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"Vergesst eure jüdischen Wurzeln nicht"

Seit 1700 Jahren leben Juden in Deutschland. Eine Stapelfelder Veranstaltungsreihe beleuchtet die wechselhafte Geschichte. Der Auftakt: ein Abend über die Denkerinnen Hannah Arendt und Edith Stein.

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Denkerin der Freiheit: die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt. Foto: dpa

Denkerin der Freiheit: die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt. Foto: dpa

"Komm, wir gehen für unser Volk." – Das ist der Satz, den Edith Stein zu ihrer Schwester Rosa gesagt haben soll, als die Nazi-Schergen gekommen waren, um die beiden Frauen ins Konzentrationslager zu verschleppen. "Unser Volk" – was mag das heißen für eine deutsche Frau aus einer jüdischen Familie; eine Frau, die sich hatte taufen lassen und die seit etwa 10 Jahren katholische Ordensfrau war?

Identität, Zugehörigkeit, Geschichte – sie sind komplizierter als die einfachen Schablonen, die Menschen auf diese Begriffe legen; ganz besonders als jene Muster, mit denen das nationalsozialistische Deutschland über Freiheit oder Haft, Leben oder Tod zu entscheiden sich anmaß.

Es sind auch diese komplexen Fragen, die am Wochenende über einer Abendveranstaltung an der Katholischen Akademie in Stapelfeld (KAS) hängen. Thema sind mit Edith Stein und Hannah Arendt 2 deutsche jüdische Philosophinnen. Der Abend bildete den Auftakt zur Veranstaltungsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Dieses Jubiläum basiert auf Urkundenfunden in Köln aus dem Jahr 321, die die Existenz einer jüdischen Gemeinde zu diesem Zeitpunkt verbürgen. Es wird bundesweit begangen und von der KAS in den regionalen Maßstab des Nordwestens übersetzt (siehe unten).

Patronin Europas: Im Oktober 1988 sprach Papst Johannes Paul II. (vorne im roten Messgewand) Edith Stein vor dem Petersdom in Rom heilig. Foto: dpaPatronin Europas: Im Oktober 1988 sprach Papst Johannes Paul II. (vorne im roten Messgewand) Edith Stein vor dem Petersdom in Rom heilig. Foto: dpa

Edith Steins akademische Karriere scheiterte nicht an ihrer Herkunft, sondern an ihrem Geschlecht

Mit Edith Stein und Hannah Arendt standen 2 sehr unterschiedliche Leben im Mittelpunkt des gut 2-stündigen Vortragsabends. Stein wurde 1891 in Breslau in eine orthodoxe jüdische Familie hineingeboren. Sie wuchs mit den mosaischen Bräuchen auf, entfremdete sich vom Glauben der Eltern aber im Laufe der Jugend. Sie studierte in Breslau, Göttingen und Freiburg Psychologie, Geschichte, Germanistik und Philosophie. Die Philosophie wurde das Feld, in dem sie sich als Intellektuelle hervortat. 1916 erhielt sie für ihre Arbeit „Zum Problem der Einfühlung“ den Doktorgrad; als wissenschaftliche Assistentin arbeitete sie mit dem großen Philosophen Edmund Husserl zusammen.

Den Teil eines Lebenslaufs schriftlich zu referieren, ist das eine; etwas ganz anderes ist es, ihn fesselnd vorzutragen. Diese Aufgabe meisterte beim Stapelfelder Abend der Geistliche Direktor der Akademie, Dr. Marc Röbel. Der habilitierte Philosoph erzählte frei aus dem Leben, Denken und Wirken von Stein und Arendt – ohne Manuskript und ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Die mehr als 30 Gäste des Abends folgten seinen Ausführungen geduldig, ja trotz der Länge des Formats neugierig.

Eine kritische Philosophin wird katholische Ordensfrau

Für Unterbrechungen sorgte unterdessen Angela Borgmann. Sie trug längere und kürzere Passagen vor: aus Schriften, Briefwechseln und anderen Zeitdokumenten. Auszüge aus der dritten Symphonie des polnischen Komponisten Henryk Górecki sorgten für musikalische Untermalung.

