Vechta misst Jahrhundertregen: Feuerwehr ist im Dauereinsatz
Etliche Keller und Tiefgaragen liefen voll. Ein Auto blieb in der Bahnunterführung stecken. Die Kanalisation war zum Teil komplett überfordert. Aber es gibt auch gute Nachrichten.
Vollgelaufen: Die Bahn-Unterführung der Falkenrotter Straße ist der tiefste Punkt in Vechta. Die Pumpen des Bauwerks kamen nicht gegen die Wassermassen an. Foto: Polizei
Die große Unwetterfront traf das Vechtaer Stadtgebiet in der Nacht auf Mittwoch gegen 22.45 Uhr. Es blitze, starke Böen trieben die Wolken über die Stadt. Und es regnete: Nach Messungen der Stadtverwaltung fielen beim Klärwerk am Bokerner Damm in nur 30 Minuten 58 Liter Wasser pro Quadratmeter; bei der Kläranlage in Calveslage 40,5 Liter und in Telbrake 46,8 Liter.
Die Regenwasserkanäle waren überfordert: Straßen waren überflutet, Keller und Tiefgaragen vollgelaufen. Das Wasser lief auch in die Schmutzwasserkanäle und brachte die Kläranlage der Stadt langsam an seine Grenzen. Auch die Reservebecken waren voll. Die Lage werde sich wohl erst am Freitag wieder normalisieren, schätzen die Verantwortlichen.
In der Bahn-Unterführung der Falkenrotter Straße kamen die Pumpen der Kanalisation nicht mehr hinterher und fielen schließlich komplett aus – nach Einschätzung aus dem Rathaus infolge eines Blitzeinschlags. Das Wasser stand nach Angaben der Stadt zwischenzeitlich einen Meter hoch. Ein Auto blieb in dem überfluteten Trogbauwerk liegen. Die Polizei kam, die Feuerwehr – ohnehin schon im Dauereinsatz – wurde alarmiert, um den Mercedes zu bergen.
Weit über Durchschnitt
Informationen über Verletzte wegen der Unwetternacht haben die Behörden nicht. Nach Angaben der Stadt musste eine Person ihre überflutete Wohnung verlassen. Sie wurde in einer Notunterkunft untergebracht.
Bei normalen Regenfällen sollte das nicht passieren. Die Stadt verweist auf die enormen Niederschlagsmengen. An allen Messstellen haben die Mengen die Grenzen von Niederschlägen mitunter deutlich überschritten, wie sie nur alle 100 Jahre vorkommen; der statistische Wert für die halbe Stunde liege demnach bei 38,4 Litern je Quadratmeter. Selbst dafür seien die Kanalnetze in weiten Teilen der Stadt nicht ausgelegt.
Bürgermeister Kristian Kater (SPD) zeigte sich besorgt über das Ausmaß der Regenfälle. Viele Vechtaer seien von den Folgen betroffen – mit Schäden an Hab und Gut. "Wir machen als Stadt schon seit Jahren eine Menge, um die Schäden solcher Starkregenereignisse einzudämmen", erklärte er. Die Stadt rate den Bürgern aber auch, selbst vorzusorgen. Solche Ereignisse könnten sich in den kommenden Jahren häufen – eine Folge des Klimawandels.
Hochwasserschutz-Projekt liefert Ergebnisse
Die Stadt arbeitet seit Jahren am Ausbau des Hochwasserschutzes: Die Stadt hat überirdisch und unterirdisch Stauvolumen in Regenwasserkanälen unter anderem in der Innenstadt oder unter der Oyther Straße geschaffen; das Wasser wird über die Puffer-Becken im Zitadellenpark ins Kanalsystem im Hochzeitswald und von da aus in den Moorbach geleitet; Durchlässe und Abflüsse wurden vergrößert; Regenrückhaltebecken werden angelegt und ausgebaut. An der Wassermühle schaffen Bagger aktuell zusätzlichen Stauraum für den Fall massiver Niederschläge. Die Stadt fördert private Zisternen, Versickerungsanlagen und Gründächer – auch, um die Kanalsysteme zu entlasten.
