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Sexueller Missbrauch: Katholische Kirche versagte auch im Oldenburger Land

Laut einer neuen Studie gab es von 1945 bis 2020 sexuellen Missbrauch in allen Dekanaten des Bistums Münster. Fälle aus dem OM kamen bei der Präsentation zur Sprache. (Update 16.30 Uhr)

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Vorstellung der Studie: (von links) Die Historiker Thomas Großbölting  und Klaus Große Kracht. Foto: dpa

Vorstellung der Studie: (von links) Die Historiker Thomas Großbölting  und Klaus Große Kracht. Foto: dpa

Im Bistum Münster ist die Zahl der Priester, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden, sowie der Opfer weitaus höher als bisher bekannt. Das brachte eine Studie der Universität Münster zutage, die am Montag vom fünfköpfigen Forscherteam vorgestellt wurde. Demnach gibt es im untersuchten Zeitraum von 1945 bis 2020 insgesamt 196 des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Kleriker (darunter 12 Ordensbrüder sowie 1 ständiger Diakon) und 610 Opfer im Alter unter 18 Jahren. Die Dunkelziffer liegt den Angaben der Forscher zufolge erheblich höher, nämlich bei 5000 bis 6000 Opfern.

Die Zahl der ermittelten beschuldigten Priester liegt bei 183, was 4,17 Prozent aller Priester des Bistums im untersuchten Zeitraum entspricht. Es habe flächendeckend im Bistum Missbrauchsfälle gegeben – in allen Dekanaten.

Wissenschaftler widersprechen Lettmann: Keine Einzeltaten

Es handele sich folglich „keineswegs“ um Einzeltaten beziehungsweise Einzelfälle, wie vom ehemaligen und 2008 verstorbenen Münsterschen Bischof Reinhard Lettmann vertreten. In 40 Prozent der bekannt gewordenen Fälle von Klerikern, die des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden, gibt es laut der Studie mehr als eine betroffene Person. In mehr als 5 Prozent der Fälle könne von „regelrechten Serientätern“ gesprochen werden – mit mehr als 10 betroffenen Minderjährigen.

Hinweise auf eine strafrechtliche Verurteilung oder die Erteilung eines Strafbefehls seien bei 15 beschuldigten Klerikern gefunden worden. „Das heißt: Über 90 Prozent der Beschuldigten erfuhren keine strafrechtlichen Konsequenzen“, sagte der Historiker Klaus Große Kracht von der Uni Münster.

Allen Bistumsleitungen von 1945 bis 2020 konnten Verfehlungen bei der Aufarbeitung beziehungsweise Ahndung von Missbrauchsfällen nachgewiesen werden. Auch Strafvereitelung habe es in verschiedenen Fällen gegeben.

Übernimmt Verantwortung: Bischof Dr. Felix Genn. Foto: dpaÜbernimmt Verantwortung: Bischof Dr. Felix Genn. Foto: dpa

Ein Beispiel für Letzteres wurde im Zusammenhang mit dem ehemaligen und 2013 verstorbenen Vechtaer Weihbischof und Offizial Max Georg Freiherr von Twickel genannt: 1983 habe sich ein Vater massiv über den in Neuscharrel bereits hinter vorgehaltener Hand als „Grabbelpastor“ bezeichneten Pfarrer Helmut Behrens beschwert. Doch Weihbischof von Twickel habe, mutmaßlich im Zusammenspiel mit dem zuständigen Staatsanwalt, die Strafverfolgung verhindert.

Nach weiteren Vorfällen habe Bischof Lettmann Behrens zur Laisierung (Entbindung von den Pflichten und Rechten seines Standes) gedrängt, um das Ansehen der Kirche zu schützen.

Ein weiterer Fall aus dem Oldenburger Münsterland: Ein Strafprozess gegen den Vechtaer Propst Josef Hermes sei nicht am zuständigen Gericht in Oldenburg geführt worden, sondern in Kleve am  Niederrhein verhandelt. Das Ziel dieser Verlegung sei eindeutig gewesen, den Prozess gegen einen Geistlichen dem Blick der lokalen Öffentlichkeit zu entziehen.

Weihbischof Grafenhorst nahm Vechtaer Propst "aus der Schusslinie"

Dass der beschuldigte Propst "aus der Schusslinie" genommen worden sei, sei "unter der Regie" des Vechtaer Offizials und Weihbischof Heinrich Grafenhorst passiert, erläuterte Dr. David Rüschenschmidt (Uni Münster) auf Nachfrage von OM-Online. Der Priester sei wegen verminderter attestierter Schuldfähigkeit freigesprochen und später - in Absprache mit dem Generalvikar - wieder in der Gemeindeseelsorge eingesetzt worden. Ein Betroffener, der beim Prozess anwesend war und sich 2010 meldete, habe den Prozess rückblickend eine Farce genannt.

Dieser Fall zählt zu den in der Studie eingangs aufgeführten "Schlaglichtern", die "das Versagen der Personalverantwortlichen in den jeweiligen Bischofsamtszeiten deutlich werden lassen", wie der Historiker Thomas Großbölting (Uni Hamburg) sagte.

Pfarrer im OM hat "massiv Kinder missbraucht"

Auch von einem Pfarrer im Oldenburger Münsterland, der "massiv Kinder missbraucht hat", war in der Pressekonferenz die Rede. Das Bekanntwerden dieses Falls habe dazu geführt, dass sich mehrere ältere Herren als Betroffene gemeldet hatten. Unter anderem aufgrund solcher und ähnlicher Fälle sei ein Unterschied bei den Zahlen im Vergleich zur Missbrauchsstudie von 2018 (sogenannte MHG-Studie) erklärbar.

Dem aktuellen Bischof Dr. Felix Genn werfen die Forscher vor, in den vergangenen Jahren gegenüber Tätern nicht die nötige Strenge als Vorgesetzter gezeigt zu haben, wenn diese Reue geäußert hätten. Nach der Lektüre der Studie wird sich Münsters Bischof am Freitag im Rahmen einer Pressekonferenz äußern.

Er sagte aber bereits am Montag, nachdem er die Studie überreicht bekommen hatte: "Ich übernehme selbstverständlich die Verantwortung für die Fehler, die ich selbst im Umgang mit sexuellem Missbrauch gemacht habe. Ich war und bin Teil des kirchlichen Systems, das sexuellen Missbrauch möglich gemacht hat."

Bischof Genn übernimmt Verantwortung

Er sei seit vielen Jahren an verantwortlicher Stelle in der Kirche, nämlich als Regens und Weihbischof in Trier, als Bischof von Essen und Münster. "Von daher habe ich neben der persönlichen auch eine institutionelle Verantwortung. In dieser doppelten Hinsicht trage ich eine Mitverantwortung für das Leid von Menschen, die sexuell missbraucht wurden", erklärte Genn.

Das Forschungsprojekt zum Missbrauch in der katholischen Kirche im Bistum Münster begann am 1. Oktober 2019. Die Initiative für die auf 2,5 Jahre angelegte Studie ging vom Bistum Münster aus, das dafür rund 1,3 Millionen Euro zur Verfügung stellt. Ein achtköpfiger Beirat begleitete die Forschung und bereit bei der Beachtung wissenschaftlicher und juristischer Standards. Auch drei Betroffene, darunter der Initiator einer Selbsthilfegruppe, waren vertreten.


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