Wenn die stille Zeit vorbei ist, kehrt wieder Ruhe ein
Meine Woche: Dezember-Erinnerungen im Einzelhandel zwischen unzähligen Metern Papier und Schleifenband.
Anika Lindner | 22.12.2024
Meine Woche: Dezember-Erinnerungen im Einzelhandel zwischen unzähligen Metern Papier und Schleifenband.
Anika Lindner | 22.12.2024

In den vergangenen Wochen kamen des Öfteren Erinnerungen an die Dezembertage der letzten Jahre hoch, die noch so ganz anders für mich verliefen als jetzt. Zu dieser Zeit stand ich noch zwei Häuser von der Friesoyther Redaktion entfernt in meinem Geschäft und bediente meine Kundschaft. Von morgens bis abends, mit kaum einer halben Stunde Zeit zum Aufatmen, mit unzähligen Metern Papier und Schleifenband im Verbrauch, das Telefon nicht still stehend und der Laden voll. Zum dritten Advent hatten viele Kundinnen oft schon die großen Einkäufe für die Familie erledigt und suchten aber noch hübsche oder nützliche Kleinigkeiten für Freundinnen oder Nachbarn. Andere kamen, weil sie sich selbst beschenken wollten. Manche suchten dabei auch, genervt von der für sie wenig besinnlichen Zeit, Ablenkung. Oft entstanden lebhafte Gespräche, in denen die Frauen sich über hausgemachten oder fremdverschuldeten Stress aufregten, gegenseitig aufbauten und den Laden mit ihrem Lachen ausfüllten. Manche setzten die Trost bringende Idee um, ihren Baum mit einem neuen Satz Schmuck zu verzieren und wähnten sich im Himmel. Die vier Wände meines Ladens haben viel gesehen und gehört. Wen eine Mischung aus nervöser Unruhe und Hoffnung auszeichnete, der suchte meistens ein Wichtelgeschenk für die Firmenweihnachtsfeier. Die Aufgabe: Ein perfektes „Etwas“ mit „Y“ beginnend in der Farbe Aurore-Orange und für allerhöchstens 5 Euro zu finden, obendrein mit dem Anspruch, unter den kritischen Blicken der Kollegen nicht negativ auf- oder gar unten durchzufallen. „Gutscheine waren die Rettung für Freude unter dem Christbaum.“ Nach diesen Beratungen dachte ich oft, dass man sich doch auch unkompliziert auf ein paar Gläser Glühwein treffen könnte und überlegte, was wäre, wenn die Menschen wüssten, was sie bei anderen mit den aus ihrer Sicht lustigen Geschenk-Vorgaben auslösen. Außer beim Wichteln schien sich die Umtriebigkeit nie auf die Herren zu übertragen. In der Annahme, dem frühen Vogel alle Ehre zu machen, kamen einige regelmäßig nicht vor dem 22. Dezember, um einen von mir am 2. Dezember auf Instagram geposteten Artikel käuflich zu erwerben. Die Verwunderung über den Ausverkauf und dem Hinweis, dass mit einer Lieferung vor Januar nicht mehr zu rechnen sei, verursachte dann doch einen Anflug von Anspannung und manch strafendes Augenrollen seitens der mitgebrachten Kinder. Gutscheine waren dann die Rettung für Freude unter dem Christbaum. Aber ich habe mich auch über viele Herren als Kunden gefreut, die sich frühzeitig und ganz reizend Gedanken über ein schönes Geschenk für ihre Partnerin machten. Bis zur allerletzten Minute packte ich am 24. Dezember noch viel unter dem Stichwort „Irgendwas-Schönes“ ein und nach dem Fest fiel allmählich meine Anspannung von mir. Mein Mann zitierte dann gerne Karl Valentin: „Wenn die stille Zeit vorbei ist, kehrt wieder Ruhe ein.“Zur Person:
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