Warum gesellschaftlicher Zusammenhalt von großer politischer Bedeutung ist
Der "Abend der Caritas" in Cloppenburg-Stapelfeld stand auch im Zeichen globaler Herausforderungen. Der Soziologe Professor Dr. Heinz Bude zeigte Wege zum Erhalt des "öffentlichen Glücks" auf.
Austausch über Gesellschaft und Politik: (von links) Honorarprofessor Dr. Martin Pohlmann (stellvertretender Caritasdirektor), Weihbischof Wilfried Theising, Professor Dr. Heinz Bude und Caritasdirektor Dr. Gerhard Tepe. Foto: Kattinger
Ohne Zusammenhalt drohen viele Gefahren. Umso wichtiger ist es, sich auf eine gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft zu besinnen, besonders in diesen Zeiten. Dieser Appell zog sich wie ein Leitmotiv durch den diesjährigen „Abend der Caritas“ am Dienstag in der Katholischen Akademie Stapelfeld. Die mittlerweile 15. Veranstaltung dieser Art des Landescaritas-Verbands für Oldenburg (LCV) war von einem umfassenden politischen Charakter geprägt. Das zeigte sich nicht nur in der Rede des prominenten Soziologen Professor Dr. Heinz Bude, sondern auch in der Begrüßungsansprache von LCV-Direktor Dr. Gerhard Tepe.
Der Blick richtete sich immer wieder auch aufs Weltgeschehen – und in die Zukunft. Es ging um diese grundsätzlichen und großen Fragen: Wie wollen wir als Gesellschaft sein – und wie können wir das verwirklichen? Es ging um Werte und die damit verbundene Identität. Es ging um die Rolle der Wohlfahrtsverbände, die für Zusammenhalt sorgen.
Erhalt des Sozialstaats und der Demokratie
Und das sei eine Arbeit für den „Erhalt unseres Sozialstaats und unserer Demokratie“. Worte, die LCV-Direktor Tepe vor den etwa 100 Gästen aus Kirche, Politik (darunter Landtagspräsidentin Hanna Naber), Verwaltung, Wirtschaft und dem Sozialwesen sprach. Kontinuität und Entwicklung – beides sei bedeutend, erklärte Tepe.
„Mitstreiterinnen und Mitstreiter“ seien notwendig, wiederholte Tepe mehrfach. Er hob ein gemeinsames Projekt mit dem Offizialat und den Maltesern zur Unterstützung einer Armenküche im belarussischen Grodno hervor und erinnerte an die vielen Ehrenamtlichen, die im Einsatz für die Wohlfahrt sind. Tepe hatte auch viele mahnende Sätze parat: Wenn man am Sozialen spare, werde sich das irgendwann rächen, sagte er. Auch für eine Vertrauenskultur warb er, um „die Arbeitsfelder im Gesundheits- und Sozialwesen wieder attraktiver zu gestalten“ – gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel in der Altenpflege und im System der Krankenhäuser.
Sinngebung und eine Welt im Wandel
Angesichts zunehmender demokratiefeindlicher Tendenzen vom rechten Rand und in Anspielung auf die Reichsbürgerszene sagte Tepe: „Als Caritas der Kirche haben wir ein Sinn-System als Hintergrund.“ Das gelte ebenso für die Klienten. „Menschen in Not müssen sich daher kein eigenes Sinn-System zusammenzimmern.“ Das Ziel sei, biblisch gesprochen, das Reich Gottes. „Damit muss niemand Reichsbürger werden. Muss sich niemand eine Waffe zulegen oder mit dem Messer in der Hand zum Einkaufen gehen.“
Sinngebung und eine Welt im Wandel – darum drehte sich der Vortrag von Professor Dr. Heinz Bude, der den Blick auf das Heute aus dem Jahr 2040 heraus richtete. Auch er ging auf Gefahren für Demokratie und Freiheit ein, stellte die Bedeutung des gesellschaftlichen Zusammenhalts heraus. Eine der politischen Fragen, denen er sich widmete: Wie ist der Aufstieg des Rechtspopulismus – in Deutschland der AfD – möglich gewesen? Die AfD, sagte Bude, könne 30 Prozent an Zustimmung erhalten.
