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Wie aussagekräftig ist die 7-Tagesinzidenz?

Es ist der wohl wichtigste Wert in der Pandemie: Die 7-Tagesinzidenz ist Grundlage für Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Aber taugt die Zahl zur Bewertung der Situationen in den Landkreisen?

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Symbolfoto: dpa/Gambarini

Symbolfoto: dpa/Gambarini

Die Menschen im Kreis Vechta haben zuletzt eine Achterbahnfahrt erlebt: Nach Meldeverzögerungen aufgrund der Feiertage hatte sich die 7-Tagesinzidenz Mitte Januar zwischen 120 und 130 eingependelt. Dann nahm der Wert, der die Neuinfektionen binnen einer Woche pro 100.000 Einwohner angibt, innerhalb weniger Tage stark ab. Zwischenzeitlich lag die Inzidenz am 25. Januar mit 52,4 sogar knapp über dem kritischen 50er-Grenzwert. Nach Monaten unter den landesweiten Hotspot-Regionen war diese Entwicklung für viele Bürger ein Hoffnungsschimmer in der seit einem Jahr andauernden Pandemie.

Doch die sinkende Tendenz war nur von kurzer Dauer. Nach dem bisherigen Jahrestiefstwert vom 25. Januar kehrte sich die Entwicklung um. Bereits am 31. Januar lag die Zahl bei 108,5. Weitere 10 Tage später wurde mit 203,1 die 200er-Marke überschritten, ab der ein Landkreis in Niedersachsen per Definition zu einem Hotspot erklärt wird. Wie konnte es dazu kommen?

Art der Ausbrüche und Testzahlen wirken sich auf Inzidenz aus

Die Ursache für den starken Anstieg der Inzidenz ist das Ausbruchsgeschehen. Das erläuterte die Leiterin des Vechtaer Gesundheitsamtes, Sandra Guhe, gegenüber OM online. Es kommt demnach auf die Art der Ausbrüche an: Handelt es sich bei den Neuinfektionen lediglich um Einzelpersonen, von denen nur eine Handvoll Kontakte ausgeht, oder sind die neuen Fälle als sogenannte "Super-Spreader" mit einer Vielzahl weiterer Kontakte verbunden? So sind beispielsweise Infektionen in Pflegeheimen, Schulen, Krankenhäusern oder Kindergärten immer automatisch "Super-Spreader", da sich in diesen Gemeinschaftseinrichtungen natürlicherweise viele Menschen begegnen.

Und genau das ist im Kreis Vechta der Fall: Es handelt sich laut Guhe um viele im Kreisgebiet verteilte Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen, darunter die Krankenhäuser Vechta und Lohne, diverse Kindergärten sowie Wohn- und Pflegeheime.

Im Gespräch mit der Redaktion: Landrat Herbert Winkel (rechts) und die Leiterin des Gesundheitsamtes, Sandra Guhe. Archivfoto: M. NiehuesIm Gespräch mit der Redaktion: Landrat Herbert Winkel (rechts) und die Leiterin des Gesundheitsamtes, Sandra Guhe. Archivfoto: M. Niehues

Doch wie genau wirkt sich das auf die 7-Tagesinzidenz aus? Um den Zusammenhang zu verstehen, muss man sich die Testzahlen anschauen, denn diese stehen ebenfalls in einer Abhängigkeit zum Ausbruchsgeschehen. Beim Inzidenzwert handelt es sich um die Zahl der Neuinfektionen binnen einer Woche – zur besseren Vergleichbarkeit gerechnet auf 100.000 Einwohner. Eine Infektion ist aber nur bei einem positiven PCR-Test offiziell nachgewiesen. Das bedeutet: Die Zahl der Tests beeinflusst die 7-Tagesinzidenz. Aber Achtung: Nur weil mehr getestet wird, heißt das nicht automatisch auch mehr Infektionen und umgekehrt. Vielmehr ist die Teststrategie von Bedeutung.

