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Polizei hebt Trainingszentrum der Geldautomatensprenger aus

Eineinhalb Jahre dauerten die Ermittlungen - jetzt die Razzia: 9 Männer sitzen in U-Haft, darunter auch der mutmaßliche Kopf der Bande. Die Polizei erklärt nun, wie professionell die Täter arbeiten.

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3 Männer wurden in den Niederlanden festgenommen, darunter auch der mutmaßliche Kopf der Bande. Insgesamt sitzen jetzt 9 Männer in U-Haft.  Bild: Polizei

3 Männer wurden in den Niederlanden festgenommen, darunter auch der mutmaßliche Kopf der Bande. Insgesamt sitzen jetzt 9 Männer in U-Haft.  Bild: Polizei

Wie die Polizeidirektion Osnabrück am Donnerstag mitteilt, ist jetzt ein empfindlicher Schlag gegen die Geldautomatensprenger - auch „Audi-Bande“ genannt - gelungen. Sprengungen von Geldautomaten beschäftigen seit geraumer Zeit Justiz- und Polizeibehörden im Nordwesten. Das Emsland ist besonders in der Region betroffen. Einzelne Sprengungen gab es auch im Oldenburger Münsterland - zuletzt in Ramsloh. Auch im Dreiländereck Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden ist das Thema nach wie vor aktuell. 

Bereits am Dienstag habe in diesem Zusammenhang eine groß angelegte Durchsuchungsaktion in den Niederlanden stattgefunden, teilte die Polizei nun mit. Unterstützt wurden die deutschen und niederländischen Ermittler dabei durch die EU-Organisationen Eurojust und Europol aus Den Haag. Bei den 7 Durchsuchungen konnten drei Tatverdächtige festgenommen werden. Die 3 Männer befinden sich derzeit in Untersuchungshaft in den Niederlanden und sollen nach Deutschland ausgeliefert werden. Insgesamt befinden sich im Zusammenhang mit dem Verfahrenskomplex 9 Beschuldigte in Untersuchungshaft.

Die Aktion am Dienstag ist das Ergebnis einer eineinhalbjährigen Vorbereitung einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe aus Staatsanwaltschaft und Zentraler Kriminalinspektion Osnabrück auf deutscher Seite sowie Staatsanwaltschaft und Polizei Utrecht auf niederländischer Seite.

Solche Schläuche wie sie bei den Durchsuchungen gefunden wurden, waren auch bei den Sprengungen mit einem Gasgemisch verwandt worden.
Bild: PolizeiSolche Schläuche wie sie bei den Durchsuchungen gefunden wurden, waren auch bei den Sprengungen mit einem Gasgemisch verwandt worden. Bild: Polizei

Über 20 elektronische Kommunikationsgeräte, zahlreiche Datenträger und Speichermedien, Täterbekleidung, Tatwerkzeug und Tatmittel, darunter ein Fahrzeug und Sprengutensilien, konnten im Rahmen der Durchsuchungen aufgefunden werden. Auch eine Geldzählmaschine, 3500 Euro Bargeld sowie ein mobiles Blaulicht stellten die Beamten sicher. Die Ermittler erhoffen sich durch die festgestellten Beweise Spuren zu weiteren Taten, strukturellen Verflechtungen der Kriminellen, Auftraggebern und Hintermännern sowie Hinweise auf den Verbleib der Beute. 

Michael Maßmann, Präsident der Polizeidirektion Osnabrück, sagte zum Erfolg: „Die grenzüberschreitende Ermittlungsarbeit hat hervorragend geklappt. Das ist ein empfindlicher Schlag gegen die internationale Geldautomatensprenger-Szene und ihre kriminellen Machenschaften. Erstmals sind wir durch unsere Ermittlungen an die Organisatoren und Logistiker herangekommen. Wir sind unserem Ziel, die kriminellen Strukturen aufzuhellen und zu zerschlagen, ein sehr großes Stück nähergekommen. Wir bleiben dran und lassen nicht locker." Maßmann mahnt aber weiter zur Vorsicht: "Wir müssen den Tätern generell die Anreize zu solchen Taten nehmen. Das kann neben intensiver Präventions- und Ermittlungsarbeit nur gelingen, wenn die Banken ihre Sicherheitsvorkehrungen und Standards optimieren - und zwar flächendeckend. Andere Staaten wie die Niederlande machen es bereits vor.“

Auch Bernard Südbeck aus Cloppenburg, Leitender Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Osnabrück, zeigte sich sehr erfreut über das Ergebnis der bisherigen Ermittlungen. „Die intensiven gemeinsamen Ermittlungen von Staatsanwaltschaften und Polizeien zweier europäischer Nachbarländer unter Beteiligung europäischer Organisation wie Eurojust und Europol zeigen deutlich, wie effektive grenzüberschreitende Ermittlungsarbeit und Strafverfolgung heute aussehen kann. Der Erfolg belegt zugleich, dass wir mit der bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück angesiedelten und für die hiesigen Ermittlungen zuständigen Zentralstelle zur Bekämpfung organisierter Bandenkriminalität ein wertvolles und effizientes Werkzeug im Kampf gegen die Schwerstkriminalität zur Verfügung haben“, so Südbeck.

