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Rolli-Fahrer warten und hoffen auf bessere Zeiten

Der Rollstuhlfahrertreff des Landkreises Vechta bietet Behinderten eine Abwechslung zum Alltag. Die Pandemie macht dies schwierig. Der Vorstand überbrückt die fehlenden Treffen so gut er kann.

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Letzte Aktion vor dem Lockdown: Der Rolli-Treff besuchte die Sanddornplantage der Justizvollzugsanstalt Vechta. Foto: Ulla Lauenstein

Letzte Aktion vor dem Lockdown: Der Rolli-Treff besuchte die Sanddornplantage der Justizvollzugsanstalt Vechta. Foto: Ulla Lauenstein

Waltraud Macke sitzt aufgrund eines Rückenleidens im Rollstuhl. Ihre Mobilität ist eingeschränkt. Da ist jedes Angebot, das Abwechslung zur häuslichen Umgebung bietet und den Aktionsradius vergrößert, willkommen. Worauf sie sich ganz besonders freut, sind die Einladungen des Rollstuhlfahrertreffs des Landkreises Vechta. Schon seit 25 Jahren nimmt sie an den Terminen teil.

„Hier bin ich eine von vielen Gleichgesinnten, die ein paar schöne abwechslungsreiche Stunden geschenkt bekommen. Alle Sorgen verschwinden für einen Nachmittag.“Waltraud Macke (70)

Für Waltraud Macke ist es wichtig, dass beim Rolli-Treff nicht nur über Probleme und Krankheiten gesprochen wird, wie es etwa bei einer klassischen Selbsthilfegruppe der Fall ist. „Hier bin ich eine von vielen Gleichgesinnten, die ein paar schöne abwechslungsreiche Stunden geschenkt bekommen. Alle Sorgen verschwinden für einen Nachmittag“, erklärt die 70-jährige Holdorferin.

Solche Worte hört die Vereinsvorsitzende Renate Lüdeke aus Vechta gern. Sie und ihre Stellvertreterin Christiane Nordlohne aus Lohne kümmern sich federführend um den Rolli-Treff. Sie wissen um die schwierige Situation der Behinderten, haben selbst in der Familie erfahren, wie es ist, wenn Angehörige auf den Rollstuhl angewiesen sind. Die praktischen Probleme im Alltag, die psychischen und sozialen Begleiterscheinungen, all das haben sie über viele Jahre aus nächster Nähe mitbekommen.

Gebündelte Erinnerungen: Renate Lüdeke (links) und Christiane Nordlohne präsentieren das neue Buch. Foto: SpeckmannGebündelte Erinnerungen: Renate Lüdeke (links) und Christiane Nordlohne präsentieren das neue Buch. Foto: Speckmann

„Mit einer lebenslangen Behinderung steht oft der berufliche Weg infrage. Häufig ist die materielle Existenz bedroht. Soziale Bindungen werden auf eine harte Probe gestellt. Die notwendige Orientierung zwischen der Erkrankung und dem Wunsch nach einem halbwegs normalen Leben ist schwer zu finden. Hier ist die Verbindung mit Menschen, die auch mit ähnlichen Erfahrungen jeden Tag zu kämpfen haben, wichtig“, weiß Lüdeke.

Die Vechtaerin ist in den Rollstuhlfahrertreff buchstäblich hineingewachsen. Ihr mittlerweile verstorbener Vater Bernd Scheele hat die Gruppe mitgegründet. Das war im Jahr 1983. Der Postbeamte war nach einer Bandscheiben-Operation an den Rollstuhl gefesselt, im Alter von 48 Jahren. Doch er nahm sein Schicksal an, machte sich für Barrierefreiheit im öffentlichen Raum stark, engagierte sich bei den Maltesern und organisierte Ausflüge für Rollis. Diese Arbeit setzt Lüdeke mit ihrem 6-köpfigen Vorstandsteam fort.

Vorstandsvertreter greifen fast täglich zum Telefon

Die monatlichen Treffen haben einen festen Platz im Terminkalender. Zurzeit ist das jedoch kaum möglich. Die Corona-Pandemie macht den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Schon im vergangenen Jahr sind etliche Begegnungen ausgefallen. Im September, bei der Besichtigung der Sanddornplantage der Justizvollzugsanstalt Vechta, hat sich die Gruppe das letzte Mal gesehen.

