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Wartezimmer-Romantik

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – "Nehmen Sie bitte noch kurz Platz." Schnell wird im Wartezimmer klar, dass "kurz" ein Begriff ist, der scheinbar viel Interpretationsspielraum zulässt.

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Ob ich spontan JETZT herkommen könnte, fragt mich die Sprechstundenhilfe am Telefon, nachdem ich zuvor gefühlt 15 Minuten in der Warteschlafe hing, um einen Termin bei meinem Hausarzt auszumachen. Jetzt? Sofort? Kurz schaue ich an mir herunter,  sehe meine schwarze Schlafanzughose mit den pinken Schleifen und die Birkenstocks. "Ähm. Nicht direkt sofort, aber ich könnte in circa 15 Minuten losfahren", stammele ich in völliger Selbst-Überschätzung. In Ordnung, heißt es auf der Gegenseite. Kurz vergewissere ich mich, ob ich viel Wartezeit mitbringen muss. Nein, geht ganz schnell. Soso.

Schnell schmeiße ich meinen Pyjama in die Ecke, schlüpfe in eine Jeans, ziehe ein T-Shirt aus dem Schrank, hetze am Waschbecken vorbei, klatsche mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht. In der linken Hand bewaffne ich mich mit meiner Zahnbürste, mit der rechten versuche ich derweil meine Haare zu bändigen. Ab geht's zum Auto.

In der Praxis angekommen, zerstören 6 Worte meine Hoffnung, möglichst schnell wieder zu Hause zu sein: "Nehmen Sie bitte noch kurz Platz." Ok. Das Wartezimmer ist gut gefüllt. Ich murmele ein halbwegs freundliches "Moin" und setze mich. 20 Minuten. 40 Minuten. 1 Stunde. Ich checke E-Mails, scrolle bei Instagram hoch und runter, sortiere meine Freundesliste bei Facebook aus. Weitere 30 Minuten vergehen. Früher, vor Corona, konnte man jedenfalls noch zur längst vergilbten, schmierig-knastigen, durch 1 Million Hände und 2 Millionen Bakterien gewanderten "Neuen Post" greifen, die vor 4 Monaten mal neu war und die einem verrät, dass die Eheprobleme von Günther Jauch und seiner Frau vermutlich was mit Christian Lindners Hochzeit auf Sylt zu tun haben.

"Die Hoffnung, dem Wartezimmer, das immer irgendwie nach Halsschmerzen, Pflaster und China-Öl muffelt, zu entkommen, steigt."Sandra Hoff

Weitere 30 Minuten vergehen. Frau Soundso wird aufgerufen. Dann Herr XY. Haben die alle einen Termin? Vor mir? Und geht das hier nach Anmeldeverfahren oder nach Dringlichkeit? Mittlerweile wurden zwei Damen aufgerufen, die NACH mir das Wartezimmer betreten haben.  Ich will niemanden nerven, aber so langsam könnte sich hier was tun. Ab zum Empfang. "Entschuldigung", sage ich betont freundlich, "am Telefon sagte man mir, dass ich nicht lange warten müsse. Mittlerweile sind's 1,5 Stunden. Können Sie mir sagen, wie viele noch vor mir dran sind?"  - "Hhhmm, 2." Das ist absehbar, denke ich erleichtert.

Die Hoffnung, dem Wartezimmer, das immer irgendwie nach Halsschmerzen, Pflaster und China-Öl muffelt, zu entkommen, steigt. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Aber es kommt schlimmer. Denn hier, wo Schweigen per Gesetz vorgeschrieben sein sollte, betritt er den Raum: der irgendwie Bekannte, den man von irgendwoher so halb kennt, aber eigentlich nicht weiß,  wer er ist. Dieser Unbekannt-Bekannte bildet sogleich eine Allianz mit meinem Sitznachbar und hält in Stadion-Lautstärke einen Monolog über seine Leidensgeschichte. Hierbei fallen Begrifft wie Thrombose-Socken, Venenkatheter und Hämorrhoiden.

Aus dieser Sackgasse gibt es kein Entkommen. Bis endlich die Worte erklingen: "Frau Hoff?!" Ha, oh ja, das bin ich. Nach 5-minütigem Gespräch bin ich wieder draußen. Und brauche einen starken Kaffee. Mit Schuss.


Zur Person:

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