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Syrer hoffen auf den deutschen Pass

Sehr persönliche Ansichten – immer dieselben 10 Fragen. Dieses Mal: Das Linderner Ehepaar Sawsan Alzare und Raad Aldakhail. Es wünscht sich weniger Bürokratie und möchte sich bei Angela Merkel bedanken.

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Sawsan Alzare kreiert seit Kurzem eigene Frisuren. Ihr Mann Raad Aldakhail findet es gut. Foto: Meyer

Sawsan Alzare kreiert seit Kurzem eigene Frisuren. Ihr Mann Raad Aldakhail findet es gut. Foto: Meyer

Und? Wie ging es in letzter Zeit?
Raad Aldakhail: Nach langem Warten auf meine Anerkennung als Apotheker geht es jetzt endlich voran. Ich hoffe, dass ich die Unterlagen bald in den Händen halte. Anfang Mai werde ich eine Stelle in einer Apotheke antreten. Darauf freue ich mich sehr.
Sawsan Alzare: Uns geht es auch deshalb gut, weil unsere Kinder hier in Deutschland gut zurechtkommen. Ich selbst warte noch auf die Zulassung meines Gewerbes. Dabei geht es um den Handel mit Kosmetik-Präparaten aus dem Ausland. Die Bürokratie ist leider nicht einfach.

Was haben Sie sich einmal so richtig gegönnt?
Sawsan Alzare: Da braucht es nicht viel. Ich bin zufrieden, vor allem, weil wir als Familie zusammen sind. Während des Ramadan halten wir die Fastenregeln genau ein. Das heißt, wir essen und trinken zwischen 5 Uhr morgens und dem Sonnenuntergang nichts. Diese Zeit geht bald zu Ende und unsere Tochter hat mir gesagt, dass sie sich am meisten auf das gemeinsame Frühstück freut.
Raad Aldakhail: Ich weiß nicht, ob man von Gönnen sprechen kann, aber wir genießen jeden Tag die Vorzüge, die Deutschland bietet. Ich schätze vor allem die Sicherheit hier. Jeder muss sich an das Gesetz halten. Das ist nicht überall so. Außerdem können wir frei über Politik sprechen. Und das tun wir viel.

Wenn Sie König und Königin von Deutschland wären: Was gehört als Erstes abgeschafft?
Raad Aldakhail: Die Bürokratie legt Menschen wie uns viele Steine in den Weg. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber wir Syrer wollen arbeiten und der Gesellschaft, die uns aufgenommen hat, etwas zurückgeben. Das gehört zu unserem Selbstverständnis dazu. Ich kenne wirklich viele nette Beamte, aber das System ist sehr eng und wir haben jahrelang damit gekämpft
Sawsan Alzare: Wegen meines Kopftuches habe ich es bei Vorstellungsgesprächen nicht leicht gehabt. Mir ist mehrmals passiert, dass jemand anderes vorgezogen wurde. Da würde ich mir mehr Toleranz wünschen, denn viele syrische Frauen, die ein Kopftuch tragen, möchten arbeiten und sind außerdem hoch qualifiziert. Ich wäre auch für die 4-Tage-Woche, weil ich finde, dass Eltern mehr Zeit für ihre Kinder haben sollten.

Welchen Traum werden Sie sich als Nächstes erfüllen können?
Sawsan Alzare: Wir warten seit 2 Jahren auf unsere Einbürgerung. Mit dem deutschen Pass wäre vieles für uns leichter. Zurzeit haben wir nur einen zeitlich begrenzten Aufenthaltstitel. Deshalb konnte ich zum Beispiel nicht zu meiner Mutter in die Türkei reisen. Inzwischen ist sie gestorben und das macht mich sehr traurig.
Raad Aldakhail: Mein größter Traum wäre eine eigene Apotheke. Selbstständigkeit ist das Beste.