Wie berichtet, ist die Aufgabe des Gesundheitsamtes die Kontaktnachverfolgung. Werden etwa von den Hausärzten neue Fälle gemeldet, setzt die Behörde die Betroffenen und deren enge Kontaktpersonen in Quarantäne. Ziel ist es, neben dem Ursprung der Infektion weitere, davon ausgehende Fälle aufzudecken (Infektionsketten), um dann die Virusausbreitung durch Folgeinfektionen schnellstens zu unterbinden. Das Gesundheitsamt nimmt zu diesem Zweck bei sämtlichen engen Kontaktpersonen Abstriche – und diese Zahl der möglichen infizierten Kontaktpersonen ist bei Ausbrüchen in Kitas, Krankenhäusern und Pflegeheimen groß. Je mehr solcher Gemeinschaftseinrichtungen betroffen sind, desto höher ist also die Zahl der durchgeführten Tests – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, weitere Infektionen aufzuspüren.

Corona-Mutationen beeinflussen Geschwindigkeit der Ausbreitung 

Nun verschärft die rasante Ausbreitung der Corona-Mutation B.1.1.7 die Situation. Guhe spricht von einer "neuen Dimension, die wir bisher so nicht kannten". Die erstmals in Großbritannien entdeckte Variante ist deutlich ansteckender. Eine mit der Mutation infizierte Person steckt im Schnitt mehr Menschen an, als eine Person, die mit dem ursprünglichen Virus infiziert ist. Die Wahrscheinlichkeit weitere Fälle unter den engen Kontaktpersonen eines Infizierten zu finden, ist also viel höher.

Laut Guhe hat die Behörde diese Beobachtung in Fällen mit B.1.1.7 bereits gemacht, denn häufig hatten sich schon die "Kontaktpersonen von Kontaktpersonen" angesteckt. Das Amt hat daher die Teststrategie ausgeweitet – und den Kreis der Kontaktpersonen, die für einen Abstrich infrage kommen, vergrößert. Neben engen Kontakten (K1) werden in bestimmten Fällen auch K2-Kontakte mit einem geringeren Infektionsrisiko sowie neben symptomatischen auch Menschen ohne Symptome getestet. Dadurch steigen erneut die Testzahlen und damit einhergehend die Wahrscheinlichkeit, weitere Infektionen aufzudecken. In der Folge kann das wiederum für einen Anstieg der Inzidenz sorgen, was im Kreis zuletzt der Fall war.

Vergleichbarkeit zwischen Landkreisen fehlt

Die 7-Tagesinzidenz ist mittlerweile der Gradmesser für die öffentliche Einschätzung der Corona-Lage. Sie ist die Grundlage für Einschränkungen des öffentlichen Lebens und hat mitunter Auswirkungen auf die Existenzen einiger Bürger, etwa durch Ladenschließungen. Das Land Niedersachsen hatte zuletzt einen Lockerungsplan vorgeschlagen, der sich an Inzidenzwerten orientiert. Die Art der Ausbrüche, die Zahl der durchgeführten Tests und auch die durchschnittliche Ansteckungsrate eines Infizierten (auch R-Wert genannt) – all diese Faktoren beeinflussen den Wert der 7-Tagesinzidenz. Doch wie diese Kennzahlen aussehen und wie sich das örtliche Infektionsgeschehen genau zusammensetzt, das ist anhand der Inzidenz nicht erkennbar. Wie aussagekräftig ist die 7-Tagesinzidenz?

"Ich persönlich halte von dieser reinen Inzidenzzahl als Gradmesser für ein Infektionsgeschehen nicht wirklich viel", sagt Expertin Guhe auf Nachfrage. Der Wert, der auch dazu dient, die Landkreise niedersachsen- sowie bundesweit zu vergleichen, müsse immer in Relation zu den Testzahlen gesetzt werden. Die Zahl der Tests werde aber pro Landkreis nicht statistisch dokumentiert - und ist vom individuellen Vorgehen der örtlichen Behörde abhängig.

Denn das RKI sowie Bund und Länder geben zwar eine Grundlage für die Strategie vor. Am Ende obliegt die weitere Umsetzung aber den örtlichen Ämtern, besonders beim Vorgehen im Hinblick auf asymptomatische Kontaktpersonen. Die Kreise müssen die Mindestvorgaben von Bund und Ländern erfüllen. Gesundheitsämter,  die wie das in Vechta über die Empfehlungen hinaus gehen und großzügiger testen, riskieren aber mitunter eine höhere Inzidenz. Es fehlt also die Vergleichbarkeit zwischen den Kreisen. Zudem, betont Guhe, müsste bei der Bewertung der Lage auch die Situation in den Krankenhäusern und die Belegung der Intensivbetten berücksichtigt werden.

