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„Wir reagieren überhaupt nicht mehr auf Luftalarm“

Vasyl Savka, Geschäftsführer von Kolping Ukraine, spricht über seine Erfahrungen und die Hilfe vor Ort.

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Vasyl Savka in der Kolping-Zentrale in Czernowitz. Von hier organisiert er die Hilfstransporte. Foto: Bröring

Vasyl Savka in der Kolping-Zentrale in Czernowitz. Von hier organisiert er die Hilfstransporte. Foto: Bröring

Hilfstransporte über hunderte Kilometer, Dörfer nahe der Front und Menschen, die seit Jahren mit den Folgen des Krieges leben – die Eindrücke der Reise geben einen ersten Einblick. Wie und wo die Hilfe konkret ankommt, berichtet Vasyl Savka im Interview. Der Geschäftsführer vom Nationalverband des ukrainischen Kolpingwerks hat Andreas Bröring vom Leben im Krieg und davon, was die Unterstützung für die Menschen vor Ort bedeutet, erzählt.

Eine Frage vorab: Wieso sprechen Sie so gut Deutsch?
Ich habe vor 25 Jahren Germanistik studiert und bin ausgebildeter Sprachwissenschaftler, aber habe nie etwas damit zu tun gehabt. Kolping ist mein erster Job. Ich bin seit 2004 bei Kolping und habe als Bildungsreferent angefangen. Seit 2005 bin ich Geschäftsführer für Kolping in der Ukraine.

Was passiert mit den Hilfsgütern, die wir jetzt hergebracht haben?
Wir haben mehrere große Sprinter und organisieren die Hilfstransporte – entweder nach Mykolajiw oder in die Region. Wir fahren in Dörfer und verteilen die Sachen für die Familien.

Wissen die Menschen vorab, dass Sie kommen?
Ja. Es ist nicht immer einfach, dorthin zu gelangen. Wir kommen manchmal sehr nah an die Frontlinie, 10 bis 15 Kilometer entfernt. Dort leben immer noch Leute. Wir müssen das mit der Polizei koordinieren. Die kommt mit Funkstörungsanlagen und begleitet uns. Du kannst nicht einfach hinfahren und die Hilfsgüter herausgeben. Das muss organisiert sein. Wir besprechen das mit den Bürgermeistern – oder wie sie sich in den Dörfern nennen. Sie organisieren dann vor Ort, dass die Menschen kommen, wenn wir eintreffen.
Wir fahren immer mit zwei bis drei Fahrzeugen und besuchen mehrere Orte. Diese Fahrten dauern sehr lange, da wir Strecken von bis zu 800 Kilometern zum Teil über Feldstraßen zurücklegen. Wir fahren in jedem Fahrzeug mit zwei Personen.

Und die sagen Ihnen dann vorher: Wir brauchen 30 Kartons für 30 Familien?
Ja, ich habe eine Liste, wie viele Familien da sind. Wir waren in einigen Dörfern, wo es schon vor dem Krieg schlecht war. Mit dem Krieg sind sehr viele Flüchtlinge hinzugekommen. Das Rote Kreuz hat mit geförderten Programmen der Vereinten Nationen Flüchtlingslager gebaut, aber es kommt keine humanitäre Hilfe an. Die Menschen freuen sich sehr, wenn wir ihnen etwas bringen können. Eine Familie hat dadurch zwar nicht für den ganzen Monat, aber für einige Zeit etwas zu essen.

Was machen Sie mit den Sachen, die bei Ihnen im Lager stehen und nicht in Kartons verpackt sind, wie zum Beispiel eine Palette Öl oder Mehl?
Wir geben den Familien zu den Familienpaketen noch einen Liter Öl, ein Kilo Mehl und auch ein Notstromaggregat. Die von euch gepackten Familienpakete sind die beste Lösung.

Als wir in Deutschland erzählt haben, wir bringen Lebensmittel in die Ukraine, wunderten sich einige, warum wir keine Medikamente, sondern Lebensmittel liefern.
In der Mykolajiw-Region gibt es ein kleines Dorf, ein Lebensmittelgeschäft ist nirgends zu sehen. Die Bürgermeisterin hat die Menschen irgendwo im Feld gesammelt, am Ende der Welt. Dorthin kamen sie und haben die Lebensmittel abgeholt, die wir gebracht haben. Man kann diesen Menschen ansehen, dass es ihnen nicht gut geht. Sie sagten mir, wir seien die Ersten seit 2 Jahren, die zu ihnen gekommen sind.

