Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Wie ich mitten in Sachsen Amerika entdeckte

Kolumne: Von „Welt“ über „Elend“ bis nach „Lederhose“: Im deutschsprachigen Raum gibt es viele witzige Ortsnamen. In Österreich hat sich ein Ort sogar umbenannt – weil das Schild zu oft geklaut wurde.

Artikel teilen:

Endlich Urlaub. Nun stehe ich hier. Amerika! Ähm… Hier wollte ich gar nicht hin. Schon gar nicht in der Ära Trump... Ich möchte auflösen: Eigentlich bin ich gerade nur in Mittelsachsen auf einer Umleitung einmal falsch abgebogen. Das ist ja irgendwie sinnbildlich, die Vereinigten Staaten wirken derzeit auch wie „einmal falsch abgebogen“.

Nun stehe ich also hier, am gelben Ortsschild: Amerika. Ich bin nun doch neugierig, zumal es ja weder Grenzkontrollen noch Zölle gibt und man vermutlich auch keine Angst haben muss, in irgendeinem Abschiebeknast zu landen. Amerika entpuppt sich als äußerst übersichtlich. 44 Einwohner, kein Donald weit und breit. Man ist dann doch ziemlich schnell durch mit der Bereisung.

Fast geschafft: An diesem Holzstapel gehts nach Amerika – in Mittelsachsen. Foto: OblauFast geschafft: An diesem Holzstapel geht's nach Amerika – in Mittelsachsen. Foto: Oblau

Warum aber heißt nun ein – Verzeihung – Kaff in Mittelsachsen, irgendwo zwischen Leipzig und Chemnitz, Amerika? Wikipedia weiß es. Der Begründer des Dorfes nannte es so, weil sein Fabrikgelände einst nur erreichbar war, indem man den Fluss Mulde durchquerte – zunächst über einige große Steine, später in einem Kahn. Man musste also „über den Teich“ – dieser Ausdruck war damals schon für die Reise in die Vereinigten Staaten bekannt, und so bürgerte sich der Begriff „Amerika an der Mulde“ für die Fabrik und die Umgebung ein. Inzwischen gehört Amerika zur Stadt Penig – aber das kennt ja nun hierzulande irgendwie auch keiner.

„Im Harz liegen Elend und Sorge in unmittelbarer Nachbarschaft, Lederhose findet man entgegen aller Vermutungen gar nicht in Bayern, sondern im Landkreis Greiz in Thüringen.“

Ich halte gerne mal an Schildern mit ungewöhnlichen Ortsnamen an. In „Welt“ war ich schon, was übrigens ein Dorf im Kreis Nordfriesland in Schleswig-Holstein und nur unwesentlich größer als das sächsische „Amerika“ ist. Im Harz liegen „Elend“ und „Sorge“ in unmittelbarer Nachbarschaft, „Lederhose“ findet man entgegen aller Vermutungen gar nicht in Bayern, sondern im Landkreis Greiz in Thüringen. Und wer immer schon mal „Brasilien“ und „Kalifornien“ am selben Tag besuchen wollte, ohne in ein Flugzeug zu steigen, schafft das locker in der Nähe von Plön. Man kann den Weg zwischen beiden Orten nicht mal als „Wanderung“ deklarieren. Sie gehen quasi ineinander über.

Auf Welt-Reise“ in Nordfriesland. Foto: OblauAuf „Welt-Reise“ in Nordfriesland. Foto: Oblau

Schlagzeilen machen auch immer wieder Dörfer, deren Namen irgendwie unanständig klingen. „Petting“ etwa, oder „Fucking“. Weil im österreichischen Fucking immer wieder Ortsschilder geklaut wurden und der Spott über den Ortsnamen groß war, hat sich die Gemeinde vor wenigen Jahren sogar umbenannt. In Fugging. Nun sind die Ortsschilder nicht mehr ganz so begehrt.

Mein Heimatkreis wird auch immer wieder in beliebten Übersichten mit vermeintlich vulgären Ortsnamen genannt. Dort gab es mal ein Dorf namens Moese. Ein gelbes Ortsschild gibt’s dort nach einer Eingemeindung nicht mehr. Aber den Brieftaubenzuchtverein Moesenperle (kein Scherz!) und einen gleichnamigen Apfelkorn. Und tatsächlich gibt es auch eine Straße, die Moese heißt – und jemanden (ebenfalls kein Scherz!), der an der Adresse „Moese 1A“ wohnt. Ich weiß ja nicht. Dann vielleicht doch lieber Amerika in Mittelsachsen?


Zur Person:

Der direkte Draht zu Ihren Nachrichten aus dem OM. Abonnieren Sie unseren kostenlosen WhatsApp-Newsletter. Immer am Abend. Hier geht es lang! 

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Wie ich mitten in Sachsen Amerika entdeckte - OM online