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Wetterexperte fordert ein Umdenken im Umgang mit dem Klimawandel

Extreme Wettereignisse gibt es auch bei uns immer häufiger. Der Dinklager Hobby-Meteorologe Josef Blömer ist alarmiert. Er erklärt, was in der Region zu tun wäre.

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Ein Bild, welches auch im Oldenburger Münsterland möglich wäre: In Paderborn zestörte am 21. Mai 2022 ein Tornado etlich Bäume und Gebäude. Experten sprechen von einer Folge des Klimawandels. Foto: dpa

Ein Bild, welches auch im Oldenburger Münsterland möglich wäre: In Paderborn zestörte am 21. Mai 2022 ein Tornado etlich Bäume und Gebäude. Experten sprechen von einer Folge des Klimawandels. Foto: dpa

Innerhalb weniger Minuten entwurzelt ein "tornado-ähnlicher" Sturm am 20. Mai etliche Bäume im Landkreis Diepholz. Einen Tag später wütet ein Tornado in Paderborn und Lippstadt; er richtet massive Schäden an. Das sind zwei extreme Wetterereignisse mitten in Deutschland.

Die Reaktionen der Klimaforscher und Meteorologen fallen eindeutig aus. Sie sagen: Das ist der Klimawandel. Auch der Dinklager Hobby-Meteorologe Josef Blömer ist überzeugt: "Wir können nicht mehr anders. Unsere Generation muss endlich den Grundstock für den Dreh legen." Gemeint ist der Dreh im Kampf gegen den Klimawandel.

Innerhalb kürzester Zeit hat es in der Region einige markante Wetterereignisse gegeben

Zu bedenken gilt: Ein Tornado im Mai ist kein Beweis für den Klimawandel. Ein verregneter Sommer ist kein Beweis gegen den Klimawandel. Denn: Meteorologen bezeichnen als Klima das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum – meist 30 Jahre. Wetterereignisse hingegen sind Momentaufnahmen. Es kann immer Ausreißer geben, die nicht zum Gesamtklima passen. Meteorologen sagen aber auch: Wenn sich solche Ereignisse häufen, dann kann sehr wohl vom Wandel des Klimas gesprochen werden.

"Innerhalb kürzester Zeit hatten wir nun schon diese markanten Ereignisse", sagt Blömer, der seit dem 12. August 1981 in Dinklage Wetterdaten aufzeichnet. Jeden Tag misst er Temperaturen, Niederschläge oder auch Windgeschwindigkeiten. Allein im Februar 2022 hat es innerhalb weniger Tage drei heftige Orkantiefs im Oldenburger Münsterland gegeben. "Normalerweise erwarten wir solche Stürme erst im Herbst", sagt der 55-jährige, der eine Wetterdienstausbildung gemacht hat.

Josef Blömer zeichnet seit 1981 Wetterdaten auf. Foto: J. ScholzJosef Blömer zeichnet seit 1981 Wetterdaten auf. Foto: J. Scholz

Neben den Stürmen geben dem Wetterexperten auch die hohen Temperaturen zu denken. Seit 2018  plagen in den Sommern immer wieder Dürre und extreme Hitze die Region. Besonders extrem war der Sommer 2018. Im Zeitraum von Anfang Juni bis Ende August gab es laut Blömer in Dinklage 11 Tage über 30 Grad Celsius und 49 Tage über 25 Grad Celsius. Am 18. Mai 2022 hatte es 30 Grad in Dinklage.

Die Frühjahre werden immer trockener und sorgen in der Landwirtschaft für Probleme

Nicht nur die heißen Sommer in der Region beunruhigen den Dinklager. In diesem März gab es bis an 2 Tagen nur Sonnenschein. Niederschlag blieb aus. Die vergangenen Frühjahre blieben immer trockener, obwohl es nach dem Winter normalerweise Regen geben müsste, betont Blömer. Hinzu komme, dass die Windgeschwindigkeiten weiter zunehmen. Am 18. Februar 2022 hat Blömer eine Windgeschwindigkeit von 86,8 Kilometern pro Stunde (km/h) gemessen. Das sei ein neuer Rekord, sagt er.

Immer häufiger Starkregenereignisse, trockene Frühjahre und kein Schnee im Winter: Für Blömer ist klar, dass sich hier etwas deutlich verändert. "Wir müssen vom menschengemachten Klimawandel sprechen", sagt der 55-Jährige. "Wir haben den Klimawandel zu lange ignoriert." Der Druck, zu handeln, sei groß.

"Ich glaube, es muss bei einem erst selber weh tun, bevor ein Umdenken kommt."Josef Blömer

Aber wie kann es sein, dass für viele Menschen der Klimawandel abstrakt klingt? "Ich glaube, es muss bei einem erst selber weh tun, bevor ein Umdenken kommt", vermutet der Dinklager. Im Nachsatz fügt er hinzu: "Eigentlich ist es dann schon zu spät, um zu handeln."

