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Priester, Unschuldsvermutung: Wenn Grundrechte zur Billigware verkommen

Gästebuch: Den Begriff der "Unschuldsvermutung" geht ausgerechnet auf einen Kardinal zurück. Mit dieser Handhabe hat die Kirche im Fall von Pfarrer Michael Kenkel nicht gerade brilliert.

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Wenn jemand festgenommen wird, den man einer Straftat verdächtigt, so spricht die seriöse Öffentlichkeit von einem mutmaßlichen Täter. Er muss als Unschuldiger gelten und auch so behandelt werden.

Der Begriff der „Unschuldsvermutung“ geht auf einen französischen Kardinal des 13. Jahrhunderts zurück. Ausgerechnet auf einen Kardinal. Ein Kirchenmann mit solchen Ansichten hat uns gerade noch gefehlt, sagen sich die Bild-Redakteure und zeigen frisch Festgenommene, verwirrt und in Handschellen, mit unbedeckten Fotoaufnahmen.

Irgendwas wird wohl dran sein an den Vorwürfen. Bei prominenten Beschuldigten führt bereits der veröffentlichte Verdacht einer Straftat zu dauerhaften Schäden. Ein in den Medien breitgetretenes Verfahren wirkt sich auch dann negativ aus, wenn der Betroffene sich im Endeffekt als unschuldig herausstellt. Soll der beschuldigte Schauspieler etwa einen Richter spielen? Mein Gott, sagt der Bild-Redakteur, so etwas nennt man Kollateralschäden. Soll der Betroffene sich nicht so anstellen. Wie war das noch mit dem Hobeln und den Spänen?

"Ihren Pfarrer warfen die hochwürdigen Eminenzen dennoch aus dem Ort."Otto Höffmann

Mein Gott, schließen sich der Münsteraner Bischof und der Oldenburger Münsterländer Weihbischof der feinen Gesellschaft der Bild-Beschwichtiger an. Soll sich der Pastor von Lindern, Michael Kenkel, doch nicht so anstellen. Okay, er stand mehr als ein halbes Jahr als Opfer kirchlicher Ermittlungen am Pranger und in der Presse, des Jobs am Altar enthoben, gezwungen, untertänigst um Zwangsurlaub zu bitten, der ihm aus unerschöpflicher bischöflicher Gnade gewährt wurde, geopfert auf dem Altar der kirchlichen Reinwaschung von deren sexuellen Irrungen. Ortsverbot für Lindern, Liener, Garen, Marren, Großenging und Kleinenging. Dabei war allen Beteiligten eigentlich von Anfang an klar, dass nichts dran war an den aktuellen Beschuldigungen; dass Unverzeiherinnen sowie Unverzeiher immer wieder alte Wunden aufrissen im süßen Gefühl der ausgelebten Rachegelüste und dass über allem eigentlich längst genug Gras gewachsen war.

Ihren Pfarrer warfen die hochwürdigen Eminenzen dennoch aus dem Ort. Seine Menschenwürde war antastbar geworden. Grundrechte verkamen zu Billigware. Das Kirchenvolk war verwirrt und bat um Rückkehr. Jetzt sind sie nochmal in sich gegangen, die hohen Träger der Würde und der Weihen, und ließen verlautbaren: Der Pastor habe sich doch nichts zuschulden kommen lassen, weder strafrechtlich noch kirchenrechtlich. Er dürfe nunmehr als unschuldig betrachtet werden, gewissermaßen als normaler Mensch und sogar als Kirchenmensch. Das Leben könne weitergehen. So als wäre nichts geschehen. Müsste da sich nicht irgendwer entschuldigen? Um Verzeihung bitten? Die Ehre wiederherstellen? Herrgott, Sie können Fragen stellen.

Also doch Ziel erreicht?

Auf diesem Ohr sind die Bischöfe sowohl der Würde wie der Weihe aus Münster oder Vechta nämlich gehörlos. Auf dem anderen wohl auch. Errare humanum est, sagen sie in ihrer Sprache. Aber ist solches Irren wirklich menschlich? Oder: Ist solches Menschsein Irrsinn? Ein vermeidbarer Verbotsirrtum, fein juristisch ziseliert? Soll er doch wieder zurück nach Lindern gehen, formulieren die Kirchenleute spitz. Wir legen ihm keine Steine mehr in den Weg. Rein in die Soutane und ran an den Altar. Mund abputzen. Weiter geht's.

Aber dort, nämlich in der Pfarrei vor Ort, seiner Heimatpfarrei Lindern, will man ihn jetzt mehrheitlich nicht zurück haben, hört man. Warum auch immer. Verfahren eingestellt, Unschuld erwiesen und nicht nur vermutet. Und jetzt das.

Also doch Ziel erreicht? Hat das Generöse etwa ein Geschmäckle? Das muss man erst mal hinkriegen.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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