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Im "DigitalHub" Garrel soll das Wissen der regionalen Agrarwirtschaft gebündelt werden

Helmut Voßmann erhält fast 500.000 Euro Zuschuss für sein Projekt. Die Akteure im Agrarsektor sollen einander ihre Daten zur Verfügung stellen. Das "Hub" wird auch Heimat für agrarische Start-ups.

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Futuristische Heimat des „DigitalHub“ in Garrel: Ein hoch energieeffizienter, achteckiger Gewerbebau.   Foto: agmadata

Futuristische Heimat des „DigitalHub“ in Garrel: Ein hoch energieeffizienter, achteckiger Gewerbebau.   Foto: agmadata

Die ersten wichtigen Schritte sind erfolgreich getan, die Idee von Helmut Voßmann nimmt an der Amerikastraße in Garrel in Form eines ungewöhnlichen, achteckigen Gewerbebaus längst Gestalt an. Voßmann, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Firma "agmadata", die bislang noch in Nikolausdorf ihren Sitz hat, wird in dem futuristischen Neubau sein Unternehmen und einen der ersten "DigitalHubs.Niedersachsen" zusammenführen. In Garrel sollen unter der Überschrift "Gemeinsam für gute Lebensmittel" ab 2022 unter anderem Start-ups der Agrarbranche sowie etablierte Akteure (zusammen-)arbeiten. In Garrel sollen Daten aus allen Feldern der wissenschaftlichen und praktischen agrarischen Forschung zusammengeführt und in Geschäftsideen umgesetzt werden.

Das "DigitalHub Farm&Food im Oldenburger Münsterland" in Garrel wird weit über 1,2 Millionen Euro kosten, das Land Niedersachsen gewährt einen Zuschuss von knapp 500.000 Euro. Angesichts eines Gesamtbudgets des landesweiten Förderprogramms von 3,5 Millionen Euro, zeige "schon allein die Höhe des Zuschusses“, dass das Tätigkeitsfeld des "Hubs" (engl. für Mittelpunkt) in Garrel auch beim Land als bedeutend gesehen wird, freut sich Voßmann.

Im "DigitalHub" geht es vor allem um die Vernetzung von Daten aus der Tierveredelung

Da man im Oldenburger Münsterland, einem Zentrum der Tierhaltung, agiere, so der gelernte Tierwirtschaftsmeister, gehe es beim "Hub" in Garrel besonders darum, Tierwohlthematiken auf Basis neuer Forschungsergebnisse anzupacken. Das können die Haltungsbedingungen ebenso sein wie Ernährungsfragen. Voraussetzung: der vertrauensvolle Austausch von Daten durch die Akteure in der gesamten Wertschöpfungskette.

Stelle sich der Informationsfluss laut Voßmann bislang eher "linear" dar, "also etwa nur zwischen Landwirt, Futtermühle und Schlachthof", soll es jetzt einen Austausch von Daten über eine "Bubble", also eine Blase geben. In diese sollen auch weitere Akteure in der Branche, wie Wissenschaftler, Tierärzte und Logistiker, Ernährungsindustrie, Behörden und Branchenverbände, ihr Wissen einspeisen. "Kurz: Es soll ein digitales Ökosystem der Farm- und Foodbranche entstehen", zeigt Vossmann den Grundansatz seiner Idee auf: "In Zeiten von Google, Facebook und Industrie 4.0 wissen wir längst, dass Daten das neue Gold der Zukunft sind, aus denen neue Geschäftsmodelle entstehen. Unser heimischer Agrarsektor darf deshalb den – digitalen – Anschluss nicht verpassen."

