Sport über 50: Vom späten Glück der Mittelmäßigkeit
Sport-Kolumne „Liebeserklärung“: Im Sport gilt das Leistungsprinzip. Aber ist Erfolg wirklich das Einzige, was zählt? Unser Autor hat da mittlerweile seine Zweifel.
Andreas Hammer | 28.01.2026
Sport-Kolumne „Liebeserklärung“: Im Sport gilt das Leistungsprinzip. Aber ist Erfolg wirklich das Einzige, was zählt? Unser Autor hat da mittlerweile seine Zweifel.
Andreas Hammer | 28.01.2026

Bald ist wieder Olympia – und der vermeintliche Sinn des Sports tritt so offen zu Tage wie nie. Was zählt, ist Gold, Silber, Bronze. Platz vier ist „Blech“, und wer trägt schon gerne Blech um den Hals. Wir Journalisten machen mit. Wir zählen Medaillen, Punkte, Tore, Geld und feiern die Sieger. Der Rest? Ferner liefen… Je älter ich werde, je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto absurder kommt mir das vor. Nicht nur, weil man sich ab dem 30. Geburtstag mit jedem Jahr weiter vom Kreis der Hauptdarsteller entfernt. Auch, weil man erkannt hat, dass der Spitzensport nicht mehr ist als ein winziger Ausschnitt dessen, was Sport eigentlich ausmacht. Und dass seine Schattenseiten ausgeblendet werden, wie die Blechmedaille bei der Siegerehrung. Natürlich, es gibt sie, die Vorbilder. Die mit der Disziplin und Zielstrebigkeit, die sie im Sport gelernt haben, auch das Leben nach der Karriere meistern. Aber es gibt auch die Boris Beckers und Jan Ullrichs, denen der Ruhm zur Hölle wird. Es gibt die Supertalente, die am Druck zerbrechen, vor Millionen Zuschauern Leistung abliefern zu müssen. Es gibt die Unzähligen, die alles für den Sport opfern und es doch nie an die Spitze schaffen. Es gibt Tausende 15-Jährige, die mit dem Fußball aufhören, weil sie nicht gut genug sind. Und es gibt Heerscharen von Topathleten, die mit 40 nicht mehr schmerzfrei laufen können, weil der Sport ihnen das genommen hat, was er einem eigentlich geben sollte: Gesundheit und Wohlbefinden. Dies soll kein Plädoyer gegen den Wettkampf sein. Ohne Tore zu zählen, macht auch Superaltligafußball keinen Spaß. Und wer mag, soll sich auch über eine Ü65-Medaille bei einer Landesmeisterschaft freuen – und sei es als Dritter von drei Teilnehmern. „Meine These ist: Je erfolgreicher man in einer Sportart war, desto schwerer fällt es einem, die eigene Unzulänglichkeit zu akzeptieren, die sich zwangsläufig einstellt, wenn man seiner „Prime“ entwachsen ist.“ Ich liebe Handball, Fußball, Basketball, Radsport. Ich hatte nie das Talent oder die Disziplin, um es in irgendeiner dieser Sportarten nach oben zu schaffen. Aber so komisch es klingt – heute bin ich dankbar dafür. Denn sonst hätte ich wahrscheinlich längst aufgehört. Meine These ist: Je erfolgreicher man in einer Sportart war, desto schwerer fällt es einem, die eigene Unzulänglichkeit zu akzeptieren, die sich zwangsläufig einstellt, wenn man seiner „Prime“ entwachsen ist. Die richtig Guten hören irgendwann ganz auf, weil sie sich ständig mit ihrem früheren Ich vergleichen. Die Mittelbegabten spielen einfach weiter, weil es ihnen nichts ausmacht, dass andere schneller oder besser sind. War ja schon immer so. Dies ist auch kein Plädoyer gegen den Spitzensport. Mit jedem Jahr staune ich mehr über Menschen, die zwei Meter hoch springen, auf Skiern Salti vollführen oder auf dem Rennrad mit 30 km/h Berge hochfahren. Aber meine Vorbilder sind andere: mein Onkel, der mit 80 Jahren noch Fußball spielt; die drahtigen Rennradsenioren in Italien, die sich elegant die Serpentinen hochschrauben; der Handballtrainer, der nach sechs Jahrzehnten noch jede Woche in der Halle steht. Ich weiß, Ü50-Sportler haben keinen guten Ruf. Was vor allem an denen liegt, die mit krankhaftem Ehrgeiz nachzuholen versuchen, wofür ihnen früher das Talent fehlte. Und dabei das Wesentliche vergessen: dass es ein Geschenk ist, mit 50, 60, 70 oder 80 noch seiner Leidenschaft Sport nachgehen zu können. Wenn dann mit 90 irgendwann Schluss sein sollte, kann ich mich immer noch vor den Fernseher setzen. Und Medaillen zählen.
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