Der Fitness-Tracker: Ein Hoch auf die Selbstoptimierung
Kolumne „Liebeserklärung“: Wir leben in einer durchorganisierten Welt. Das muss nicht schlecht sein, man muss sich ihr nur mit voller Liebe hingeben.
Steffen Lünsmann | 28.03.2026
Kolumne „Liebeserklärung“: Wir leben in einer durchorganisierten Welt. Das muss nicht schlecht sein, man muss sich ihr nur mit voller Liebe hingeben.
Steffen Lünsmann | 28.03.2026

Für eine Ode an die Freiheit und die Selbstbestimmung gibt es stets gute Gründe. Aber das hier wird keine. Nonkonformismus ist zwar immer irgendwie interessant, aber: Punk ist doch spätestens tot, seitdem Die Ärzte in den Tagesthemen aufgetreten sind. Wir leben in einer durchorganisierten und durchreglementierten Welt. Ist das automatisch schlecht? Nö. Man kann sich dieser Welt sogar voller Liebe hingeben. Erstes Stichwort: Selbstüberwachung. Zweites Stichwort: Selbstoptimierung. Das ideale Gadget dafür sind Fitness-Tracker. Jeder Zweite läuft mittlerweile mit einer Uhr rum, die mehr als nur die Zeit anzeigen kann. Dabei sieht man in freier Wildbahn immer wieder den einen oder anderen, der mit seinem Verhalten gegen die erste Hälfte des Wortes „Smartwatch“ protestiert. Denjenigen, die in der Bahn agentenmäßig laut in ihre Uhr reinsprechen, ohne rot zu werden, möchte man das Teil natürlich am liebsten vom Handgelenk reißen. Hier geht es nicht um Calls, nicht um Termine, nicht um KPIs, sondern: um die Gesundheit! Aber: Ruhe bewahren, sonst steigt der Puls in Zone fünf. Mit so einem intelligenten Accessoire am Körper lassen sich viele Dinge herausfinden. Schrittzähler gehören zur Basisausstattung. Aber es steckt viel mehr drin: Wie war mein Schlaf? Wo liegt meine Ruheherzfrequenz? Wie hoch ist mein VO2-Max? Was ist das überhaupt? Was sollte ich mit dem heutigen Tag anfangen? Und wie viele Tage bleiben mir noch? Okay, bei der letzten Frage ist die Forschung noch nicht so weit – oder sie lässt uns bewusst im Unklaren. Aber mal im Ernst: Warum sollte man nicht ein bisschen Geld in seine Gesundheit investieren und sich von einem Armband, einer Uhr oder einem Ring anzeigen lassen, ob man dabei auf dem richtigen Weg ist? Klar, man wird so bestimmt kein Vorreiter einer neuen Hippie-Bewegung mehr – aber will man das überhaupt? Ist doch schön, wenn es Leute gibt, die lange leben wollen. Und dabei kann man sich eben ganz gut auf ein paar Daten verlassen. „Mir gibt es ein gutes Gefühl, wenn ich sehe: fünf grüne Haken, ich scheine gesund zu sein." Mir gibt es zumindest ein gutes Gefühl, wenn ich in die App schaue und sehe: fünf grüne Haken, ich scheine gesund zu sein. Das hilft mir logischerweise in vielen Fällen überhaupt nicht: Wenn ich mich beim Rennradfahren auf den Bart lege. Wenn ich auf der Leiter stehe und einen gewischt kriege. Oder wenn mich beim Joggen ein karrieregeiler Banker in seinem SUV über den Haufen fährt, weil er gerade damit beschäftigt ist, hektisch in seine Smartwatch zu sprechen. Ein bisschen Gesundheitsbewusstsein tut uns allen gut. Und wenn es nur zur Folge hat, dass bei der Frage „Warum trinkst du heute nicht?“ mehr Antworten akzeptiert werden als „Ich nehme Antibiotika“. Okay, das klang jetzt ein bisschen zu missionarisch. Es soll ja am Ende jeder so machen, wie er es für richtig hält.Schrittzähler sind nur Basisausstattung
Ich für meinen Teil will möglichst lange aufrecht durchs Leben gehen oder laufen oder radeln. Und selber entscheiden können, wann ich sitze, wann ich stehe und wann ich liege. Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir auf: Irgendwie war das jetzt doch eine Ode an die Freiheit.
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