Besteht oder bestand die Sorge, dass die Hilfe aus dem Ausland nachlässt, weil der Krieg schon so lange dauert?
Im Frühjahr 2025 hatte ich wirklich Angst. Bis dahin bekamen wir über Kolping in Rumänien alle 2 Wochen einen Hilfstransport. Dann plötzlich nur noch einen Transport in 2 Monaten und dann einen in 3 Monaten. Ich dachte, das sei das Ende. Aber dann kamen mit den Johannitern, dem Rotary-Club und Kolping wieder Transporte. Das geht bis heute so weiter.

Im vergangenen Winter fiel die Energieversorgung zeitweise 18 bis 20 Stunden aus. Betrifft das immer die ganze Ukraine?
Ja, überall. Egal, ob wir hier beschossen werden oder nicht. Wir haben ein einheitliches Netzwerk. Wenn ein Verteilungstrafo zerstört wird, muss das Netzwerk ausgeglichen werden. Dann schalten sie es aus und du hast Strom nur noch in Intervallen: 2 Stunden Strom, 4 Stunden keinen Strom. Nicht jeder Tag ist gleich. Heute von 6 bis 9 Uhr ohne Strom, dann eine Stunde mit Strom. Man kann sich nie darauf verlassen, ob und wann man Strom hat. Deshalb stehen vor vielen Häusern Notstromaggregate. Wenn man im Winter durch die Straßen geht, ist überall Lärm durch die Aggregate.

Kolping betreibt hier eine Suppenküche. Seit wann gibt es sie und wie viele Menschen werden versorgt?
Die Suppenküche gibt es seit dem 26. Februar 2022 – Kriegsbeginn. Die Menschen essen hier nicht, sondern wir geben ihnen eine Mahlzeit mit. Das, was ihr heute hier esst, ist das, was auch die Flüchtlinge essen. Jeden Tag bereiten wir ein Essen mit Suppe, Salat und Hauptgericht für 550 Menschen vor. Die Menschen kommen aus der ganzen Ukraine. Es sind Flüchtlinge, die jetzt in Czernowitz wohnen.

Kann man sich an Krieg gewöhnen?
Ja. Du reagierst nicht mehr so emotional auf Nachrichten. Wir reagieren überhaupt nicht mehr auf Luftalarm.

Wie oft ist hier in Czernowitz Luftalarm?
Fast jeden Tag, normalerweise nachts. Aber in den vergangenen Wochen gab es auch tagsüber Luftalarm.

Wir haben auf dem Weg hierher überall viele Ehrenmale gesehen. Gibt es eine ungefähre Zahl der Toten?
Das weiß keiner, aber jeder versteht, dass es um hunderttausende Tote gehen muss, doch offiziell wird nichts gesagt.

Es gibt immer wieder Berichte, dass Menschen auf der Straße abgefangen werden und dann zum Militär müssen.
Zwischen 25 und 60 Jahren kannst du eingezogen werden. Als Freiwilliger bei humanitärer Hilfe – wie bei Kolping – bist du davon nicht ausgenommen. Ein Freund wurde auch auf der Straße gefangen und mitgenommen. Es gibt mobile Checkpoints. Da stehen Polizei und Militär und halten jedes Auto an. Mit der App „Reserve Plus“ wird nachgeschaut, ob es einen Grund gibt, warum du nicht eingezogen wirst. Gibt es den nicht, bleibt dein Auto stehen, du steigst in den Bus ein und fährst zum Militärkommissariat. Am nächsten Tag bist du schon beim Training.

Wie gespalten ist das Land nach 4 Jahren Krieg?
Zu Beginn des Krieges konnte man vor dem Militärkommissariat eine Schlange von Menschen sehen, die sich für den Militärdienst anmelden wollten. Besonders im Westen gab es viele Patrioten. Sie waren die Ersten, die den Osten verteidigt haben. Das ist zu Ende. Der Krieg spaltet auch die Menschen hier im Land.

