Quelle gesucht: Wünschelrute im Praxistest
Dass die Wissenschaft keinen Beleg für die Anziehungskraft von Wasserader gefunden hat, ficht den Gartenarchitekten Antonius Bösterling nicht an.
Hubert Kreke | 13.08.2020
Dass die Wissenschaft keinen Beleg für die Anziehungskraft von Wasserader gefunden hat, ficht den Gartenarchitekten Antonius Bösterling nicht an.
Hubert Kreke | 13.08.2020
Mit Zweiggabel im Garten: Antonius Bösterling glaubt an eine spürbare Kraft des Wassers im Boden. Foto: Kreke
Als Johannes K. gegen Ende der 40er Jahre Trinkwasser für sein neues Haus suchte, griff der Schuhmachermeister zu einem gegabelten Weidenzweig. Der Ausschlag der Wünschelrute führte an den Rand der Soesteniederung. K. schachtete den Sandboden etwa fünf Meter tief aus und fand bestes Grundwasser. Die Nachbarn hatten (ohne Rute) weniger Glück: Sie stießen nur 60 Meter weiter auf eine eisenhaltige Quelle, die jeden Tee verdarb. Antonius Bösterling verwundert die alte Geschichte nicht. Die Wünschelrute reagiert auf die Kraft des Wassers, glaubt der 81-jährige Gartenarchitekt. Schon die Kirchen und Schlösser der Barockzeit seien symetrisch zu Wasseradern ausgerichtet worden, damit nichts die Harmonie der Besucher störe, behauptet der Cloppenburger. Auch durch die Mittelachse der St.-Andreas-Kirche in Cloppenburg führe so eine "Kraftlinie". Eine Kreuzung von Wasseradern markiert laut Bösterlings „Nachmessungen“ den (besonders kraftvollen) Standort des Altars. Dass es trotz etlicher ernsthafter Versuche keinen wissenschaftlichen Beleg für die Wirkung von Quellen oder Wasserströmungen im Untergrund gibt, ficht den Cloppenburger und sein Vertrauen in Erfahrungswerte nicht an. Weil er früher selbst nicht daran glaubte. Von Wünschelruten hatte Bösterling "nichts gehört", bis er mit einer Reisegruppe in einem englischen Landschaftsgarten landete, der durch seine gedreht gewachsenen Kastanien auffiel. Vermutungen, das könne mit dem Küstenwind zu tun haben oder mit Bodenverwerfungen, bestritt eine junge Frau und zückte ihre Wünschelrute. Ihre Diagnose: Die Bäume stünden auf einer starken Wasserader. "Ein Viertel der Reisegäste konnte auf Anhieb mit der Rute umgehen", erinnert sich der weitgereiste Gartenexperte. Er auch. Seitdem hat Bösterling so ziemlich alles ausgependelt, was ihm spannend oder ungewöhnlich erschien. Im eigenen Garten stieß er am Brunnenstein auf eine Wasseraderkreuzung, entdeckte anhand rostiger Schlackeklumpen die Standorte zweier Raseneisenerz-Öfen und wundert sich auch nicht mehr, warum angeblich niemand gern rechts auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzt: Eine Wasserader liegt darunter, sagt er. Von hölzernen Gabeln ist der Praktiker längst abgekommen. „Noch empfindlicher“ ist für ihn ein winkelförmig gebogener Draht aus einem billigen Kleiderbügel. Locker gehalten, soll sich das Gerät waagerecht wenden, wenn Wasser naht. Im Selbstversuch glückt das sogar dem (völlig ungeübten) Autor. Wobei Bösterling allerdings zuvor ausführlich erklärt hat, wie die Adern auf seinem Grundstück verlaufen. Also alles nur eine Suggestion? In den Naturwissenschaften besteht heute Einigkeit, dass keine physikalischen Wirkungszusammenhänge für den beobachteten Effekt gibt. Stattdessen führen Neurologen den Ausschlag von Wünschelrute oder Pendelinstrumente auf den so genannten Carpenter-Effekt zurück: Allein die mentale Vorstellung einer Bewegung löst Impulse in den Muskeln aus. Der Wunsch, etwas zu finden, würde demnach die Bewegung steuern und zum (erwarteten) Fund führen. Bösterling setzt echte Funde, die er gemacht hat, dagegen, allerdings auch behauptete Wechselwirkungen, die sich nicht messen oder sonst irgendwie nachweisen lassen. Um beim Kastanien-Beispiel aus England zu bleiben: Wollte man die angeblich schädliche Wasserader aufspüren, müsste man Messbrunnen anlegen, Bodensonden setzen oder den englischen Park umgraben: Eine zerstörerische Indiziensuche. So bleibt‘s für die Anhänger der Wünschelrute beim Glauben, genährt aus persönlicher Erfahrung. Spott blieb auch dem Schuhmachermeister vor über 70 Jahren nicht erspart. Als er später zwei Neffen zeigte, wie er Quellen aufspürt, lachten die ihn ungläubig aus. Den letzten Beweis musste K. schuldig bleiben: Noch einen Brunnen zu graben, wäre zuviel der Mühe geworden.Rechts auf Bösterlings Sofa sitzt sich's komisch...
Die Physik leugnet die Funktion der Wünschelrute
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