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Wenn ein Professor ins Dschungelcamp geht und als Romanautor wiederkommt

Gästebuch: Reine Fiktion soll das Werk des ehemaligen Direktors des St.-Josefs-Hospitals sein. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass es sich um einen Schlüsselroman handelt.

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Romanautoren sind in der Regel schlaue Menschen. Professor Dr. Joachim Schrader ist auch so einer, nämlich ein schlauer Mensch. Aber als Romanautor war er bislang nicht aufgefallen. Man erinnert sich eher an den Mediziner Schrader, an den Bluthochdruck-Papst mit Focus-Urkunden an der Wand, an den Fußballverrückten, der den Ballspielverein Cloppenburg (BVC) retten wollte, an den ärztlichen Chef des Krankenhauses oder auch an den begabten Redner.

Vor mehr als 2 Jahren gab Schrader den Direktorenposten des St.-Josefs-Hospitals ab. Wie damals behauptet wurde, habe er ein "Institut für klinische Forschung" gegründet, in dem Studenten und junge Ärzte forschen und promovieren können. Außerdem setze er seine Studien fort. Wie schön, wie paradiesisch. Aus der Bettenburg in den Elfenbeinturm. Wer täte es ihm nicht gerne nach? Aber wer's glaubt, wird selig, sagt der Volksmund.

Ein Sabbatical in Down Under unter Palmen

Denn jetzt – rechtzeitig, bevor das neue Jahr anbricht – kommt die Wahrheit ans Licht. Von wegen Forschungsinstitut. Nein, der Professor war im Dschungelcamp. Von wegen "klinisches Institut" und paradiesische Promotion. Stattdessen ein Sabbatical in Down Under unter Palmen. Dabei herausgekommen ist ein dickes Buch, ein Roman sogar. Ein Schlüsselroman etwa? Sein Titel: "Im Dschungel der Wissenschaft". Weil Professor Schrader noch niemals die Öffentlichkeit scheute, – natürlich fern jeglicher Eitelkeit – lässt er sämtliche Hypertonie-Maladen und mit ihnen alle Patienten und Ex-Patienten und wer auch sonst noch lesen kann und auch mag, an seinen Erlebnissen und Erkenntnissen teilhaben.

Alles spielt – natürlich – in einem Krankenhaus. Auf 374 langen Seiten geben sich 45 Personen aus dem fiktiven Hospital gewissermaßen die Klinik-Klinke in die Hand. Insgesamt 20 Mediziner, darunter allein 10 Professoren, schwirren zwischen Betten und Bettgeschichten. Damit der langmütige Leser in diesem Dschungelbuch nicht den Überblick über die Figuren in Weiß verliert, sind die Beteiligten eingangs mit Namen, Titel und Berufsbezeichnung penibel aufgelistet.

"Ein Mediziner etwa als undercover Whistleblower? Heff use Professor doar achter käken?"Otto Höffmann

Hier ein grober Überblick: Der leitende Oberarzt, Professor Dr. Reisig, wird von Kollegen tot in seinem Zimmer aufgefunden. Gerichtsmediziner und Polizei finden keinen Hinweis auf ein Fremdverschulden. Suizid? Professor Dr. Reisig stand kurz davor, auf einen Lehrstuhl berufen zu werden. Deshalb glauben der jüngste Professor der Klinik, Professor Dr. Jens Scholler (Schrader?), und sein Ärzteteam weder an einen Unfall noch an Selbstmord. Im Kampf um Erfolge in der Forschung scheint einigen Kollegen jedes Mittel recht zu sein.

Je weiter Professor Dr. Scholler (Schrader?) und seine Kollegen vordringen, umso mehr begreifen sie, dass ein gnadenloser Kampf um Geld, Macht und Einfluss ausgebrochen ist. Scholler wird der Held. Am Ende Aufatmen. Und eine persönliche Erklärung Schraders am Schluss. Dieses Buch sei ein Roman und damit reine Fiktion. Die Handlung und die handelnden und beschriebenen Personen seien frei erfunden. Und wörtlich "Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig". Also bitte: kein Schlüsselroman wie "Mephisto" über Gustaf Gründgens.

Erkauft man sich mit Geld Schweigen, wie in Schraders Enthüllungswerk beschrieben?

Doch wer so etwas ungefragt betont, macht sich verdächtig. Warum, lieber Autor, gibt es dann seit Jahren eine enorme Fluktuation im Cloppenburger Krankenhaus? Warum laufen uns reihenweise die Doktoren weg oder gehen schon als Jungspunde in den vorvorzeitigen Ruhestand? Warum werden seit Jahren wechselwilligen Medizinern Millionengeldbeträge nachgeworfen, nur damit sie kündigen? Selbst Geschäftsführer lassen lukrative Verträge locker hinter sich. Bloß weg aus Cloppenburg. Da muss doch was im Argen liegen.

Erkauft man sich mit Geld Schweigen, wie in Schraders Enthüllungswerk beschrieben? Ein Mediziner, etwa als undercover Whistleblower? Heff use Professor doar achter käken? Da mag der Autor noch so vehement wie treuherzig beteuern, es handele sich KEINESFALLS um einen Schlüsselroman. Wir mögen ja vielleicht nicht so schlau wie ein Romanautor sein. Sicherlich sind wir das nicht. Aber naive Doofis sind wir auch nicht.

Wo endet da die Fiktion, wo beginnt die Realität?

Wenn von so vielen Ärztinnen und Ärzten im Cloppenburger Krankenhaus der Ruf erschallte "Hol mich hier raus" und der Chef sich 2 Jahre in ein Dschungelcamp zurückzieht, um einen Schlüsselroman zu Papier zu bringen, weil er mit der ungeschminkten, direkten und reinen Wahrheit ja seine ärztliche Schweigepflicht verletzen würde, und dieses Werk "Im Dschungel der Wissenschaft" heißt, kann man ja wohl eins und eins zusammenzählen. Wir jedenfalls können das.

Und dafür, dass der Chefaufklärer aus dem Roman Professor Dr. Scholler das alter Ego des Autors ist, spricht ja auch, dass er mit Nicole Petersen, der Chefsekretärin des Klinikdirektors, die heißeste Braut des Romans abschleppt. Aufklärer wie Abstauber in einer Person: Wer möchte da nicht mithalten? Wo endet da die Fiktion, wo beginnt die Realität? Die einen sagen so, die anderen sagen so.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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