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Von der Kälbermarsch ins „Oldenburger KZ“

Der aus Steinfeld stammende Zentrumspolitiker Anton Themann wurde 1944 von der Gestapo verhaftet. Die Furcht war immer dabei.

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Das Haus am Nordweg in Vechta: Hier zog die Familie Themann 1927 ein. Foto: Buch „Alte Oldenburger“ 2002

Das Haus am Nordweg in Vechta: Hier zog die Familie Themann 1927 ein. Foto: Buch „Alte Oldenburger“ 2002

Ein buntes, ein spannendes, nein sogar ein sehr aufregendes und nicht immer einfaches Leben betrachten wir hier: Anton Themann, 1886 in Düpe bei Steinfeld geboren, könnte stellvertretend stehen für die Generation derjenigen, die in der deutschen Kaiserzeit geboren wurden, die die unterschiedlichsten politischen Systeme und gleich zwei Weltkriege erlebten, und dann noch am Aufbau der jungen Bundesrepublik beteiligt waren. Doch – wie gesagt – ganz gewöhnlich war dieses Leben nicht.

Das zeigt der Beitrag, den Peter Sieve aus Vechta jetzt im neuen Oldenburger Jahrbuch (119/2019) veröffentlicht hat. Sieve, Archivar beim Offizialat, stellt Auszüge aus den umfangreichen Erinnerungen vor, die Themann für seine Familie niedergeschrieben hatte. Sie befassen sich mit der Zeit des Nationalsozialismus (1933 bis 1945), in der Anton Themann Bedrängungen, viele Ängste um seine Familie und 1944/45 eine längere Zeit der Inhaftierung zu überstehen hatte. Um dies zu verstehen, müssen wir auf die Lebensgeschichte blicken: Als Sohn einer Heuerleutefamilie setzte er das fort, was schon der Vater vorgelebt hatte. Nach der Volksschulzeit ging er nach Holland, fuhr acht Jahre zur See. Das ersparte Geld legte er zurück, um sich damit den Wunsch zu erfüllen, Missionar zu werden. 1910 begann diese Ausbildung in einer Missionsschule im niederländischen Grave. Doch 1914, mit Beginn des Ersten Weltkrieges, wurden die deutschen Missionsschüler zurückgerufen: Der Militärdienst stand an.

Vertreter der Kleinlandwirte: Anton Themann. Auch war er Krankenkassenchef und christlicher Politiker. Foto: Geschichte der Stadt Vechta, Band 4Vertreter der Kleinlandwirte: Anton Themann. Auch war er Krankenkassenchef und christlicher Politiker. Foto: Geschichte der Stadt Vechta, Band 4

Themann überlebte den Krieg, in dem er schwer verwundet wurde. Seine vier Brüder starben. Der letzte Sohn durfte schließlich zu den Eltern heimkehren – und begann nun mit mittlerweile 32 Jahren, auf der heimischen Heuerstelle zu arbeiten. 1922 heiratete er Maria Bavendiek, die ebenfalls aus Düpe stammte.

Seine Berufung fand Themann dann, als er sich ebenfalls in dieser Zeit in der Interessenvertretung für die Heuerleute und Kleinlandwirte der Region betätigte. Themann wurde zu einem der führenden Vertreter dieser Bewegung, fuhr zum Beispiel schon 1924 mit nach Brasilien, um dort Siedlungsmöglichkeiten für deutsche Landwirte zu erkunden. 1925 zog er erstmals als Zentrumsabgeordneter in den Oldenburger Landtag ein; er blieb Abgeordneter bis 1933 – und wurde es wieder mit dem demokratischen Neubeginn 1945. In die 1920er Jahre fällt auch seine enge Bekanntschaft mit Heinrich Lübke, dem späteren Bundespräsidenten, der sich ebenfalls für die Kleinlandwirte einsetzte. 1927 schließlich übernahm Themann in Vechta die Geschäftsführung der neu gegründeten Bäuerlichen Krankenkasse, die wir heute unter dem Namen „Alte Oldenburger“ als großen privaten Krankenversicherer kennen. Mit Ehefrau und vier Kindern zog er nach Vechta an den Nordweg um.

In der NS-Zeit musste er sich nicht nur gegen die Vorstöße der Nationalsozialisten wehren, die als zentrumsnah eingestufte Krankenkasse zu schließen. In seinen nach dem Krieg niedergeschriebenen Erinnerungen berichtet er über ganz persönliche Schikanen durch Parteimitglieder oder Behörden, über polizeiliche Durchsuchungen seiner Privaträume oder willkürliche Übergriffe und Einschränkungen. Die Angst, verhaftet zu werden oder alle Einkünfte zu verlieren, war immer gegenwärtig. Nach dem Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 wurde Anton Themann dann im Zuge der „Aktion Gewitter“ wie viele weitere frühere Zentrumsabgeordnete und andere Regimegegner verhaftet und zunächst ins Gefängnis auf der Kälbermarsch (Willohstraße) gebracht. Von dort ging es weiter in das „KZ Oldenburg“ (Gestapo-Lager an der Stedinger Straße).

Bis Mitte Februar 1945 blieb Themann in Oldenburg. Er erlebte Demütigungen durch das Wachpersonal, den Tod von Mithäftlingen, verschiedene Arbeitseinsätze und schwebte in ständiger Angst, von Oldenburg aus in eines der großen Konzentrationslager verlegt zu werden, die als Todeslager bekannt waren. Daneben gab es aber auch helle Momente: die heimliche Unterstützung durch einen Oldenburger Unternehmer, der ihn als Zentrumsabgeordneter erkannt hatte, oder durch mitfühlendes Wachpersonal.

Im Februar 1945 – die Kriegsniederlage war absehbar – entließ der Oldenburger Gestapo-Chef Friedrich Theilengerdes den Häftling Themann ohne offizielle Papiere. Er erlebte das Kriegsende in Vechta bei seiner Familie. Und er setzte danach seine politische Tätigkeit fort, wurde zunächst in den von den Briten ernannten Oldenburgischen Landtag berufen, schloss sich der neu gegründeten CDU an und wurde schließlich Abgeordneter im ersten Niedersächsischen Landtag.

Themanns Erinnerungen sind natürlich sehr persönliche, subjektive Blicke auf eine Zeit, die sich aus heutiger Sicht nur sehr schwer erschließen lässt. Sie können uns aber die Augen öffnen für die Abgründe, die sich auftun, wenn sich selbst bis in den Bereich des unmittelbaren privaten und beruflichen Umfelds hinein Misstrauen und Angst breit machen; wenn der politische Extremismus das Zusammenleben vergiftet – bis hin zu Lagerhaft und Massenmord. Anton Themann hat dadurch den Lebensmut nicht verloren und sich weiter für den Zusammenhalt in der Gesellschaft eingesetzt. Er starb am 4. April 1965 an einem Herzinfarkt, als er gerade seine Tochter in Bensberg besuchte. Nach einem Leben, auf das wir auch heute noch mit Aufmerksamkeit zurückblicken dürfen.

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