Was tun Sie am liebsten?
Raad Aldakhail: Neben der Arbeit helfen wir gern anderen Menschen, etwa mit unserer Kleiderkammer, die wir kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges ins Leben riefen. Inzwischen ist sie wieder zu, aber wir haben viele Freundschaften geschlossen.
Sawsan Alzare: Ich gärtnere gern. Und seit kurzem habe ich ein neues Hobby: Frisieren! Dafür habe ich mir so einen Puppenkopf besorgt, an dem ich üben kann. Hier ist er. Sieht doch hübsch aus oder?

Welche Eigenschaften mögen Sie an sich selbst. Und welche nicht?
Sawsan Alzare: Ich rede lieber über meinen Mann. An ihm mag ich seine Hilfsbereitschaft. Er lehnt so gut wie nie ab, sagt sofort ja. Manchmal lädt er sich aber zu viel auf und sollte besser auf sich aufpassen.
Raad Aldakhail: Sawsan steht mir im Leben zur Seite. Wir hatten schon sehr schwere Zeiten durchzustehen und sie hat mich immer unterstützt. Das und ihre Stärke schätze ich sehr an ihr. Ich selbst halte mich für einen geduldigen Menschen, was eigentlich gut ist. Innerlich brodelt es aber auch in mir oftmals.

Welche TV-Sendung mögen Sie am liebsten?
Raad Aldakhail: Wir schauen gern Serien aus unserer Heimat, aber auch Nachrichten wie die Tagesschau. Es ist wichtig zu wissen, was in dem Land, in dem wir leben, geschieht. Um besser Deutsch zu lernen, habe ich schon alles Mögliche geguckt. Am liebsten Action-Filme, auch wenn darin meistens nicht so viel geredet wird.

Mit wem würden Sie sich gern einmal treffen?
Sawsan Alzare: Angela Merkel ist für mich ein echtes Vorbild. Sie ist eine starke Frau, die uns Syrern in der Not geholfen hat. Dafür würde ich mich bei ihr bedanken.
Raad Aldakhail: Ich kann verstehen, dass ihre Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, in der deutschen Bevölkerung auch auf Kritik gestoßen ist. Aber wir Syrer haben die Hilfsbereitschaft der Deutschen nicht vergessen.

Was würden Sie gern einmal wieder essen?
Sawsan Alzare: Während des Ramadan essen wir abends alles, was wir mögen. Da fehlt uns also nichts. Ich koche außerdem sehr gern. Wichtig ist in dieser Zeit auch, etwas von seinem Essen abzugeben, etwa an seine Nachbarn. Und das mache ich auch.

Welches Thema in den lokalen Medien hat Sie am meisten beschäftigt?
Sawsan Alzare: Das sind die vielen Kriege, die wir zurzeit auf der Welt haben. Ich hoffe, dass das Kämpfen irgendwann aufhört.
Raad Aldakhail: Kriege wird es leider immer irgendwo geben. Die Politik ist dafür verantwortlich. Ich hoffe, die Leute verstehen das und vergessen ihre Menschlichkeit nicht. Meine Apotheke in Syrien wurde zum Beispiel von russischen Bomben zerstört. Trotzdem würde ich sofort jedem Russen helfen, der meine Hilfe benötigt. Wenn ich anfangen würde, alle Menschen aufzuzählen, die in Lindern gut zu uns waren, würde das die ganze Zeitung füllen.


Zu den Personen:

  • Sawsan Alzare (44) und Raad Aldakhail (52) haben in Syrien gelebt, wo Raad, der in Odessa studierte, mehrere Apotheken betrieb. Infolge des Bürgerkrieges flohen sie mit ihren Kindern zunächst in die Türkei und dann weiter nach Deutschland.
  • In Lindern fand die fünfköpfige Familie eine neue Heimat. Gemeinsam mit Freunden gründeten die beiden Anfang 2022 eine Kleiderkammer für Geflüchtete und unterstützten Hilfstransporte in die syrisch-türkische Erdbebenregion.

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