Damit der Kontakt während des Lockdowns nicht abreißt, greifen die Vorstandsvertreter zurzeit fast täglich zum Telefonhörer. Nette Worte und Gesten sollen die Zeit bis zum Wiedersehen verkürzen und den Rollis zeigen, dass sie nicht vergessen sind. „Sie freuen sich, wenn man sich meldet“, berichtet Nordlohne. Auch untereinander würden sich die Mitglieder anrufen oder schreiben, denn im Laufe der Jahre seien viele Freundschaften in der Gruppe entstanden.

Eine große Freude hat der Vorstand den Rollis kürzlich mit der Zusendung eines Buches gemacht. Schon vor zwei Jahren ist das Vereinsleben in Wort und Bild gebündelt worden. Das neue Werk beleuchtet die Jahre 2019 und 2020. Beim Durchblättern wird deutlich, wie vielfältig die Treffen sind: Mal unterhaltsam wie die Adventsfeier im Andreaswerk in Vechta, mal informativ wie der Besuch des Kompetenzzentrums für barrierefreies Bauen und Wohnen in Garrel.

Begegnung mit Samuel Koch macht Mut

Die Begegnung mit Samuel Koch darf in dem Werk nicht fehlen. Der Schauspieler und Autor, der vor gut 10 Jahren in der Fernsehshow „Wetten, dass...?“ verunglückte und seither vom Hals abwärts querschnittsgelähmt ist, war im März 2019 in Vechta zu Gast. Er las aus seinem Buch „Rolle vorwärts: Das Leben geht weiter, als man denkt“. Ein Mutmacher für Menschen mit Handicap!

Das Programm des gemeinnützigen Vereins ist auf die Bedürfnisse und Interessen der etwa 45 Mitglieder, die zwischen von 25 und 85 Jahren alt sind, abgestimmt. Dabei spielt Geselligkeit eine wichtige Rolle. Die Begegnungen sollen das Leben für die Behinderten etwas erträglicher machen, sagen die Vorstandsvertreter. Viele würden in Pflege- und Wohnheimen leben. Hier sei es wichtig, auch mal rauszukommen und nicht zu vereinsamen.

„Für mich ist der Rolli-Treff eine schöne, regelmäßige Abwechslung meines Alltags“, bestätigt Helge Hanewinkel. Früher hat er noch bei seinen Eltern gelebt, heute wohnt der 51-Jährige in einer Einrichtung des Andreaswerks. Dort hat er feste Strukturen, bekommt auch regelmäßig Besuch von den Familienangehörigen. Die Ausflüge mit anderen Rollstuhlfahrern sind für ihn eine willkommene Unterhaltung.

Malteser helfen bei Beförderung

Möglich sind diese Begegnungen nur dank des ehrenamtlichen Engagements. Neben einem 6-köpfigen Helferteam nimmt Pflegekraft Tanja Heissler aus Vechta regelmäßig an den Treffen teil. Ganz wichtig ist der Einsatz der Malteser, die sich schon seit vielen Jahren um die Beförderung der Rollstuhlfahrer kümmern. Zur Finanzierung des Programms tragen Spenden und Fördermittel bei.

Wonach sich alle Beteiligten zurzeit sehnen, ist ein baldiges Wiedersehen. Zum Beispiel wieder eine gemeinsame Kaffeetafel auf dem Hof Gisela, wo die Gruppe im letzten Sommer eingekehrt ist. Oder den Ausflug nach Bremerhaven nachholen, der wegen Corona ausfallen musste. „Der Bus ist schon bestellt“, sagt Renate Lüdeke. Aber ob er tatsächlich abfährt, das hängt von der Entwicklung der Pandemie ab. Es sind schwierige Zeiten für die Rollis.

  • Info: Auskünfte gibt es bei Renate Lüdeke (Tel. 04441/4851) und Christiane Nordlohne (Tel. 04442/6084) sowie unter www.rollitreff-vechta.de.

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