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34 Spieltage? Das kann nicht funktionieren

Würzburgs Trainer Denis Wucherer spricht im OMonline-Interview über eine aussterbende Art, Rastas "cleveren Weg" und seinen Wunsch nach mehr Innovationen in Sachen Spielplan.

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Seit 2018 Trainer in Würzburg: Denis Wucherer. Foto: dpa

Seit 2018 Trainer in Würzburg: Denis Wucherer. Foto: dpa

Denis Wucherer gehört zu den prägenden Figuren der Basketball-Bundesliga - erst als Spieler, jetzt als Trainer von s.Oliver Würzburg. Am Freitag (13. November, 20.30 Uhr, Sport1) gastiert der ehemalige Nationalspieler, der als Shooting Guard mit Bayer Leverkusen viermal Meister wurde und mit der DBB-Auswahl 2005 EM-Silber gewann, mit seinem Team bei Rasta Vechta. Im OMonline-Interview spricht der 47-Jährige über Würzburgs Saisonstart, die Auswirkungen von Corona, den schwierigen Umbruch, die Trainerszene in der BBL und seine großen Zweifel am Spielplan.

Wucherer über den Saisonstart: "Wir wussten von Anfang an, dass es eine schwierige Saison wird. Und das hat sich in den ersten Spielen bewahrheitet", sagt der Coach. Im Pokal kassierte Würzburg drei Niederlagen gegen Ludwigsburg (67:78), Bamberg (68:89) und Ulm (75:80), gefolgt von einem 77:90 gegen Ulm zum Start in die BBL-Saison. Auffällig: In allen vier Partien hielt Würzburg drei Viertel lang gut mit, um dann viermal das Schlussviertel zu verlieren (9:21, 12:27, 23:29, 19:28). Wucherer sagt: "Wir haben an Qualität und Erfahrung verloren. Die Mannschaft braucht noch Zeit, um sich zu entwickeln." 

Wucherer über die Auswirkungen von Corona: "Es sind andere Zeiten für uns. Der Verein ist von Anfang an offensiv damit umgegangen, dass das Budget um 50 bis 60 Prozent kleiner geworden ist, das gilt auch für den Spieleretat", berichtet Wucherer.  Die Verträge von Leistungsträgern wie Skyler Bowlin, Jordan Hulls oder Luke Fischer, die noch bis Mitte 2021 liefen, mussten aufgelöst werden. „Das hat alles weh getan“, verrät der Coach: "Aber es war die einzige Chance, um den Verein am Leben zu erhalten." Auch Topscorer Cameron Wells ist nicht mehr da. Wells, Bowlin, Hulls und Fischer kamen zusammen auf 51,4 Punkte pro Partie. Eine Menge Holz für die Nachfolger wie Tayler Persons, Tyson Ward oder Mark Ogden. 

Neu in Würzburg: Tyson Ward (links), hier gegen Ulms Trey Landers. Foto: dpaNeu in Würzburg: Tyson Ward (links), hier gegen Ulms Trey Landers. Foto: dpa

Wucherer über den Umbruch: "Wir haben es nicht geschafft, erfahrene Spieler zu holen. Für ausländische Profis, die Erfahrung haben, war nicht mehr genug Geld da“, sagt der Coach ganz offen. Würzburg verpflichtete diverse BBL-Neulinge sowie Spieler, die eine längere Verletzungspause hinter sich haben. Das Gehaltsgefüge sei bisweilen "problematisch" gewesen, so Wucherer: „Deutsche Rollenspieler, die  fair bezahlt wurden, waren plötzlich Großverdiener.“ Immerhin: In Florian Koch, Felix Hoffmann, Julian Albus sowie den beiden Youngstern Nils Haßfurther und Joshua Obiesie sind alle fünf deutschen Spieler geblieben.

Wucherer über Rasta Vechta: "Vechtas Weg ist clever. Die Beziehung zu Alba zu nutzen, war eine gute Idee. Rasta ist auf den Guard-Positionen wirklich gut besetzt. Young, Peno und Salumu bringen viel Erfahrung und viel Qualität mit. Unsere drei Guards haben das noch nicht. Es hat mich nicht überrascht, dass Rasta auf einem guten Niveau in München mitgehalten hat."

Wucherer über "Abstiegskampf statt Playoff-Rennen" und seine Vertragsverlängerung: Anfang März, kurz vor dem ersten Corona-Lockdown, verlängerte Wucherer vorzeitig um zwei weitere Jahre bis 2022. "Die Stimmung war damals ja eine ganz andere. Wir waren wieder in der Nähe der Playoffs. Und die Zeichen standen gut, dass hier in zwei Jahren eine neue, moderne Arena steht. Es gab die Idee, diesen Schwung zu nutzen und sich weiter oben zu etablieren - so wie es die Ulmer mit ihrer neuen Arena vorgemacht haben", erzählt Wucherer. Und weiter: "Im ersten Moment ist es natürlich enttäuschend, wenn die Ambitionen so ausgebremst werden. Es hat sich komplett verändert. Man guckt jetzt nicht mehr auf die Top 8, sondern versucht, nicht 17. oder 18. zu werden. Das ist nicht einfach, da bin ich ganz ehrlich. Aber ich stelle mich dieser Aufgabe. Ich bin ja auch froh, überhaupt einen Job in der BBL zu haben."  