Am vergangenen Dienstag stellten deutsch-niederländische Ermittler zahlreiche Gegenstände bei er Durchsuchungsaktion sicher. Darunter auch eine Geldzählmaschine, über 20 Handys sowie Bargeld in vierstelliger Höhe.

Bild: PolizeiAm vergangenen Dienstag stellten deutsch-niederländische Ermittler zahlreiche Gegenstände bei er Durchsuchungsaktion sicher. Darunter auch eine Geldzählmaschine, über 20 Handys sowie Bargeld in vierstelliger Höhe. Bild: Polizei

Gemeinsam ermittelten die Strafverfolgungsbehörden beider Länder über gut eineinhalb Jahre lang verdeckt gegen verschiedene Täterbanden mit wechselseitigen Beziehungen. Insgesamt konnten 23 Beschuldigte ermittelt werden. Den Tätern werden bundesweit 15 Geldausgabeautomatensprengungen vorgeworfen. Durch die Sprengungen entstand ein hoher Schaden. Allein die Sachschäden sind so hoch, dass sie in die Millionen gehen. Die Sprengungen ereigneten sich allesamt im Jahr 2020 in 6 Bundesländern - vom hohen Norden bis tief in den Süden Deutschlands. Die betroffenen Städte waren Selfkant, Köln, Aachen, Düsseldorf, Herzogenrath, Wachtendonk, Geldern, Alpen (Nordrhein-Westfallen), Itterbeck, Schüttorf (Niedersachsen), zwei Taten in Plochingen (Baden-Württemberg), Zeitz (Sachsen-Anhalt), Elmshorn (Schleswig-Holstein), und Nittenau (Bayern).

Angeblicher Künstler bestellt Automaten für kreative Arbeit

Im Februar 2020 begannen die Ermittlungen der Osnabrücker Strafverfolgungsbehörden gegen eine Gruppe aus Utrecht. Ein 29-Jähriger aus den Niederlanden meldete sich bei einer Firma im Raum Osnabrück. Er gab sich als Künstler aus und wolle die Automaten für seine kreative Arbeit nutzen. Doch es gab Unregelmäßigkeiten bei dem Bestellvorgang, der Staatsanwaltschaft Osnabrück fiel das auf und es entstand der Verdacht, dass es einen Zusammenhang mit den Straftaten geben könnte.

Die Ermittler sollten Recht behalten. Denn der angebliche Künstler und ein weitere 24-Jähriger aus den Niederlanden nutzten die bestellten Geldautomaten für ganz andere Zwecke: Sie quasi Übungsgeräte, um das gezielte Sprengen von Geldautomaten zu trainieren. 

Spur führt zu einem Trainingszentrum in Utrecht

Da sich der Schwerpunkt der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Osnabrück in den Niederlanden befand, bildeten beide Länder unter Beteiligung von Eurojust und Europol eine gemeinsame Ermittlungsgruppe. Und die konnte eine Menge Informationen über die Gruppierungen und Strukturen der Szene sammeln. Es gab konkrete Hinweise auf ein regelrechtes Trainingszentrum im niederländischen Utrecht. Und: Die unterschiedlichen Automaten-Modelle werden vor allem in Deutschland zu Testzwecken angekauft.

Die akribischen Ermittlungen gewährten auch Einblicke in die Hierarchie - und vor allem, wie gut und professionell die Täter organisiert sind. Die Gruppen kommunizieren über verschlüsselte Smartphones miteinander. Sie besorgen sich Festsprengstoff für ihre Taten. Und: Sie nutzen hochmotorisierte Fahrzeuge. Weil Zeugen nach den Sprengungen entsprechende Fluchtautos gesehen hatten, bekam die Gruppe auch den Beinamen "Audi-Bande". "Die festgestellten Indikatoren untermauern, dass es sich bei den Tätergruppierungen um solche aus der Organisierten Kriminalität handelt, deren Handeln einzig und allein auf die Steigerung illegalen Profits ausgelegt war. Die Ermittlungen dauern an", erklärte die Polizeidirektion Osnabrück am Donnerstag.

Unter anderem konnten bei der Durchsuchungsaktion zahlreiche Handys, Speichermedien, Computer und Navigationsgeräte sichergestellt werden. Die Auswertung wird möglicherweise weitere Rückschlüsse und Hinweise für das Verfahren ergeben.
Bild: PolizeiUnter anderem konnten bei der Durchsuchungsaktion zahlreiche Handys, Speichermedien, Computer und Navigationsgeräte sichergestellt werden. Die Auswertung wird möglicherweise weitere Rückschlüsse und Hinweise für das Verfahren ergeben. Bild: Polizei

414 Geldausgabeautomatensprengungen wurden im Jahr 2020 in Deutschland begangen - eine deutliche Zunahme um rund 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nach dem Lagebild des Bundeskriminalamts 2020 stammten etwa Zweidrittel sämtlicher Tatverdächtigen aus den Niederlanden. Wie das BKA in seiner Pressemitteilung vom 15. Juni 2021 weiter ausführte, hatten umfangreiche Sicherungsmaßnahmen der niederländischen Banken zu einem Verdrängungseffekt geführt. Die Täter verübten vermehrt im Nachbarland Deutschland Angriffe auf Bankautomaten.

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