Vom Party-Bollerwagen zur Familienkutsche
Kolumne: Der 1. Mai, Christi Himmelfahrt und Pfingsten laden zu Touren ein. Im Laufe der Zeit verändern sich diese jedoch.
Oliver Hermes | 30.04.2026
Kolumne: Der 1. Mai, Christi Himmelfahrt und Pfingsten laden zu Touren ein. Im Laufe der Zeit verändern sich diese jedoch.
Oliver Hermes | 30.04.2026

Der Lauf der Dinge lässt sich einfach nicht aufhalten, und mitunter erkennt man das an Kleinigkeiten. Zum Beispiel bei Touren am 1. Mai, Christi Himmelfahrt oder Pfingsten. Um genau zu sein, erkennt man es am Bollerwagen. Ich selbst habe das Gefährt bislang in drei Phasen erlebt. Als Kind saß ich selbst darin. Es brauchte wahrscheinlich nicht mehr als ein gutes Spielzeug, Snacks, eine Decke und jemanden, der mich zieht. Obwohl die Erinnerung daran – offen gesagt – ziemlich verblasst ist. Besser erinnere ich mich an Touren während der Abi-Zeit. Gerade die Klausuren geschrieben und noch keine Noten erhalten. Dafür aber ganz viel freie Zeit: Es gibt wenig bessere Kombinationen. So ging es an besagten Feiertagen zu Fuß los, ein beliebtes Ziel war das Rehazentrum. Doch mit Rehabilitation hatten diese Tage ungefähr so viel zu tun wie Zero-Limonade mit einer erfolgreichen Diät. Der einzige Sport des Tages bestand darin, die 80 Kilogramm an immer wärmer werdenden Getränken hinter sich herzuziehen. Von eminenter Bedeutung ist natürlich der Inhalt des Bollerwagens: drei Kisten Billig-Pils, Pfefferminzlikör und „Gemixtes“ in einem unbeschrifteten Kanister. Dazu eine Bluetooth-Box in der Größe eines Kleinwagens. Damit auch der Letzte in Vechta bloß nicht verpasst, wenn man in Cloppenburg losgelaufen ist. „Wie in jugendlichen Jahren wiegt der Bollerwagen auch jetzt wieder 80 Kilogramm. Doch dieses Mal nur, um beim Familienausflug auf jede mögliche Katastrophe vorbereitet zu sein.“ Während es damals gar nicht früh genug losgehen konnte, stehe ich heute ebenfalls früh auf. Aber aus ganz anderen Gründen. Pünktlich um 7 Uhr steht eine 3,5-jährige Mitbewohnerin auf der Matte, die von der Schlummertaste mal so gar nichts hält. Ich werde niemals verstehen, wie man eine Sekunde nach dem Augenöffnen schon senkrecht im Bett stehen kann. Aber das ist ein anderes Thema. Es gibt weitere Parallelen: Denn wie in jugendlichen Jahren wiegt der Bollerwagen auch jetzt wieder 80 Kilogramm. Doch dieses Mal nur, um beim Familienausflug auf jede mögliche Katastrophe vorbereitet zu sein. Apokalypse-Fans hätten ihre wahre Freude an der Familienkutsche, denn mit dem Inhalt würde man beim drohenden Weltuntergang ganz locker 2 Wochen überleben können. Ganz im Gegenteil zu meinem 18-jährigen Ich mit der ständigen Sorge, dass der Inhalt nicht mal für 2 Stunden reicht. Zur Verpflegung gehören heute geschnittene Apfelstücke, leicht angebräunt, sowie Mini-Salami. Das hart gekochte Ei, das in der Vergangenheit wie selbstverständlich in der Kühlbox gelandet ist, hat inzwischen irgendwie ausgedient. Treffen beide Gruppen schließlich aufeinander, zeigt sich häufig dasselbe Bild. Auf der einen Seite das leichte Kopfschütteln der jungen Eltern, während sie eigentlich auch gern ein Kaltgetränk zu sich nehmen würden. Und auf der anderen Seite die mitleidigen Blicke der Jugendlichen, von denen einige in 10 Jahren genau an derselben Stelle stehen und Windeln wechseln werden. Na ja, sei es drum: Jede Zeit hat ihre Vor- und Nachteile. Ich würde keine davon missen wollen, und vielleicht muss ich ja irgendwann auch wieder geschoben werden. Quasi der ewige Kreis des Lebens. Nur auf vier kleinen Reifen.Zur Person:
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