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Wenn die Familie zur Prüfungskommission wird

Kolumne: Ein Blick in meine Wohnung verrät viel über mich und mein Leben. Bestehen wir den Test?

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Zu Ostern habe ich eine Bewertung meines Lebens bekommen. Okay, das klingt etwas dramatisch. Meine Familie war zu Besuch. Nach 2 Jahren in meiner Wohnung waren Oma und Tante neugierig. Und wer bin ich, um ihnen diesen Wunsch auszuschlagen?

An sich ist es eine klassische Bachelor-Wohnung. Alles ein bisschen zusammengewürfelt und nur auf eine Person abgestimmt. Dadurch spiegelt aber auch alles mich wider: seien es die Poster oder kleine Gegenstände, die ich mal geschenkt bekommen habe.

Zu sehen sind aber auch Aspekte, die mir an mir nicht gefallen – angefangene, aber nicht beendete Projekte, ein Bücherregal, dessen Inhalt ich nur zur Hälfte gelesen habe, Pappe, die ich ganz sicher bald wegräumen werde. Es gibt für mich kaum intimere Dinge, als neue Menschen in meinen Wohnraum zu lassen. Es ähnelt einem Tanz zwischen Seele offenbaren und Unbequemlichkeiten verstecken. Ein Schwanken zwischen „Schau hier, dieses Stofftier kennt mich länger als ich mich selbst“ und „Guck' bloß nicht auf die Socken in jedem Raum“. Meistens sprinte ich von Krims zu Krams und versuche, alles auf einmal zu zeigen, damit meine Gäste alles sehen, aber ja nicht zu viel. Ganz schön intensiv!

„Dinge, die ich vorher charmant oder lustig fand, all der Krimskrams, der mich an geliebte Dinge und Personen erinnert, kommt mir auf einmal kindisch vor.“

Und jetzt geht es auch noch an die Familie. Hier bin ich schließlich nicht Ella, sondern Ella, die Enkelin. Wer ist die denn nun? Hat die wohl auch Podcast-Poster, die Nicht-Fans falsch verstehen könnten? Dinge, die ich vorher charmant oder lustig fand, all der Krimskrams, der mich an geliebte Dinge und Personen erinnert, kommt mir auf einmal kindisch vor. Wie alberne Stehrumskis, die meine Wohnung und mich in die Kategorie „nicht ernst zu nehmen“ stupsen. Wenn meine Oma einlädt, sitzen wir an einer schönen Kaffeetafel mit feinem Besteck, zusammenpassenden Möbeln und saisonalen Dekorationen. Bei mir sitzen wir an einem zu kleinen Ikea-Tisch, an den die Balkonmöbel meiner Vormieterin geschoben wurden.

Noch dazu könnte ein Blick in meine Wohnung auch einer moralischen Bewertung meines Charakters gleichen. Lebe ich ordentlich? Habe ich Geschmack? Kümmere ich mich um mein Eigentum? So entstaubte ich auf einmal Fußleisten hinter Regalen, schrubbte meine Abzugshaube und sortierte meine Bücher nach Genre. Als würde meine Oma nach Nietzsche suchen, ihn nicht finden, vor Wut mein Sofa wegschmeißen und sich von dem Staub darunter beleidigt fühlen.

Nun. Sie glauben es kaum, aber dazu kam es nicht. Bis auf einen kleinen Aussetzer, bei dem die Freundin meiner Tante fast durch meinen Balkonstuhl gefallen wär – er hatte den Winter wohl doch nicht überlebt –, lief alles reibungslos ab. Das Problem schien wieder einmal nur in meinem Kopf zu existieren. Tante und Oma hat die Wohnung gefallen. Zumindest haben sie das zu mir gesagt – was dann auf der Rückfahrt aufkam, muss mich nicht stören.


Zur Person:

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