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Warum die Atomkraft in der Mottenkiste bleiben sollte

Kolumne: Deutschland geht das Gas aus. Viele plädieren deshalb für ein Revival der Atomkraft. Aber würde uns das wirklich helfen?

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Sie ist wieder da: die Atomkraft! Zumindest im aktuellen politischen Diskurs. Sollten wir die Atomkraftwerke (AKW) länger laufen lassen? Sollten wir gar neue AKW bauen? Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt. Denn AKW liefern keine Wärme, neue Reaktoren kämen zu spät und ihr erzeugter Strom ist zu teuer.

Aber der Reihe nach. Sollte Deutschland in wenigen Monaten tatsächlich das Gas ausgehen, fehlt vor allem Wärme. Deutschland nutzt nur einen kleinen Teil seines Gases, um damit Strom zu produzieren. Die fehlende Wärme würde besonders in den Fabriken der Industrie fehlen. Aus diesem Grund kündigt die Bundesregierung an, kurzfristig wieder verstärkt auf Kohlekraft zu setzen: Sie liefert (neben zusätzlichem Strom) den Fabriken die dringend notwendig Prozesswärme, die die AKW nicht liefern können.

Den Betreibern fehlen neue Brennstäbe

Und selbst wenn man annimmt, dass der Strombedarf im Winter steigt, würden uns die Atomkraftwerke kaum weiterhelfen. Die Betreiber hatten sich darauf eingestellt, die drei verbliebenen AKW zum Ende des Jahres stillzulegen. Sie haben also, erstens, keine neuen Brennstäbe bestellt. Das könnten sie jetzt nachholen, aber Brennstäbe werden nicht am Fließband, sondern speziell für die jeweiligen Reaktoren produziert. Das führt zu einer langwierigen Produktion, die 12 bis 15 Monate dauert. Man könnte die "Lebenszeit" der vorhandenen Brennstäbe zwar um wenige Monate verlängern. Dafür müssten die AKW-Betreiber aber die Leistung drosseln. Gemessen am Gesamtstromanteil würden die drei verbliebenen AKW also noch weniger Strom ins Netz speisen, als die aktuell nur noch etwa 6 Prozent.

"Atomkraftwerke liefern keine Wärme, neue Reaktoren kämen zu spät und ihr erzeugter Strom ist zu teuer."Friedrich Niemeyer

Zweitens gehen den Kraftwerkbetreibern die Fachkräfte aus. Die noch vorhandenen haben sich natürlich auf das Atom-Aus eingestellt und gehen vielfach in den Vorruhestand. Neue Atom-Ingenieure gibt es kaum. RWE-Chef Markus Krebber schlussfolgert: "Für den kommenden Winter könnten Kernkraftwerke keinen nennenswerten zusätzlichen Beitrag für die Versorgungssicherheit leisten."

Ewige AKW-Baustelle in Finnland

Nun könnte Deutschland natürlich nicht nur übergangsweise, sondern langfristig wieder in die Atomkraft einsteigen. Friedrich Merz (CDU) liebäugelt damit zum Beispiel. Das würde bedeuten, neue moderne AKW zu bauen. Einen großen Vorteil haben die Kraftwerke: Wenn sie einmal laufen, erzeugen sie den Strom weitgehend CO2-frei. Aber neue AKW zu bauen, wäre sehr teuer und würde sehr lange dauern. Durchschnittlich 10 Jahre braucht es, bis ein AKW steht – oftmals auch viel länger.

Finnland zum Beispiel baut seit 2002 an dem Druckwasserreaktor Olkiluoto 3. Bis heute produziert der keinen Strom. Geschätzte Mehrkosten: 7 Milliarden Euro. Frankreich baut seit 15 Jahren an einem neuen Reaktor im Kernkraftwerk Flamanville. Geschätzte Mehrkosten: 10 Milliarden Euro. Großbritannien baut seit 2015 an dem neuen Atomkraftwerk "Hinkley Point C". Erst 2027 soll das AKW fertig sein. Geschätzte Mehrkosten: 1 Milliarde Pfund.

Die hohen Baukosten tragen auch mit dazu bei, dass der Atomstrom viel teurer ist, als Wind- und Solarstrom. Und: Wollen wir die schlimmsten Folgen der Klimakrise verhindern, müssen wir so zeitnah wie möglich CO2-freien Strom produzieren. Nicht erst in 10 bis 15 Jahren.

Abhängigkeit von Uran-Importen

Es gibt viele weitere Gründe, die gegen die Atomkraft sprechen. Dazu zählt auch die Abhängigkeit von Uran-Importen. 40 Prozent des Urans importiert die EU aus Russland und Kasachstan. Dabei ist doch gerade infolge des Ukraine-Kriegs energiepolitische Unabhängigkeit das Gebot der Stunde. Zudem ist fraglich, ob die Betreiber ihre Atomkraftwerke überhaupt versichern können.

Außerdem: Wie sollen die Kraftwerke ausreichend gekühlt werden, wenn zunehmende Dürren die Pegelstände der Flüsse im Sommer sinken lassen? Betreiber mussten die Leistung einiger AKW in Frankreich deshalb bereits drosseln. Und dann bleibt letztlich noch die auch für das Oldenburger Münsterland spannende Frage: Wohin mit dem Atommüll?


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