Will die Akteure auf dem Agrarsektor in der Region über einen spezifischen Datenaustausch vernetzen: Helmut Voßmann. Foto: KühnWill die Akteure auf dem Agrarsektor in der Region über einen spezifischen Datenaustausch vernetzen: Helmut Voßmann. Foto: Kühn

Dass auch sein Unternehmen "agmadata" profitieren soll, verhehlt der Kaufmann nicht. Es brauche eine gesicherte, auch anonymisierte Weitergabe der Daten. Agmadata wird als Schaltstelle darüber wachen, dass das gesichert abläuft. "Wir sind für diesen digitalen Austausch zertifiziert", so Voßmann, der auf die Mitgliedschaft in der "International Data Spaces Association" verweist. Die Mitglieder haben sich der digitalen Souveränität verpflichtet.

Ziel ist es, dass Unternehmen ihre Daten nicht mehr für sich allein behalten, sondern sie austauschen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen

Den Datenaustausch in der Blase "hinzubekommen, das wird eine große Aufgabe werden", weiß der 62-Jährige. Bislang hätten die Agrarmarktakteure in der Region Wettbewerbsvorteile dadurch generiert, dass sie ihren Wissensvorsprung für sich behalten hätten. Jetzt gelte es, das "Mindsetting" zu ändern und den Überzeugungswechsel herbeizuführen, dass die Weitergabe von eigenem Wissen als Basis für innovative Geschäftsmodelle sehr nützlich sein könne.

Und wie kommt man auf die Idee? Zum einen gäbe es bei agmadata eine nun 30-jährige Expertise, biete Soft- und Hardwarelösungen für die Nahrungsmittelbranche an, zusammen mit den Kunden entwickelt. Zum anderen habe er stets bemängelt, dass viele Forschungserkenntnise aus der Wissenschaft nicht den Weg in die Praxis fänden. "Das darf nicht sein. Das hat Zeit und Geld gekostet, wurde oft auch von Kammern und Verbänden gefördert", erklärt der Unternehmer.

Das "DigitalHub" in Garrel soll deshalb besonders den agrarwissenschaftlichen Nachwuchs auffangen, der eine Chance sieht, auf Grundlage seiner Forschungsarbeit ein eigenes Unternehmen zu gründen. Deshalb wird der Neubau nicht nur Platz für agmadata, sondern räumlich getrennt auch Flächen und Infrastruktur für Start-ups aus dem Agrarsektor bieten.

Im Zentrum wird ein "Showroom" eingerichtet, "unter anderem mit Plastikkuh und Plastikschwein", schmunzelt Voßmann. Anhand dieser Modelle könnten theoretische Erkenntnisse zunächst im "Hub" erprobt werden, bevor es zum Beispiel in den echten Viehstall geht. Apropos real: "Für Versuche vor Ort werden wir ein mobiles Labor einsetzen. Denn nicht die Theorie überzeugt den Praktiker, sondern die Praxis selbst."

Landesweit gibt es derzeit nur etwas mehr als ein Dutzend "DigitalHub"-Projekte

Gefördert wird das Garreler "Hub" vom Niedersächsischen Wirtschaftsministerium über seine Digitalagentur. Eine Jury entscheidet, wohin und wie viel Geld in innovative digitale Leuchtturmprojekte fließt. Bislang sind es landesweit kaum mehr als ein Dutzend Orte, an denen "regionsspezifische Herausforderungen mithilfe des Einsatzes digitaler Technologien bewältigt werden sollen" – heißt es im Förderprogramm.

Vossmann hätte sich ohne Konsortialpartner nicht um Fördergelder bewerben können. Derzeit gibt es fünf, darunter das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland (AEF) und auch der Landkreis Cloppenburg. Es dürfen gerne mehr werden. Der Partnerkreis soll auch Basis für eine Genossenschaft sein. Denn ein weiteres Ziel von Voßmann ist es, das „DigitalHub“ in eine breite Form der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu überführen. Für ihn ist eine „Genossenschaft per se die Form, um in Teilhabe und gemeinsam vor allem vertrauensvoll an der Verwirklichung einer Idee zu arbeiten“.

  • Info: www.digitalhub-farm-food.de

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