Schiffmann-Auftritt in Vechta: "Ein ganzes Fass an Blödsinn"
Coronamaßnahmen-Skeptiker und deren Gegner trafen am Freitag (13. November) auf dem Stoppelmarkt zusammen. Die Polizei griff bei Maskenverweigerern durch.
Roland Kühn | 13.11.2020
Coronamaßnahmen-Skeptiker und deren Gegner trafen am Freitag (13. November) auf dem Stoppelmarkt zusammen. Die Polizei griff bei Maskenverweigerern durch.
Roland Kühn | 13.11.2020

Am Rande der Kundgebung diskutierte Hauptredner Dr. Bodo Schiffmann (rechts) mit einem Gegendemonstranten. Foto: Kühn
Der Stoppelmarkt wurde am Freitagvormittag (13. November) zum Schauplatz zweier Kundgebungen. Bei strahlendem Sonnenschein hatten zunächst rund 60 Gegner des Auftrittes des Corona-Skeptikers und sich selbst als "Querdenker" bezeichnenden Dr. Bodo Schiffmann ein Treffen im Süden des weitläufigen Platzes abgehalten. Eine halbe Stunde später, gegen 11 Uhr, traf der umstrittene HNO-Arzt - gegen den derzeit wegen des Ausstellens falscher Atteste staatsanwaltliche Ermittlungen laufen - mit seinem schwarzen Tourbus am Amtmannsbult im Norden ein. Rund 200 Interessierte hörten seine "Aufklärung zum Thema Corona-Fakten". Die Stadt Vechta hatte unter Auflagen beide Kundgebungen genehmigt. Rund 100 Polizeibeamte waren im Einsatz und überwachten die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln. Sein Eindruck von den beiden Kundgebungen auf den Stoppelmarkt? Die seien "sehr friedlich" gewesen, freute sich Vechtas Stadtsprecher Herbert Fischer. Mit seiner Meinung zum Auftritt von Schiffmann und dessen Mitstreiter, des Rechtsanwaltes Ralf Ludwig, des Unternehmers Wolfgang Greulich und des Freikirchen-Predigers Samuel Eckert hielt er nicht hinter dem Berg: "Inhaltlich unsäglich." Insbesondere das „ganze Fass an Blödsinn und Unwahrheiten, das über die Polizisten ausgegossen wurde“ sei nicht zu ertragen gewesen. "Wir sind froh, dass die Karawane weiterzieht." Veranstalter der rund eine Viertelstunde dauernden Gegenkundgebung "#Solidaritätjetzt" waren der Juso-Kreisverband Vechta und der Verein "ContRa". Kurze Statements gaben Charlotte Grabber für die Jusos, Sebastian Ramnitz als Vorsitzender von Contra und der SPD-Kreisvorsitzende Sam Schaffhausen ab. CDU-Vertreter hatten ihre Teilnahme im Vorfeld mit dem Hinweis auf die Vermeidung von Menschenansammlungen abgesagt. Alle Redner betonten mit Blick auf den von Kritikern als "Verschwörungsideologen" bezeichneten Schiffmann, dass sie mit ihrem Auftritt "solchen Leuten Paroli bieten" wollten. Leute wie Schiffmann, so Ramnitz, arbeiteten mit "Angst und Hetze", dagegen setze man selbst die Solidarität der Gemeinschaft. Als Mehrheit der Gesellschaft müsse man "mit Haltung für Menschenrechte eintreten". Querdenker kämen unter dem Deckmantel des "angeblich besorgten Bürgers" daher, warnte er, sammelten aber "Verschwörer, Hooligans und Vertreter rechter Parteien" sowie Masken- und Impfgegner. "Was sind das für Menschen, die vorgeben, ihre Kinder zu lieben, aber sie nicht impfen?", fragte er kopfschüttelnd. Die Querdenker seien eine "Minderheit von 0,024 Prozent in der Bevölkerung." Sie seien aber nicht harmlos: "Wer mit denen demonstriert, unterstützt Nazis". "Wer Maske trägt, schützt andere", betonte Juso-Vorsitzende Charlotte Grabber in ihrer Ansprache. Die Schiffmann-Unterstützer würden gerade nicht eine allgemeine Kritik an der Demokratie äußern, wie sie es vorgäben – "und was durchaus legitim wäre" – sondern verbreiteten "unsolidarischen, gefährlichen Blödsinn" und unbewiesene Behauptungen. Man brauche keine "Querdenker, sondern Mitdenker". SPD-Kreisvorsitzender Sam Schaffhausen schloss