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Der Kern des Problems ist die klerikale Macht

Entschädigungen für Missbrauchsopfer sind ein richtiger Schritt der katholischen Bistümer, aber kein Befreiungsschlag.

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Die Entschädigungszahlungen für Opfer sexuellen Missbrauchs von bis zu 50.000 Euro, auf die sich die katholischen Bistümer in Deutschland in dieser Woche geeinigt haben, sind kein Befreiungsschlag, aber ein richtiger Schritt im Bemühen, eines der dunkelsten Kapitel katholischen Lebens zumindest hierzulande aufzuarbeiten.

Es ist angemessen, dass die Oberhirten sich an zivilgerichtlichen Schmerzensgeldhöhen orientieren und ein unabhängiges Gremium für eine einheitliche Umsetzung eingesetzt haben. Die von Opferverbänden geforderten höheren Summen von bis zu 400.000 Euro hätten die Bistümer finanziell überfordert. Richtig ist zudem, dass die katholische Kirche in der Prävention von Gewalt und Missbrauch mittlerweile vorbildlich agiert, was man von vielen anderen Institutionen und Verbänden, die in unserer Gesellschaft mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, leider noch nicht sagen kann.

Doch werden diese positiven Entwicklungen nicht ausreichen, um den massiven Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche und ihren damit einhergehenden Bedeutungsverlust auszugleichen. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Bischöfe sich auf den Weg der Aufklärung und der Wiedergutmachung nur durch den massiven Druck der Betroffenen und der Öffentlichkeit gemacht haben. Warum musste es elf Jahre dauern, bis Schuldbekenntnissen nun angemessene Entschädigungszahlungen folgen?

„Der Weg aus der Schuld ist noch weit und steinig.“Ulrich Suffner, Chefredakteur

Ein besonderer Schmerz ist den Opfern die Tatsache, dass den Bischöfen weiterhin der Mut fehlt, sich einem unabhängigen Urteil über Schuld oder Unschuld zu stellen. Der Grund ist simpel: Zu groß ist die Gefahr, dass nicht nur mittlerweile tote, sondern eben auch noch lebende Priester zur Rechenschaft gezogen werden müssten. Bis in höchste Ränge dürften Kirchenmänner bewusst weggeschaut oder kriminelles Handeln gedeckt haben.

Der Weg aus der Schuld ist noch weit und steinig. Darauf deuten auch die Ergebnisse einer neuen Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit der Medizinischen Fakultät Mannheim und des Instituts für Kriminologie der Universität Heidelberg hin. Das kaum überraschende Ergebnis: In der katholischen Kirche wurde in der Vergangenheit viel häufiger sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche vertuscht als in anderen Institutionen, etwa in Schulen oder Sportvereinen.

Studie erhärtet den Verdacht: Verharmlosung war Strategie der Kirche

Die Analyse der Wissenschaftler basierte auf Akten von 67 Priestern und 52 Vertretern anderer Institutionen. Bei 27 Prozent der angeklagten Kleriker hätten Kolleginnen und Kollegen versucht, die Taten zu verharmlosen – im Vergleich zu 15 Prozent bei den Angeklagten der Vergleichsgruppe.

Solche Erkenntnisse erhärten den Verdacht, dass Verharmlosung und Verleugnung sexuellen Missbrauchs in den vergangenen Jahrzehnten eben nicht nur persönliches Versagen von Führungskräften, sondern bewusste institutionelle Strategie der Kirche war.

Die Studie verweist schonungslos auf den Kern des Problems: Nicht ehrlich gemeintes Bedauern, nicht Entschädigungsgeld gleich welcher Höhe und auch nicht professionellste Prävention kann Missbrauch durch Kleriker dauerhaft verhindern, sondern nur der Rückbau und die Kontrolle der bisher uneingeschränkten klerikalen Macht im System Kirche.

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