Wer für die AfD ansprechbar ist
Ihre Strategie: Provokation in traditionellen Medien und Emotion in sozialen Medien. Die Partei verstehe es, die „Kapitalisierung von Misstrauen“ für sich zu nutzen, das Misstrauen soll die Gesellschaft beherrschen. Die AfD agiere mit einem „Normalitätsversprechen“, trete als Verteidiger des Lebensstils der kulturell Bedrohten in Zeiten des Kampfes gegen den Klimawandel auf. Als Verteidiger von Schnitzel, Diesel und Billigflügen.
Es gebe kein Milieu, das die AfD trage. Ansprechbar für ihre Botschaften seien aber – so eine soziologische These – jene gesellschaftlichen Gruppen, die in den vergangenen Jahren aufgestiegen seien. Deren Vertreter hätten das Gefühl haben, dass sie eine Politik zu ertragen hätten, die alles wieder zunichte machen wolle.
Rät zur Gelassenheit im Kulturkampf: Professor Dr. Heinz Bude. Foto: Kattinger
Auch dies stellte Bude heraus: Es gebe einen Kulturkampf von links wie von rechts. Er riet zur „Gelassenheit“. Und Vertrauen durch Orientierung schaffe eine ebenso langsame wie auch eine schnelle Politik – das beharrliche Verfolgen langfristiger Ziele und das zügige Handeln, wenn es erforderlich ist.
Auch eine „lebendige Einbindung“ jener, „die man nicht so gerne hat“, brauche es, damit das Kollektiv seine Handlungsfähigkeit beweisen könne. Das heiße auch: „Wir schulden einander etwas.“ Denn es gebe Herausforderungen, „die können wir nur gemeinsam bestehen“.
Bude: Böden wie Gold behandeln
Beim Thema Klimawandel zeigte er sich pessimistisch: Das Ziel des maximalen Anstiegs der Erderwärmung auf 2 Grad sei nicht zu erreichen. Es sei bereits 5 nach 12. Deshalb: „Protektive Maßnahmen“ seien notwendig, eine Wappnung vor den Folgen. Denn ein gewaltiges Problem drohe in der Landwirtschaft, Böden sollten „wie Gold“ behandelt werden. Es gehe „um unsere Lebensweise“, stellte er heraus und forderte ein langfristiges Programm der Politik.
Der globale Rahmen: Die USA und China kämpfen um die Vorherrschaft, ein Kampf der Systeme. Die europäische Antwort seien die Bürgerrechte. Budes Plädoyer: „Wir haben Grund, selbstbewusst zu sein, ein Modell von Gesellschaft zu verteidigen, von dem wir glauben, öffentliches Glück herzustellen.“
„Wir müssen uns allen versprechen, etwas dafür zu tun, dass die Kirche ihre Kraft behält.“
Professor Dr. Heinz Bude
Allerdings: Im Jahr 2040 werde Europa lediglich 6 Prozent der Weltbevölkerung stellen. Doch ab jenem Jahr werde die Weltbevölkerung zugleich zurückgehen. Da stelle sich diese Frage: Wie kann der Verlust an Bevölkerung als Gewinn gelten?
Zur Rolle der Kirche in der Zukunft: „Ich traue der katholischen Kirche nicht mehr“, sagte Bude angesichts der Missbrauchsfälle. Aber: Wenn es die Hegemonie-Konflikte gebe, wenn es die Veränderungen der globalen Klimasituation gebe, dann „muss es irgendeine Statthalterin der Einheit der Welt geben“. Er könne sich hierfür nur die katholische Kirche vorstellen. Er sagte aber auch: „Wir müssen uns allen versprechen, etwas dafür zu tun, dass die Kirche ihre Kraft behält.“
Veränderungen nur möglich, wenn man Herausforderungen akzeptiert
Mit Blick auf die weltweiten politischen und klimatischen Herausforderungen sagte Bude: Nur wenn man ihre Existenz zuvor akzeptiere, seien Veränderunen möglich. Diesen Glauben zu finden und in der Kirche dargestellt zu sehen, das biete diese Möglichkeit: Die Idee eines motivierten Lebens mit der Idee eines Geheimnisses des Seins zusammendenken zu können.
Im Anschluss spielte erneut das „Kajser Quartett“ auf, das den Abend mit Klarinetten- und Saxophonklängen bereicherte – es waren Melodien aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Ebenfalls einer Zeit des Umbruchs und Wandels.