Wucherer über Rastas Coach Thomas Päch und die BBL-Trainer: "Ich freue mich riesig für Thomas, dass er nach der Sache in Bonn so schnell wieder eine Chance in der BBL bekommen hat. Und ich hoffe sehr, dass er diese Chance nutzen kann. Er passt gut zu Rasta. Wir sind als deutsche Trainer ja fast eine aussterbende Art in der BBL. Schön, dass es uns noch gibt", sagt Wucherer. Neben Päch und Wucherer gibt's nur noch drei weitere deutsche Trainer im Oberhaus: Sebastian Gleim in Frankfurt, Ingo Freyer in Gießen und Mladen Drijencic in Oldenburg. Der Rest kommt aus den USA (2), Spanien (2), Slowenien, Italien, Niederlande, Finnland, Belgien, Österreich, Kroatien, Montenegro und Argentinien. "Als ich mit Gießen in die BBL aufgestiegen bin, kamen neun von 18 Trainern aus Deutschland. Mit Blick auf den deutschen Basketball geht das für mich leider in eine falsche Richtung", so Wucherer: "Ich hab' mir im Sommer mal die Mühe gemacht und nach Frankreich, Italien und Spanien geguckt. Da liegt der Anteil an einheimischen Trainern bei 80, 85 Prozent. Und wir kommen nicht mal auf ein Drittel." 

Wucherer über seine Zweifel am BBL-Spielplan: Sechs Spielausfälle im Pokal, drei am ersten BBL-Spieltag, zwei Absetzungen für das kommende Wochenende - es gab reichlich Einschläge. "Ich hab' meine Zweifel, dass wir 34 Spieltage hinbekommen, dass wir Ende Mai zwei Absteiger und acht Playoff-Teilnehmer haben", sagt Wucherer, der sich bereits in der Vorwoche in Interviews mit der Main-Post sowie  mit basketball.de sehr kritisch geäußert hatte. In seinen Augen hält die Liga zu sehr an Plan A fest. Er sagt: "Ich bin da sehr skeptisch. Dass man in unnormalen Zeiten glaubt, mit einem normalen Spielplan durchzukommen, kann nicht funktionieren. Wir brauchen innovative, flexible Lösungen." Es macht für ihn keinen Sinn, einmal pro Woche zu spielen und ansonsten sechs Tage lang zu hoffen, dass freitags alle negativ sind und spielen können. Das Quarantäne-Finalturnier in München im Juni fand Wucherer gut. Relativ viele Spiele in kurzer Zeit, kein hohes Infektionsrisiko in der Blase - so etwas hätte er sich auch gut für den Liga-Alltag vorstellen können. Seine Idee: Dreimal sechs Teams an drei Standorten, jeder gegen jeden, danach neu mischen, wieder jeder gegen jeden usw.  Der neue Pokalmodus sei zwar ein Anfang gewesen, "aber auch das hat ja nicht funktioniert", so Wucherer: "Und ansonsten ist noch nicht viel passiert." Man müsse mehr kommunizieren und Ideen entwickeln. Für Wucherer sind zudem die internationalen Spiele mit ihren Reisen durch Europa ein "erhöhtes Risiko für die BBL".   

  • Info: Den Vorbericht zum Spiel finden Sie hier.

Zur Person: Denis Wucherer (47)

  • Karriere als Spieler: In der Bundesliga spielte Wucherer für den TV Langen (1991/92), Bayer Leverkusen (1992 bis 1998 und 2002 bis 2005), DJK Würzburg (2001) und Skyliners Frankfurt (2001/02). Mit Leverkusen wurde er Mitte der 90er Jahre viermal Meister und zweimal Pokalsieger. In der Saison 2003/04 schrieb er BBL-Geschichte: In zwei aufeinander folgenden Spielen machte er ein Triple-Double - erst 37 Punkte, 13 Rebounds und 10 Assists, dann ein "19-10-12". International spielte Wucherer für Mailand, Varese, Treviso und Ostende. 
  • Karriere in der Nationalmannschaft: Wucherer absolvierte 123 Länderspiele. Sein größter Erfolg war EM-Silber 2005.
  • Karriere als Trainer: Beim DBB ging's los; erst als Coach der U20, dann als Co-Trainer bei der A-Nationalmannschaft. 2011/12 war er "Co" von Dirk Bauermann beim damaligen Bundesliga-Aufsteiger Bayern München.  Von 2013 bis 2017 trainierte Wucherer die Gießen 46ers, Aufstieg in die BBL inklusive (2015). Nach einem Jahr bei den RheinStars Köln (2017/18) übernahm er im Sommer 2018 das Team von s.Oliver Würzburg. Größter Erfolg: Finalist im Fiba Europe Cup 2019. 

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