Der Giro d'Italia: Frühlingsgefühle im schönsten Land der Welt
Kolumne „Liebeserklärung“: Das Etappenrennen vereint drei der bezauberndsten Dinge, die das Leben zu bieten hat: Italien, den Frühling und das Radfahren.
Andreas Hammer | 09.05.2026
Kolumne „Liebeserklärung“: Das Etappenrennen vereint drei der bezauberndsten Dinge, die das Leben zu bieten hat: Italien, den Frühling und das Radfahren.
Andreas Hammer | 09.05.2026

Foto: dpa/Ferrari
Es gibt ja diese Autorenbeschreibungen, die einen schon durch bloßes Ortsnamen-Dropping in Ehrfurcht erstarren lassen. „…lebt in Berlin und St. Tropez …“ (wichtig sind immer zwei Lebensmittelpunkte, darunter eine Großstadt). Und, ja klar, wäre schon cool, wenn hier über mich stünde: „Andreas H. lebt in London und Volterra und berichtet seit 30 Jahren vom Giro d’Italia“. Tatsächlich heißt mein einziger Wohnsitz Vechta und den Giro d’Italia kenne ich nur aus dem Fernsehen. Diese Liebe ist also eigentlich: eine Sehnsucht. Um sie zu wecken, reicht schon der Schriftzug. Er besteht aus elf Buchstaben und einem Auslassungszeichen: „Giro d’Italia“. Die Schriftart, die sich hier leider nicht abbilden lässt, nennt sich GdS Font, was für „Gazzetta dello Sport“ steht – die italienische Sporttageszeitung, gedruckt auf rosafarbenem Papier, die den Giro d’Italia organisiert. Seit 1909. Der Schriftzug ist ein Meisterwerk der Designkunst, das die Tradition in die Moderne transportiert. Halten Sie mich für verrückt, aber bei seinem Anblick – am besten aufgeflockt auf das Rosa Trikot des Spitzenreiters – verspüre ich den Duft von frisch gebrühtem Espresso in der Nase. Gepaart mit diesem wunderbaren Geruch italienischer Zeitschriftenläden. Wo die Liebe hinfällt, lässt sich nicht immer erklären. In diesem Fall ist es einfach: Der Giro d’Italia vereint in sich drei der bezauberndsten Dinge, die das Leben zu bieten hat: Italien – das schönste Land der Welt. Den Frühling – die Verheißung unter den Jahreszeiten. Und das Radfahren, das so viel mehr ist als ein Sport. Das ein Abbild des Lebens ist mit all seinen Qualen und Glücksgefühlen. „Das Rennrad hat eine Seele“, philosophierte einst der große Mario Cipollini: „Wenn es dir gelingt, es zu lieben, wird es dir Emotionen schenken, die du nie vergessen wirst.“ Um ehrlich zu sein, interessiert mich der Sport beim Giro nur am Rande. Ich bekäme selbst mit viel Nachdenken nicht die Sieger der letzten drei Jahre zusammen. Auch für die Profis ist der Giro nicht mehr als die kleine Schwester der alles überstrahlenden Tour de France im Juli. Vielmehr ist der Giro ein dreiwöchiger Werbefilm für die Schönheit Italiens. Von den Pässen der Dolomiten durch die Hügel der Toskana bis in die Küstenorte im sonnigen Süden – wenn es den Giro nicht gäbe, müsste das Tourismus-Ministerium ihn erfinden. Eine Schande, dass der Giro in diesem Jahr wohl nur im Pay-TV läuft. „Wer braucht schon Berlin und St. Tropez, wenn er von Italien träumen kann?" Dabei gibt es kaum etwas Entspannenderes, als den stundenlangen Übertragungen zu folgen und den Hubschrauberblick auf Italiens großartige Landschaften zu genießen. Eigentlich müsste die Krankenkasse die Kosten dafür übernehmen. Am Freitag ging es los, zum 109. Mal. 3466 Kilometer, 48.700 Höhenmeter. „Grande Partenza“ war diesmal in Bulgarien. Vier Tage später erreicht der Giro italienischen Boden. In Catanzaro, Kalabrien. Wie schön das schon klingt! Ti amo, Italiano. Ich kriege schon wieder Fernweh. Wo ist eigentlich mein Sprachführer? Und wo die Adriano‑CDs? Wer braucht schon Berlin und St. Tropez, wenn er von Italien träumen kann?Der Schriftzug ist ein Meisterwerk der Designkunst
Der Sport interessiert beim Giro nur am Rande
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