Selbsthilfegruppen sind nah am Limit
Die steigenden Corona-Fallzahlen machen den Mitgliedern ihre Treffen kompliziert. Kontakt wird per WhatsApp aufrechterhalten.
Stephanie Alvarez | 21.10.2020
Die steigenden Corona-Fallzahlen machen den Mitgliedern ihre Treffen kompliziert. Kontakt wird per WhatsApp aufrechterhalten.
Stephanie Alvarez | 21.10.2020

Verlagerung in die digitale Welt: Viele Mitglieder von Selbsthilfegruppen nutzen seit Beginn der Corona-Pandemie verstärkt Kommunikationsmittel wie WhatsApp, um miteinander in Kontakt bleiben zu können. Symbolfoto: Britta Pedersen/dpa
Mit der dunklen Zeit beginnt auch die Einsamkeit. Es ist nicht wie im Sommer, wo man immer bei Freunden oder Nachbarn ist. Wie geht ihr mit dieser stillen dunklen Zeit um?“, steht in der Nachricht für die 20-köpfige WhatsApp-Gruppe. Über dem Text ist ein Foto von Laubbäumen in Herbstfarben. Die Nachricht kommt von Wilfried Witting. Er ist Suchtkrankenhelfer und Gruppenleiter der Sucht-Selbsthilfegruppe Alkohol und Medikamente St. Vitus Altenoythe. Jede Woche bereitet er einen Text vor. Sonntags veröffentlicht ihn die Kassenwartin in der Gruppe und montagabends unterhalten sich die Mitglieder virtuell im Chat. „Das Rädchen, das wir mal ans Laufen gebracht haben, um trocken zu bleiben, muss am Laufen bleiben. Deswegen ist das auch so wichtig, Selbsthilfe zu betreiben“, sagt Witting. Mindestens einmal in der Woche brauche es dafür Input. „Das Rädchen kann ganz langsam laufen, es muss sich nur drehen. Dass man guckt: Was mache ich? Was tue ich? Wie gehe ich mit mir um?“ Ansonsten sei ein Rückfall vorprogrammiert. Seit Beginn der Corona-Pandemie gab es zwei Rückfälle in der Gruppe. Rita Otten, Leiterin der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Cloppenburg, verbucht das als Erfolg: „Bei vielen Gruppen sieht das anders aus.“ Gerade neugegründete Zusammenschlüsse haben Probleme damit, in Kontakt zu bleiben. Für erfolgreiche Selbsthilfe brauche es Struktur, die es wegen Corona kaum noch gibt. Ein weiterer wichtiger Faktor sei das Eigenengagement. Vor Corona war es für Witting leichter, regelmäßigen Input zu geben und zu bekommen. Einmal die Woche hat sich die Sucht-Selbsthilfegruppe getroffen, manche in Begleitung ihrer Angehörigen, um über die vergangene Woche und das Thema der Woche zu reden. Die Idee, sich im Chat zu treffen, ist aus der Not geboren. Viele Mitglieder hätten eine Form von Gehbehinderung. Da seien Spaziergänge nicht drin, erzählt Witting. Und auch Technik ist für sie eine Barriere. „Wir sind alle etwas älter. Eine Videokonferenz ist zu kompliziert.“ WhatsApp ist hingegen geläufig. Also treffen sie sich digital und schreiben eine Stunde lang in den Chat. Unter der Woche ist es in dieser Gruppe still. Einige Mitglieder reden privat über Dinge, die ihnen Sorgen bereiten. Die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen bietet zwar technische Unterstützung bei Telefon- und Videokonferenzen an, „das nützt aber nichts, wenn man irgendwo auf dem Land ist und erst einmal eine Stunde auf eine Verbindung warten muss“, meint Otten. Sie gibt zu, dass sie die aktuelle Situation stark fordert. Wie zu Beginn der Pandemie verstünde kaum jemand die vielen unterschiedlichen Regelungen. Und auch, wenn sich die Gruppen treffen können, gebe es immer Schwierigkeiten, Orte zu finden. „Wenn die Träger die Räume schließen, gibt es keine Möglichkeiten, selbst wenn Treffen offiziell wieder erlaubt sind.“ Einige Gruppen konnten sich in der Zwischenzeit im Büro der Kontaktstelle treffen und es gebe auch die Möglichkeit, gemeinsam in Gaststätten zu gehen. „Ich würde mir wünschen, dass sich alle wieder treffen können – rate aber davon ab.“ Denn viele Mitglieder von Selbsthilfegruppen gehören, alleine schon aufgrund ihres Alters, zur Hochrisikogruppe. „Alkohol- und Suchterkrankte haben wegen ihrer jahrelangen Sucht Leber- oder Lungenschäden. Menschen mit Depression hängen an der Dialyse, weil sie schon lange Medikamente nehmen müssen. Da denken Außenstehende gar nicht dran.“ Nach mehr als einem halben Jahr coronabedingter Einschränkungen hatten die meisten Gruppen einen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen. Das habe allerdings lange gedauert. „In der ersten Zeit kamen hier Menschen mit Tränen in den Augen zu mir in die Kontaktstelle, weil sie nirgends hingehen konnten“, meint Otten. „Später haben sich einige am Pingel Anton getroffen oder vor Imbissbuden – die hatten ja als einzige auf. Sie haben Pommes geholt und miteinander geredet.“ Im Sommer wurde es dann besser, weil es mehr Möglichkeiten zum Rausgehen gab. Die Gruppen trafen sich mit Abstand für Fahrradtouren oder zum Wandern. „Eine Gruppe hat kleine Päckchen gebastelt und bei den Mitgliedern mit Blumen zusammen abgelegt.“ Als Zeichen: Wir denken an euch. „Kurz vor der zweiten Welle hätten wir uns wieder treffen können“, erzählt Witting. So ging es den meisten Selbsthilfegruppen im Landkreis Cloppenburg. Von 100 Gruppen, haben 20 begonnen, sich unregelmäßig zu sehen, sagt Rita Otten. „Eine Löninger Gruppe hat sich zum ersten Mal wieder getroffen, da gingen die Zahlen in Löningen, Essen und Lastrup wieder in die Höhe.“ Viele hatten Pläne für Oktober, die sie nun wieder verwerfen müssen.
Viele Mitglieder gehören zur Hochrisikogruppe
Pläne mussten wieder verworfen werden
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