Worauf muss sich das Oldenburger Münsterland in den kommenden Jahren einstellen? Die Trockenheit wird laut dem Experten im Frühjahr weiter zunehmen. Es werde mehr Starkregenereignisse geben. Auch Tornados, wie einer durch den Kreis Diepholz wirbelte, seien nicht ausgeschlossen. Das Wasser werde knapper. Die Schäden nach Extremwetterereignissen werden höher ausfallen. Die Versicherungen werden somit teurer. "Ich will keine Angst schüren, aber die bisherigen Daten zeigen uns, dass das alles eintreten kann", sagt Blömer.

Die Erderwärmung könnte laut Experten das ökologische Gleichgewicht stören

Wo liegt überhaupt das Problem, schließlich war es schon sehr viel wärmer auf der Erde? Tatsächlich gibt es für die Erde kein Problem. Kritischer wird es für die Lebewesen, also auch für uns Menschen. Klimaforscher sagen, dass das ökologische Gleichgewicht durch die Erderwärmung durcheinandergebracht wird. Ein Beispiel: Wenn ein Siebenschläfer früher aus seinem Winterschlaf erwacht, geht er auch früher auf Futtersuche. Er frisst dann vielleicht Vogeleier, die zum Zeitpunkt seines sonstigen Erwachens bereits ausgebrütet gewesen wären. Die betroffene Vogel-Population werde auf neue Art bedroht.  Einem Negativszenario nach könnte aus ähnlichen Gründen ein Sechstel der Arten aussterben. Massenhaft würden Populationen verschwinden, wie einst zur Zeit der Dinosaurier.

Blömer und andere Wetterexperten sagen: "Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen und handeln." Wie? Es müsse Vorsorge getroffen werden. Dazu zählt laut Blömer: Das Regenwasser auffangen und nutzen; generell sparsamer damit umgehen und nicht ständig weitere Flächen versiegeln.

Wichtig, um den Klimawandel zu bremsen, sei die Reduzierung der Emissionen im Verkehr. Es müsse mehr öffentlichen Personennahverkehr geben; E-Autos sollten die Verbrenner immer weiter ersetzen. "Wir sehen aktuell bei den Spritpreisen: Wenn es an den Geldbeutel geht, sind die Menschen bereit zu handeln", sagt der Wetterexperte. Vor Tornados könne man sich kaum schützen. Auf die müsse man sich einstellen.

Und wie ist die Perspektive für das Oldenburger Münsterland? Blömer ist überzeugt, dass durch Innovation und Verzicht viel möglich ist. Die Wissenschaft könne nicht mehr tun, als immer weiter zu warnen. Er hoffe daher, dass die Menschen vernünftig werden, entsprechend umsichtig handeln und der Wandel sich verlangsamt.

Klimaforscher sehen das deutlich kritischer. Erst jüngst wurde bekannt, dass das 1,5-Grad-Ziel schon 2026 überschritten werden könnte. Blömer hofft dennoch, dass sich am Ende die Südoldenburger Mentalität durchsetzt. Wie die lautet? "Wenn es ein Problem gibt, dann wird es angepackt."



Fakten:

  • Die höchste Windgeschwindigkeit hat Josef Blömer in Dinklage am 18. Februar 2022 gemessen. Der Wert lag bei 86,8 km/h.
  • Der heißeste Tag in Dinklage war der 25. Juli 2019. Der Hitzerekord lag an diesem Tag bei 38,7 Grad Celsius.
  • Die höchste Niederschlagsmenge hat es am 2. August 2019 gegeben. Hier gab es 68,4 Liter pro Quadratmeter.
  • Die Sommer in Dinklage in den vergangenen Jahren (heiße Tage = über 30 Grad Celsius; Sommertage = über 25 Grad Celsius): 2018 gab es 11 heiße und 49 Sommertage, 2019 gab es 16 heiße und 38 Sommertage, 2020 gab es 8 heiße und 28 Sommertage und 2021 gab es 3 heiße und 21 Sommertage.
  • Weitere Daten gibt es online unter: www.wetter-dinklage.dewww.wetterstation-vechta.de, www.wetter-lohne.de, bei der Wetterstation Friesoythe-Altenoythe und der Wetterstation Cloppenburg-Stapelfeld.
  • Hinweis in eigener Sache: In einer ersten Version des Artikels haben wir auch den ARD-Wetterexperten Karsten Schwanke wiedergegeben – allerdings nicht korrekt. Wir haben die entsprechende Passage entfernt und bitten um Entschuldigung.

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