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Wenn der Japaner zu Potte kommt

Kolumne: „Fusionsküche“ lautet das Zauberwort. Einflüsse aus aller Welt halten Einzug in unsere Schnitzelpfannen und Schmortöpfe. Warum eigentlich..?!

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Kennen Sie ihn? Diesen – gefühlten, latenten – Druck, immer wieder was Neues, Besonderes, Moderneres auf den Tisch zaubern zu müssen? Obwohl sich über das Altbekannte eigentlich auch noch nie jemand beschwert hat. Nichtsdestotrotz lassen wir uns an der Ceranfeld-Front treiben – sei es von stylish aufgemachten Kochbüchern, die manch Influencer (Gesundheit!) als „Coffeetable Book“ dekorieren würde, oder auch von quirligen Fernsehköchen.

Wo wir früher zur Vorspeise bei Omma wohlig „’ne Tass’ Spargelsuppe“ löffeln durften, muss „unser Mutter“ heute an der qietschgelben Le-Creuset-Gusspfanne die Jakobsmuscheln zu Radiergummis braten, bevor noch jemand glaubt, wir könnten von gestern sein.

„Aber sowas Klassisches kannste heutzutage halt nur da kochen, wo dich niemand kennt.“

Als mich meine Eltern kürzlich im Advent auf Sylt besuchten, hab’ ich zur Begrüßung abends gebratene Schweinelendchen mit Sauce béarnaise, Brokkoli und Kroketten serviert. Ehrlicherweise fehlt dir da wenig. Aber sowas Klassisches kannste heutzutage halt nur da kochen, wo dich niemand kennt. Die Dose Fondor oder das Glas gekörnte Rinderbrühe für daheim holt man sich am besten auch gleich dort. Bei Edeka in Cloppenburg könnte man ja erkannt werden. „Nee, nee, Rinderfond koch’ ich grundsätzlich selbst – paar Knochen, Gemüseabschnitte, 20 Stunden köcheln, fertig!“ Ist klar..!

Jedenfalls stand nun – Sie haben’s vermutlich mitbekommen – der Jahreswechsel an. An diesem Tag, ein Vierteljahrhundert nach Millenium, essen selbstverständlich nur die Ewiggestrigen klassisches Fondue. Unsereins, der Garam Masala nicht für die Hauptstadt von Jordanien hält, ist dem natürlich kulinarisch entwachsen – und kredenzt zu Silvester die japanische Version des Fondues, namens „Shabu shabu“. Ja, Freunde der Sonne, so sagen Genießer von Welt dem alten Jahr leise Servus!

In der Umsetzung bedeutet „Shabu shabu“, dass wir hier nicht etwa – wie früher – Schwein, Rind oder Hackbällchen in Fett ausbacken. Nein, nein, mittig auf dem Tisch dampft ein Töpfchen Brühe, gewürzt mit internationalen Ingredienzien (die Schreibweise musste ich auch googeln), wie Nori-Algenblatt, Sternanis, Fischsauce und Mirin-Reiswein. Dort hinein tauchen wir dann, während Silbereisen zum Schlagerboom einlädt, Rettich, Karotten, Shiitake-Pilze – und richten das Ganze im Anschluss nebst Sesamdip und Glasnudeln an.

Ein Fiebertraum von Jägerschnitzeln

Na, läuft Ihnen schon das Wasser im Mund zusammen? Ich kann verraten: Obwohl man da eigentlich schon um 22 Uhr in die Heia will, kommen einem die 5 Stunden bis Mitternacht ratzfatz wie 10 vor! Wäre die Flasche Cremant an dem Abend nicht treu an meiner Seite geblieben, ich hätt’ echt schlechte Laune kriegen können.

Mit knurrendem Magen und einem Fiebertraum von Jägerschnitzeln hab’ ich den ganzen Klumpatsch später wie Butler James in die Küche gehumpelt. Dort ließ mich das aufgeschlagene Kochbuch noch im Augenwinkel „Shabu shabu“ lesen. Und ich dachte nur: „balla balla“…


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Der Kontakt zum Autor ist möglich unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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