Das Publikum hörte, wie es Stein verweigert wurde, sich zu habilitieren und damit eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Der Grund: ihr Geschlecht

Stein wählte einen anderen Weg. Als „Frau der entzauberten Welt“, wie Röbel sagte, begegnete sie dem christlichen Glauben, ließ sich taufen und wurde nach einer Zeit als Lehrerin Ordensfrau in Köln. Vor den Nazis flüchtete sie mit ihrer Schwester Rosa in die Niederlande. Doch das half nicht. Sie wurden verschleppt, ins KZ gebracht und starben im August 1942 in den Gaskammern von Auschwitz. In der katholischen Kirche wird Edith Stein als Heilige und als Patronin Europas verehrt. In Vechta etwa trägt die Kirche am Campus ihren Namen. Einen Appell an ihre christlichen Glaubensgeschwister, der Stein bis zuletzt am Herzen lag, fasste Röbel in diese Worte: „Vergesst eure jüdischen Wurzeln nicht.“

Der Faschismus gab Hannah Arendt eines ihrer Lebensthemen

Der „jüdische Wurzelgrund“ – ihn bemühte Röbel auch im zweiten Teil des Abends wiederholt. Es ging um Hannah Arendt, die berühmte deutsch-amerikanische Publizistin und politische Philosophin. Auch sie stammte aus einer jüdischen Familie, diese war – anders als in Steins Fall – aber säkular. Arendt wurde 1906 bei Hannover geboren, wuchs in Königsberg auf. Mit 14 Jahren habe die junge Arendt den großen deutschen Philosophen Immanuel Kant gelesen, erzählte Röbel in Stapelfeld – „und verstanden“. Sie studierte später bei Geistesgrößen wie Martin Heidegger (mit dem sie eine Affäre hatte), Romano Guardini und – ebenfalls – Edmund Husserl. 1928 wurde sie bei dem aus Oldenburg stammenden Karl Jaspers mit einer Arbeit über den Liebesbegriff des Kirchenvaters Augustinus promoviert. Arendt entkam dem Wüten der Nazis; sie emigrierte schon 1933 und wurde letztlich in New York City Professorin. Sie blieb eine deutlich vernehmbare Stimme, auch durch ihre Berichterstattung über das Gerichtsverfahren gegen Adolf Eichmann in Jerusalem im Jahr 1961.

So unterschiedlich die beiden Frauen waren: Die Spannungen zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der Minderheit deutscher Juden bestimmte ihr Leben. Die eine zwang der eskalierende Rassenwahn zur Emigration; zugleich gab ihr der Faschismus eines ihrer intellektuellen Lebensthemen. Die andere hatte sich selbst vom jüdischen Glauben abgewandt und wurde trotzdem Opfer des Vernichtungswahns. Die Veranstaltung in Stapelfeld hat dazu eingeladen, diese beiden Frauen (wieder) kennenzulernen – und den reichen Schatz des deutsch-jüdischen Lebens aus der Vorkriegszeit zu erkunden, der in der Knochenmühle von Auschwitz-Birkenau unwiederbringlich zerstört wurde.


Die weiteren Veranstaltungen:

  • „Spurensuche – Jüdisches Leben in Cloppenburg. Ein etwas anderer Spaziergang“ am 22. Oktober (Freitag)
  • „L’Chaim – Auf das Leben: Ein literarisch-musikalischer Streifzug durch den jüdischen Kalender“ am 26. Oktober (Dienstag)
  • „Befreiung – mit Poesie zum Widerstand: Lieder aus den Konzentrationslagern“ am 5. November (Freitag)
  • „Museum ohne Ausgang – Die Architektur von Daniel Libeskind“ mit Ausflug zum Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück am 13. November (Samstag)
  • Weitere Informationen und Anmeldung bei Barbara Ostendorf unter Telefon 04471/1881128 oder per E-Mail an bostendorf@ka-stapelfeld.de

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