Hochwasserschutz-Baustelle: Ein Stadtmitarbeiter hatte Dienstagnacht entschieden, den trockengelegten Bereich des Moorbachs zu fluten. Jetzt wird das Wasser wieder abgepumpt. Foto: Chowanietz
Nach Angaben aus dem Rathaus habe ein Mitarbeiter der Stadtentwässerung das für die Bauarbeiten trockengelegte Moorbachbett zwischen der alten Mühle und dem Krankenhaus geflutet, um den Innenstadtbereich vor den Wassermassen zu schützen. Jetzt wird das Wasser wieder abgepumpt.
Auch mit den hohen Investitionen sieht sich die Stadt aber außerstande, einen absoluten Schutz zu gewährleisten.
Vechtas Ortsbrandmeister Christian Heitmann zählte von der ersten Alarmierung kurz nach dem Beginn des Gewitters bis Mittwochvormittag mehr als 50 Einsätze für die Feuerwehr; Unterstützung gab es aus Langförden und aus Steinfeld. Keller, Souterrain-Wohnungen und auch Tiefgaragen waren vollgelaufen. Ganze Straßenzüge standen unter Wasser, die Straße Achtern Diek im Vechtaer Süden gut 50 Zentimeter tief. Die Feuerwehr sei ins Spiel gekommen, als die Wassermassen irgendwann in die Hauseingänge drückten.
Sandsäcke für Donnerstag
Ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt, auf der anderen Seite der Bahnlinie im Bereich Bei Suings Hof auf dem Hagen, versagte die Kanalisation. Feuerwehrleute verbarrikadierten eine Souterrain-Wohnung mit Sandsäcken – und ließen gleich weitere Säcke da. "Für Donnerstag", sagt Christian Heitmann. Dann erwartet der Deutsche Wetterdienst die nächsten Starkregenfälle rund um Vechta.
Der Ortsbrandmeister rät, die Warnungen der Meteorologen ernst zu nehmen und sich auf Unwetter vorzubereiten. Wenn dann Starkregen und Sturm das eigene Zuhause träfen, seien die Schäden zumindest nicht so schlimm. Das gelte für Sturmwarnungen genauso wie für starke Regenfälle. Im Zweifel sei es wohl besser, mit einem schweren Unwetter zu rechen, als sich überraschen zu lassen.
Tiefgelegene Bereiche meiden
Auch die Feuerwehr bereitet sich auf mögliche Einsätze vor. Christian Heitmann behält die Wetterdienste genau im Blick. Allerdings habe auch ihn überrascht, wie heftig das Unwetter Vechta getroffen habe. Die Lage Dienstagnacht passt aber ins Bild. Gefühlt habe die Intensität der Ereignisse in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt Heitkamp. Und auch die Häufigkeit.
Bei den Einsätzen setzen sich die Ehrenamtlichen dann einem Risiko aus. Schon auf dem Weg zum Einsatz. Heitkamp sagt: Eigentlich sei es ja bei Unwettern sinnvoll, zu Hause zu bleiben. Die Kameraden steigen aber bei einer Alarmierung ins Auto und fahren dann über überschwemmte Straßen zum Feuerwehrhaus.
Die Verantwortlichen im Rathaus haben bei dem Hochwasser am Dienstag zahlreiche Fälle registriert, bei denen Kanaldeckel und Ablaufroste durch die Wassermassen in der überlaufenden Kanalisation hochgedrückt wurden. Die Stadt warnt davor, während so starker Regenereignisse auf den Straßen unterwegs zu sein: "Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer können sich bei einem Unfall schwer verletzen, wenn sie nicht rechtzeitig bemerken, dass Roste und Deckel in der Fahrbahn beziehungsweise in der Ablaufrinne fehlen." Bereiche wie Tiefgaragen oder auch die Unterführung an der Falkenrotter Straße sollten Autofahrer bei extremen Wetterlagen meiden.