Was hätte aus mir werden können, wenn mir das Trikot gepasst hätte? Diese verkopfte Sinnfrage könnte ich nun plattdenken – aber kurze, klare Antworten sind mir lieber. Also: nichts. Zwar bin ich heute etwas größer als mit zehn Jahren, aber 1,85 Meter sind jetzt auch kein Gardemaß für einen Basketballer. Heute würde es mir passen, das Artland-Dragons-Trikot aus der Saison 2003/2004. Damals war es eher ein ärmelloses Kleid. Und trotzdem ist es in guter Erinnerung.
Das rote – und glänzende – Tanktop war eins meiner ersten Vereinshemden. Es war die Frühphase einer Liebe, die bis heute nicht geendet ist: die Liebe zu Trikots. Damals waren mein Cousin und ich kurzzeitig im Basketballfieber. Ball, Stirnband und Fingerschutz hatten wir uns schon gesichert – es fehlte nur noch das entsprechende Leibchen. Den Kauf wickelten wir auf ungewohntem Terrain ab: Quakenbrück. In der Folgezeit war man öfter mal da, bei den Dragons. Die Hymne war schön, Chris Fleming war Trainer, Darius Hall war der Coolste auf dem Parkett. Er hatte ja auch keine Probleme, das Trikot auszufüllen. Beneidenswert.
Die Artland Dragons genießen in meinem historischen Kleiderschrank einen Sonderstatus. Nach ihnen kamen nur noch Fußballtrikots. Um ganz ehrlich zu sein: davor auch schon. Aus Abneigung habe ich es später mal verschenkt, jetzt hätte ich es gerne wieder: das weiße Bayern-Opel-Trikot. Ja, es war eins meiner ersten, vielleicht sogar das erste. Es war der Dress der Jahre 1996 bis 1998. (Ein Trikot für zwei Jahre – wieso ging das früher noch?) Ein schönes Teil, durch nichts zu entstellen. Auch wenn Oliver Kahn, Mehmet Scholl, Jens Jeremies und ihre Teamkollegen es mit ihren Eddings versucht hatten.
Der FC Bayern verschwand schnell aus meinem Kopf, das Kindertrikot wurde zuerst ganz hinten im Kleiderschrank versteckt und dann ganz zur Adoption freigegeben. Es war ein Fehler. Auf Ebay könnte ich mir damit heute mit etwas Glück einen schönen Wochenendtrip finanzieren – oder den Erlös in den Kleiderschrank investieren.
„Vielleicht ist die Liebe zu Trikots auch deshalb mit den Jahren größer geworden, weil man sich nicht mehr an die jährlichen gelb-schwarzen Modesünden klammern muss.“
In Tateinheit mit der Verbannung der Bayern wurde die Fußball-Kleiderwahl für ein paar Jahre auf eine Farbkombination beschränkt, für die es modisch keinerlei Argumente gab. Aber die brauchte es auch nicht, um stolz in Gelb und Schwarz über die Wiesen zu laufen. Damals gab es oft auch direkt die passende Hose und die Stutzen dazu.
Diese fußballerisch-konservative Phase ist zum Glück vorbei. Vielleicht ist die Liebe zu Trikots auch deshalb mit den Jahren größer geworden, weil man sich nicht mehr an die jährlichen gelb-schwarzen Modesünden klammern muss. Gekauft wird, was gefällt: Celtic Glasgow aus Schottland, US Salernitana aus Italien, Chapocoense aus Brasilien, Fenerbahce aus der Türkei, Äthiopiens und Österreichs Nationalmannschaft.
Woher kommt diese Faszination für ein Stück Stoff mit dem Wappen eines Vereins, von dem man vielleicht noch nie gehört hat? Keine Ahnung. Trikots sind einfach etwas Spezielles. Ein Stück Zeitgeschichte. Manchmal Ausdruck einer Identität, eines Gefühls. Manchmal aber auch nur: Textil, das aussieht – ob gut oder schlecht, spielt nicht wirklich eine Rolle. Ein paar Beweise dafür hängen in meinem Kleiderschrank.