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Kreuz-Allergie

Kolumne: Auf ein Wort – Vor dem Treffen der G7-Außenminister in Münster ist das historische Ratskreuz aus dem Friedenssaal entfernt worden. War das eine hypersensible Reaktion?

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Ich lade Sie heute zu einem spirituellen Allergietest ein. Wir müssen dazu nicht in den Pollenflugkalender schauen, sondern in die Zeitungen und Nachrichten der letzten Tage. Am vergangenen Freitag gab es aus Münster, der Stadt des Westfälischen Friedens, Bilder und Meldungen, die wie Allergene wirken: Der historische Friedenssaal war für das Treffen der G7-Außenminister umgeräumt worden. Auch das historische Ratskreuz wurde entfernt. Ein Vorbereitungsteam aus dem Auswärtigen Amt hatte die Stadt Münster im Vorfeld darum gebeten. Das hat man in Berlin wohl als kultursensible Haltung betrachtet. Sollte jemand aus dem erlauchten Kreis der G7 allergisch gegen das Kreuz sein. War das eine hypersensible Reaktion?

Ein großer deutscher Dichter soll einmal ausgerufen haben: "Nichts ist mir so verhasst wie das Kreuz!" Das könnte man im übertragenen Sinne wohl eine "Kreuz-Allergie" nennen. Die ist zum Teil verständlich, denn mit dem Kreuz in der Hand sind Kriege geführt worden. Aber das geschah eben nicht im Namen des Kreuzes! Auch nicht im Namen der christlichen Botschaft. Im Neuen Testament wird überhaupt nicht zu Kriegen aufgerufen, ganz im Gegenteil. Das Kreuz, wenn es von seiner Tiefe her verstanden wird, steht für die Überwindung der Gegensätze. Das Kreuz ist ein Friedenszeichen. Das mussten auch die Christen in Europa mühsam lernen. Aber eine wichtige Erinnerung an diese Lerngeschichte ist das Ratskreuz in Münster.

„Wer seine eigenen geschichtlichen Wurzeln nicht respektieren kann, kann kein Klima des gegenseitigen Respekts erwarten.“Dr. Marc Röbel

Theodor Heuss, der frühere Bundespräsident, hat in einer berühmten Rede die Bedeutung des Kreuzeshügels Golgatha für unsere Kultur erinnert: "Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom."

Die deutsche Außenministerin hat die Entfernung des Kreuzes im Friedenssaal nachträglich bedauert. Das sei ein "Orga-Ding" gewesen. Aber dann sollte Annalena Baerbock ihr eigenes "Orga-Team" wirklich genauer unter die Lupe nehmen. Dessen Mitglieder wollten sicherlich ein Klima religiöser Toleranz verbreiten. Aber wer seine eigenen geschichtlichen Wurzeln nicht respektieren kann, kann kein Klima des gegenseitigen Respekts erwarten. "Neandertaler mit Technik" nannte der Philosoph Karl Jaspers moderne Menschen, die ihre eigenen Wurzeln vergessen. Der kulturelle Gedächtnisschwund ist eine ansteckende Krankheit.

Das scheinen viele Menschen nach dem G7-Treffen auch so empfunden zu haben. Es gab sehr gesunde allergische Reaktionen auf einen solchen Umgang mit unseren religiösen Symbolen. Nicht nur von Christen: Ayman Mayzek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, ist ein Beispiel dafür. Dieser hochrangige Vertreter des Islam ist anscheinend überhaupt nicht gegen das Kreuz allergisch – aber gegen die Ignoranz einer solchen "Elite".


Zur Person:

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Akademiedirektor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Den Autoren erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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