es kann durchaus sein, dass sich auch eine spezialisierte KI irgendwas zusammenfantasiert.“
- Info: Die Treuhand Weser-Ems ist Sponsor des OM-Forums Wirtschaft „Mensch. KI. Mittelstand“ am 12. März (Donnerstag) im OM-Medienhaus.