sich an: "Querdenkern" ginge es einzig darum, "die Angst der Menschen auszunutzen. Diese Leute ergötzen sich an der Aufmerksamkeit anderer, haben aber am Ende niemandem geholfen". Seine knapp zehnminütige Ansprache vor seinen Anhängern eröffnete Schiffmann mit dem Verlesen der Auflagen für die Kundgebung. Auch während seiner Rede wies er immer wieder auf die Maskenpflicht hin und empfahl den Zuhörern "nichtärztliche Atteste, die von der Maskenpflicht befreien, besser nicht herauszuholen, sondern die Ordnungswidrigkeitenanzeige wegen des Nichttragens der Maske hinzunehmen. Die wird hinterher sowieso eingestellt. Ein falsches Attest aber wäre unter Umständen Urkundenfälschung, die Erfüllung eines Straftatbestandes mit schweren Strafen". Wie in vielen anderen Reden bezeichnete sich Schiffmann als den "Querdenkern" zugehörig. Man präsentiere "Fakten, statt Angst und Panik zu machen", nahm er die Kritik seiner Gegner in seiner Rede auf, die immer wieder von Applaus und Gelächter unterbrochen wurde. Und leitete über zu seiner Sicht auf die Neuerungen und Konkretisierungen des Bundesinfektionsschutzgesetzes: Dort sei sehr viel von "Ermächtigung" die Rede, also wäre das doch wohl ein neues "Ermächtigungsgesetz", womit er auf Parallelen in der deutschen Geschichte anspielte. Ihm läge mit Datum 12. November eine neue "Studie" vor, die sich mit der Übersterblichkeitsrate beschäftige, fuhr Schiffmann fort. Danach seien 45 Prozent der gestorbenen Menschen "wegen des Lockdowns gestorben". Diese Patienten hätten lebensnotwendige Operationen oder angesichts der Furcht vor Covid-19 auch Arztbesuche verschoben. Ob er sich täusche, dass sich "wahnsinnig viele Menschen" mit Corona ansteckten, aber nicht krank werden, fragte er rhetorisch in die Menge. Nur wenn Menschen "Symptome zeigen, sind sie auch Überträger", behauptete er. Um überzuleiten auf die wiederum rhetorische Frage, "ob es da irgendeinen Einfluss hat, ob wir mit oder ohne Maske einkaufen gehen. Wir müssen keine Angst haben". Und: "99 Prozent der Menschen überleben eine Infektion, 85 Prozent zeigen keine Symptome" – was habe es angesichts dieser Zahlen für einen Sinn, "Kinder mit dem Tragen von Masken zu quälen?" "Schließt euch an", forderte Rechtsanwalt Ludwig von den anwesenden Polizisten, um sogleich über Rechtsstaatlichkeit, Verhältnismäßigkeit und Demokratie zu sprechen. Den anwesenden Beamten erläuterte er, welche Verstöße sie denn begingen, wenn sie gegen Kundgebungsteilnehmer vorgehen. Auch er gab die "Empfehlung", der Polizei kein Attest zu zeigen, sondern die Ordnungswidrigkeitenanzeige hinzunehmen. Gegen diese könne man leicht vorgehen, empfahl er dann auch gleich mehrfach bei rechtlichen Problemen den Besuch der von Strafen Betroffenen "gleich hier im Tourbus" oder die Nutzung einer von ihm angepriesenen App. Man werde sich in rechtlichen Angelegenheiten kümmern, versprach er immer wieder im Laufe der Kundgebung. Im Übrigen seien "alle Verordnungen rechtswidrig. Da bin ich mir sicher." Zur Maskenpflicht selbst warf er ein, dass diese "Plastiktüte", die "ihr euch da vors Gesicht packt", kaum helfen könne, Infektionen zu verhindern. Ja, man wolle einen anderen Staat, gab Ludwig zu. Einen Staat, in dem es "frei" zugehe, in dem man auch in Coronazeiten Bundesländergrenzen ohne Probleme überschreiten könne. Es folgte dann ein gleich mehrere Minuten langer Exkurs, in dem er die polizeiliche Beschlagnahme seines Handys schilderte. Dabei entstand durchaus der Eindruck, dass er damit vor allem eine Warnung an die anwesenden Polizisten und ihre Führung aussprechen wollte. In der Folge mahnte er die