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Pro Poesie

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Was man sich im Deutschunterricht in den Schädel pauken musste, hallt manchmal bis ins Erwachsenenalter nach. Poesie kann mehr sein als lästiges Auswendiglernen.

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Ich weiß nicht, welcher Karl Auer den Spruch vor oder nach seinem Geschäft an die WC-Tür der Autobahnraststätte gekritzelt hat. Aber die Zeile ließ mich für einen Moment die gelb gesprenkelte Klobrille und die peinlichen Geräusche aus der Nachbartoilette vergessen. "Poesie ist fürn Arsch!" prangte dort in handgeschriebenem Edding-Schief, zwischen den üblichen Obszönitäten und "Liebesbekundungen" ans deutsche Polizeiwesen. Ein Satz, den ich so nicht stehen lassen möchte.

Gut, mag die Mario-Barth-Fraktion einwenden, wer braucht schon Poesie? Wer Tiefgang sucht, kann untergehen. Überlassen wir die Dichtungen den Klempnern. Und sicher erinnert sich der/die eine oder andere mit Grausen an seinen/ihren Deutschunterricht zurück, als er/sie sich auf Lyrik keinen Reim machen konnte, sich verzweifelt Schillers "Lied von der Glocke" in den Schädel pauken musste – das möglicherweise sogar bis ins Erwachsenenalter nachhallt. Bei mir ist Annette von Droste-Hülshoff für derlei "Spätfolgen" verantwortlich. Die ersten vier Zeilen ihrer Ballade "Die Vergeltung" – "Der Kapitän steht an der Spiere,/Das Fernrohr in gebräunter Hand,/Dem schwarzgelockten Passagiere/Hat er den Rücken zugewandt." – rezitiere ich heute noch jederzeit im Schlaf vor- und rückwärts.

"Ach, wie gerne habe ich Reimschemas entschlüsselt und mir die Versfüße vertreten, mit dem Jambus jongliert, den Trochäus tranchiert, den Daktylus decodiert oder den Anapäst analysiert." Florian Ferber

Aber, dass Poesie mehr ist als lästiges Auswendiglernen und Gedächtnistraining, habe ich während meines Studiums in Münster realisiert, als ich mir als Gedichtinterpret für die Schülerhilfe ein paar Euro dazuverdient habe – ob nun mit Mascha Kalékos "Eine Negerin im Harlem Express", Rolf Dieter Brinkmanns "Selbstbildnis im Supermarkt" oder Gottfried Kellers "Winternacht". Ach, wie gerne habe ich Reimschemas entschlüsselt und mir die Versfüße vertreten, mit dem Jambus jongliert, den Trochäus tranchiert, den Daktylus decodiert oder den Anapäst analysiert. Und dann diese wunderbaren Stilmittel und rhetorischen Figuren, die den eigenen Sprachschatz so ungemein bereichern – wie Anakoluth, Anapher, Chiasmus, Euphemismus, Litotes, Onomatopoesie, Oxymoron, Paranomasie oder Tautologie.

Aber noch vor der Form steht der Inhalt. Eine, im besten Fall, verdichtete Sprachvielfalt, gepaart mit Deutungsreichtum auf engstem Raum, wie sie nur die Poesie hervorbringt. "Lyrik ist das punktuelle Zünden der Welt. Ein paar Quadratzentimeter weißes Papier, bedruckt mit einer Handvoll Wörter, mehr braucht es nicht, um größte zeitliche wie räumliche Distanzen zu überwinden", sagte Lyriker Jan Wagner bei deutschlandfunkkultur.de (2013).

Ein Gedicht muss dabei nicht immer schwermütig und zwingend tiefgründig sein. Daher möchte ich mit einem Vierzeiler aus meiner eigenen poetischen Frühphase schließen: "Sieh an die kleine Silke,/versucht sich grad an Rilke,/verstehen tut sie wenig,/denn lesen kann sie eh nicht."


Zur Person:

  • Florian Ferber ist Redakteur der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de

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