Landrat Herbert Winkel äußert sich auf Nachfrage ebenfalls eher Verhalten: Bei einer 7-Tagesinzidenz von 200 werde davon ausgegangen, dass es verschiedene Anhaltspunkte gibt, dass die breite Gesellschaft mit dem Virus infiziert ist. Lassen sich die Infektionsherde aber – beispielsweise wie im Kreis Vechta – gut eingrenzen, so seien keine weiteren Maßnahmen nötig, auch wenn die Inzidenz bei 200 liegt. Ist das Ausbruchsgeschehen allerdings diffus, also quer durch die Gesellschaft verstreut und die Ursprünge der Infektionen nicht mehr klar nachzuvollziehen, müssten entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Dann sei es am Ende egal, ob die Inzidenz bei 100, 180 oder 200 liege.


Ein Kommentar zum Thema von Bernd Bergmann (Redakteur):

Lockdown für immer?

Die 7-Tagesinzidenz ist zur Bewertung der Corona-Lage absolut unbrauchbar. Es handelt sich um einen Wert, der ein komplexes Infektionsgeschehen zur besseren Vergleichbarkeit auf eine Zahl subsummieren soll. Doch das entspricht nicht der Realität. Die Virusausbreitung ist von vielen Faktoren abhängig.

Dass Bund und Länder jetzt eine Inzidenz von 35 für Lockerungen ab März ins Spiel bringen, ist daher eine Scheindebatte und Utopie. Warum? Das Problem ist hausgemacht und basiert auf einer verfehlten Teststrategie. Einerseits variiert die Umsetzung von Land zu Land und von Kreis zu Kreis. Zum anderen ist das derzeitige Vorgehen eine Strategie der Reaktion. Erst wenn neue Fälle auftreten, beginnen die Behörden mit der Kontaktermittlung und testen nur Kontaktpersonen. Je mehr neue Fälle den Ämtern gemeldet werden, desto mehr Kontaktpersonen gibt es und damit mehr Tests. Das gilt auch im Umkehrschluss.

Sind alle Kontakte ermittelt, sinkt die Zahl der Test wieder und damit die Inzidenz. Aktuelles Beispiel: Nach 2344 Tests vom 1. bis 8. Februar waren es im Kreis Vechta vom 8. bis 15. Februar 1277 Abstriche. Später treten neue Fälle auf und alles wiederholt sich. Es ist somit ein Teufelskreislauf, der mit dem verbundenen Anstieg und Abfall von Inzidenzwerten für die markante Wellenbewegung eine zentrale Rolle spielt.

Nach einem Jahr Pandemie ist jedoch die Frage nach der Dunkelziffer weiter unbeantwortet. Und da lauert die Gefahr – gerade mit Blick auf die Mutationen: In 90 Prozent der Fälle sei dem Kreis die Infektionsquelle bekannt. Das ist nur insofern logisch, da es sich um Folgeinfektionen nach Ausbrüchen in Gemeinschaftseinrichtungen handelt. Zugleich betont der Kreis aber in einer Mitteilung, dass vorherige Infektionen im privaten Bereich die Ausbrüche in jenen Einrichtungen später ausgelöst haben. Angesichts der rasanten Mutations-Ausbreitung ist somit zu befürchten, dass sich das Virus unter dem Radar längst unkontrolliert weiterverbreitet.

Die Teststrategie muss sofort grundlegend geändert werden. Es braucht mehr Virus-Monitoring. Solange nur von Impfstofflieferung zu Impfstofflieferung geimpft werden kann, sind flächendeckende und präventive Tests die einzige Möglichkeit, um überhaupt über Lockerung sprechen zu können. Gesundheitsminister Jens Spahn hat sein Versäumnis offenbar erkannt und will ab 1. März kostenlose Schnelltests anbieten. Bleibt zu hoffen, dass es nicht zum nächsten Lieferdesaster kommt. Aber auch auf jeden Bürger kommt es an, das Angebot wahrzunehmen. Denn sind wir mal ehrlich: Im ungünstigsten Fall sind 14 Tage Quarantäne dann irgendwie besser als ein Lockdown auf unbestimmte Zeit.


Hintergrund:

Corona-Teststrategie: So geht der Kreis Vechta aktuell vor - Der Landkreis Vechta testet in der ersten Februarwoche mehr als im Vormonat. Grund sei eine Änderung der Strategie, heißt es. Doch wie geht die Behörde nun vor? Wie haben sich die Zahlen entwickelt? Weiterlesen...

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