Polizisten, nicht gegen irgendeinen Teilnehmer tätig zu werden, denn auf "diese Art und Weise entsteht Faschismus". Nachdem die Polizei auch "zugegriffen" hatte, sprach er von einer "gefährlichen Verletzung des Verhältnismäßigkeitsprinzips" und "Irrsinn". Die Beamten ließen sich jedoch nicht einschüchtern und zogen nach wiederholten Aufforderungen, die Maske anzulegen, mehrere Teilnehmer ohne Mund-Nasen-Schutz aus der Versammlung. Dabei kam es zu Diskussionen um ein Attest, das eine Frau vorgelegt hatte. Im Rettungswagen wartend, sollte der Zustand der Frau durch einen Notarzt untersucht werden. Flugs macht sich der "Notfallarzt" Schiffmann zum Arzt der betroffenen Frau, schloss einen "mündlichen Behandlungsvertrag" ab. In der Folge sprach er von "einer missbräuchlichen Verwendung von Rettungsmitteln" und warnte die Polizisten davor, "staatlichen Faschismus zu unterstützen". Auch Prediger Eckert und Unternehmer Greulich kamen zu Wort, während am Rande der Veranstaltung Schiffmann ergebnislos mit einem Gegendemonstranten diskutierte, der laut "Nazis raus! Masken auf!" gerufen hatte. Eckert bezog sich, immer wieder unterbrochen durch Auftrittte der Ludwig, auf die Botschaften der Bibel. Greulich formulierte unter anderen den Satz, dass "wer mega-manipuliert ist, keine Chance mehr hat, geradeaus zu denken". Er griff insbesondere die "vierte Gewalt im Staat" an, also die Presse, der er "Instrumentalisierung" und "Lügen" vorwarf. Man müsse sich für die richtigen Erkenntnisse nur der richtigen Quellen bedienen, verwies er auf Professor Dr. Sucharit Bhakdi, einen weiteren Querdenker und Corona-Skeptiker. Ob man ihn "Nazi oder Antisemit" nenne, "berührt mich nicht", Querdenker würden gerade eine Friedensbewegung in Gang setzen. "Wir sind keine Deppen. Die Wahrheit kommt ans Licht", rief er den Teilnehmern zu und schloss die insgesamt nicht sehr informative Kundgebung mit dem Satz: "Der Tag ist nah, es brodelt in ganz Deutschland." Die Teilnehmer der beiden Kundgebungen hatten erkennbar verschiedene Ansichten über die Maßnahmen in Corona-Zeiten. So trug man im Süden, auf der Seite der Gegner, zum Beispiel Plakate mit Aufschriften wie "Verdeck deine Fresse", "Keep calm, wear mask" oder auch "Omas gegen Rechts". Annette Wolke trug ein Schild mit der Aufschrift "Stoppt die Verschwörungspropaganda – sie tötet Menschen". Sie wolle damit ein Statement gegen das anwesende Sammelbecken der "obskuren Meinungen" am Amtmannsbult abgeben. Eine weitere Teilnehmerin fragte süffisant, wie es denn dem durch die Maske "täglich gequälten" medizinischen Personal ergehe? Das trage doch ständig diesen Schutz. Man höre aber nicht, dass diese Personen daran sterben. Eigentlich sei "jedes Wort zu viel, das man an die Idioten da drüben verschwendet", meinte ein älterer Mann. An der Schiffmann-Kundgebung nahm unter anderen das Vechtaer AfD-Ratsmitglied Rüdiger Lessel teil. Er wolle sich "allgemein informieren, da man ja aus unterschiedlichen Quellen auch unterschiedliche Ansichten hört", meinte er auf entsprechende Nachfrage. Die Veranstaltung heute trage zu seiner Meinungsbildung in Sachen Corona bei. Bislang habe er noch keine. Zuvor hatte er jedoch ein Plakat getragen. Die Aufschrift: "Wie heißt der neue Führer der Coronadiktatur? Heil Mutti? Heil gehts? Heil …???"Beide Kundgebungen verliefen insgesamt friedlich
Schiffmann betrachtet Infektionsschutzgesetz als "Ermächtigungsgesetz"
Rechtliche Beratung von Maskenverweigerern gibt es gleich dazu

Unterstützer Greulich übt Kritik an der Presse
Medizinisches Personal trägt täglich Maske
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