Und sie bewegt sich doch!
Kolumne: Auf ein Wort – Was Bewegung und Brückenbau für die katholische Kirche bedeuten können.
Marc Röbel Dr. | 11.07.2023
Kolumne: Auf ein Wort – Was Bewegung und Brückenbau für die katholische Kirche bedeuten können.
Marc Röbel Dr. | 11.07.2023

„Und sie bewegt sich doch!“ Diesen Satz soll Galileo Galilei gesagt haben. Die berühmtberüchtigte Inquisition hatte den Mathematiker, Physiker und Astronomen 1633 gezwungen, seine Behauptung zu widerrufen, die Erde drehe sich um die Sonne. Dem Opfer der Inquisition gehört zunächst unsere ganze Sympathie: Manche sehen in Galilei den Albert Einstein der Barockzeit. Er hat astronomische Instrumente erfunden und verbessert, zum Beispiel das Teleskop. Wie Kopernikus vertritt er das neue Weltbild von der Bewegung der Erde um die Sonne. Man muss bedenken, was auf dem Spiel stand: Der Dreißigjährige Krieg tobte. Europa war ein Pulverfass. Katholiken und Protestanten zogen gegeneinander in die Schlacht. Es war auch ein Krieg um die richtige Bibelinterpretation. Und jetzt kommt ein Forscher und behauptet nassforsch: Die Bibel ist für mich kein Kriterium. Aus der Sicht der Theologie ergab sich ein weiteres Problem: Galilei konnte seine Theorien nicht beweisen. Konnte man darauf in dieser gefährlichen Lage ein neues Weltbild aufbauen? „Und vielleicht stimmt am Ende der Satz auch für die Kirche: Und sie bewegt sich doch!“ Die Inquisition hat zwar seine Theorien über die Bewegung der Erdkugel verworfen: Aber der Papst, der Galilei sehr schätzte und förderte, hat dieses Dokument nicht unterzeichnet. Spätere Päpste sind noch deutlicher geworden: Papst Johannes Paul II. hat 1979 eine Gedenkfeier für Albert Einstein abgehalten. Bei dieser Gelegenheit hat er eingestanden, dass Galilei von den „Männern und Organen der Kirche“ Unrecht widerfahren sei. Und zugleich sprach sich der Papst für die „legitime Autonomie“ der Wissenschaft aus. Das hat die Kirche selbst nicht immer in vollem Umfang beherzigt. Aber sie hat in kleinen Schritten immer wieder dazugelernt. Schon Joseph Ratzinger brachte einen anderen Stil in die oberste Glaubensbehörde hinein, die längst nicht mehr „Inquisition“ hieß. Dennoch blieb sie noch zu sehr Kontrollbehörde, wie Papst Franziskus jetzt in einem Brief zum Ausdruck gebracht hat. Dieser offene Brief richtet sich an den neu ernannten Chef der Glaubenskongregation, Erzbischof Victor Manuel Fernández. In seinem Schreiben macht der Papst deutlich, was er von seinem neuen Präfekten erwartet: weniger „Schreibtisch-Theologie“ und keine „kalte und harte, alles zu beherrschen suchende Logik“. An Erzbischof Fernández schätzt Franziskus, dass er als Brückenbauer zwischen Theologie und Kultur gilt. Die Schlüsselfrage für die Kirche im 21. Jahrhundert lautet: Wie können wir die alten Glaubensschätze mit der modernen Welt vor den Kirchentüren ins Gespräch bringen? Verurteilungen wie im Fall Galilei helfen dabei nicht. Dialog ist die Schlüsselkompetenz der Stunde. Vielleicht kommt in der Kirche mehr in Bewegung, als wir oft wahrnehmen. Und vielleicht stimmt am Ende der Satz auch für die Kirche: Und sie bewegt sich doch!
Brückenbauer zwischen Theologie und Kultur
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