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Der Mittelfinger – die unmittelbarste Form des Protests

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Am internationalen Tag des Mittelfingers sitzt der Frust übers verlorene EM-Finale tief. Die Geste des Protests spare ich mir lieber für die WM in Katar auf.

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Der 1. August ist auch bekannt als internationaler Tag des Mittelfingers. Gut zu wissen, denn passender könnte es gar nicht sein: Als eingefleischter Fußball-Fan habe ich am Wochenende natürlich auch das EM-Finale der deutschen Frauen verfolgt. Dabei musste ich mich über so manche Situation, insbesondere der Schiedsrichterinnen, sehr ärgern. Und zugegeben, an der einen oder anderen Stelle war mir auch danach zumute, von der obszönen Geste des Mittelfingers Gebrauch zu machen. Schließlich gab es unter anderem ein umstrittenes Handspiel im Strafraum der Engländerinnen.

Aber, Schwamm drüber! Immerhin haben umstrittene Wembley-Momente so ihre Tradition, man denke nur an 1966. So hat die Durststrecke der Engländer ein Ende gefunden. Nach 56 Jahren gewinnt ein englisches Nationalteam wieder einen großen Titel. Und auch wenn die deutschen Spielerinnen auf dem Rasen am Ende das Nachsehen hatten – mit durchschnittlich 17,9 Millionen Zuschauern vor den heimischen Bildschirmen schafften die DFB-Frauen im EM-Finale gegen England einen Turnierrekord. Also kein Grund, den Finger zu erheben und weiter seinen Unmut auszudrücken.

Aber wer hat diese nonverbale Form der Beleidigung überhaupt erfunden? Auf jeden Fall nicht Stefan Effenberg, der 1994 mit ausgestrecktem Mittelfinger bei der WM in Dallas den kritischen deutschen Fans gegenübertrat. Theorien darüber gibt es viele: Sie alle eint, dass das Phänomen des "Stinkefingers“ wohl schon in der Antike bekannt war.

"Statt sich über einen nicht gegebenen Elfmeter aufzuregen, sollte der Finger lieber in Richtung WM in Katar gehen."Meike Wienken

So trugen Ärzte ursprünglich Salben mit dem längsten der Finger, also dem Mittelfinger auf, weil sie damit am tiefsten in Körperöffnungen eindringen konnten. Dadurch galt der Mittelfinger zunehmend als obszön und wurde deshalb auch als  "digitus impudicus", schamloser Finger, bezeichnet, wie Prof. Dennis Pausch, klassischer Philologe an der TU Dresden, in einem Interview erklärte. Fortan gingen die Ärzte dazu über, Salben mit dem Zeigefinger aufzutragen. Außerdem galt der Mittelfinger in der Antike auch als Phallussymbol.

Doch zurück in die Gegenwart: Heute ist die Geste weniger sexuell aufgeladen, aber dafür nach wie vor eindeutig beleidigend, und international bekannt als Form des Protests.

Apropos Protest: Statt sich über einen nicht gegebenen Elfmeter im EM-Finale der deutschen Frauen in England, dem Mutterland des Fußballs, aufzuregen, sollte der Finger lieber in Richtung WM in Katar gehen. Schließlich sind fast 90 Prozent der 2,5 Millionen Einwohner Katars Ausländer, die zu einem Großteil aus ärmeren Ländern wie Bangladesch, Nepal oder Indien stammen. Knapp die Hälfte von ihnen arbeitet auf Baustellen, auch für die Fußball-WM, und wird massiv ausgebeutet. Da reicht für den Protest jedoch keine stumme Geste mehr, sondern ein Boykott wäre angebracht.


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