Welche Rolle spielen die Kirchen in diesem Zusammenhang?
Die Kirche spaltet die Gesellschaft. Wenn ein gefallener Soldat nach Hause gebracht wird, wird er nicht in der russisch-orthodoxen Kirche beerdigt, weil er ukrainischer Verteidiger ist.
Ein sehr guter Freund von mir hat 3 Jahre gedient, 2 Jahre davon an der Front. Er hat sein ganzes Leben Russisch gesprochen. Mit Anfang des Krieges kein Wort mehr, nur noch Ukrainisch. Seine Mutter, meine frühere Lehrerin, ist russisch-orthodox und sagt, Russland habe uns nicht angegriffen, obwohl ihr eigener Sohn in der Armee war. Sie sagt, das sei nicht wahr; die Ukraine habe Russland provoziert.
Ich selbst bin griechisch-katholisch und mein Freund wollte mich als Taufpaten für seine Tochter – seine Mutter hat es ihm verboten. Und wir sind beste Freunde. Er ist wie ein Bruder für mich. Es geht ein Riss mitten durch die Familien.

Wie hält man das aus? Wie hält ein Volk, eine Gesellschaft das aus?
Am Anfang war die Gesellschaft sich sehr einig. Aber jetzt? Wir haben keine Angst, dass Putin bis hierher kommt (nahe der südwestlichen Grenze; Anmerkung der Redaktion). Das kann er nicht. Keiner kann das. Keine Armee kann bis hier kommen. Das ist rein aus der Militärtheorie nicht möglich. Es gibt weniger Angst vor Putin. Aber die Gesellschaft ist gespalten.

Kolping in der Ukraine ist ja relativ klein. Wie kann man dann so lang so eine Hilfe koordinieren?
Die humanitäre Hilfe von Kolping für unser Land wird von hier aus koordiniert, mit nur ein paar Personen. Unterstützt werden wir von der Polizei, dem Militär, einigen Freiwilligen und Partnern, die zu uns halten. Wir sind nur 500 Kolpingmitglieder, vielleicht jetzt noch weniger. Aber wir sind hier und wir sind sehr stark.

In Deutschland sind Sie für Kolping das Gesicht der Ukraine. Gibt es eigentlich auch einen Nationalpräses?
Selbstverständlich! Wir sind ein normaler Kolpingverband. Unser Präses ist in Lemberg (Lwiw; Anmerkung der Redaktion). Der Vorsitzende ist aus Transkarpatien und ich als Geschäftsführer und Nationalsekretär in Czernowitz – also über die ganze Ukraine verteilt.

Dürfen Sie nach Deutschland?
Ich war 2023 zum letzten Mal bei der Generalversammlung von Kolping International. Und ich nehme an, ich werde in diesem Sommer fahren dürfen. Neben den Kolpingkontakten möchte ich vor allem meinen Bruder besuchen.

Wie wird sich die Lage aus Ihrer Sicht weiter entwickeln?
Das Problem wird sein, mit den Jungs umzugehen, die von der Front zurückkehren, nach dem Krieg oder auch jetzt. Sie haben hohe Standards für die Moral. Und sie sind bewaffnet. Es gibt so viele Waffen jetzt. Du gehst in den Wald und findest eine Kalaschnikow. Es sind extrem viele unregistrierte Waffen im Umlauf.

Nach dem Krieg wird es also weitere Unruhen geben?
Ja, Probleme wird es geben. Sehr viele Menschen sind tief traumatisiert. Das kann zu neuer Gewalt führen. Deshalb sehen wir es als eine wichtige Aufgabe, hier zu helfen. Wir haben vor 2 Jahren einen Kurs für Traumatherapie gestartet, um mit traumatisierten Menschen aus der Zivilbevölkerung oder dem Militär arbeiten zu können. Wir arbeiten hier mit der deutschen Stiftung „Wings of Hope“ zusammen. Hierüber wurden bereits aus Mangel an eigenen qualifizierten Traumafachkräften 30 Menschen ausgebildet, die schon heute für uns mit Menschen arbeiten, die eine posttraumatische Belastungsstörung haben. Kolping ist eine von wenigen Organisationen, die mit der Ausbildung von Traumafachkräften angefangen hat. So konnten bereits rund 300 Menschen mit Traumaarbeit begleitet werden.

4 Jahre Krieg, kein Ende in Sicht. Was glauben Sie, wo geht das hin?
Durchhalten – durch Menschen wie euch und eure Hilfe. Aber wie das ausgeht, darauf hat keiner eine Antwort.

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