Die Hausmitbewohner in Berlin Kreuzberg sind geschockt. Zuerst erfahren sie, dass ihre freundliche Mitbewohnerin mit dem grauen Zopf eine 30 Jahre lang gesuchte RAF-Terroristin ist. Dann müssen sie das siebenstöckige Haus räumen, weil schwere Kriegswaffen in deren Wohnung gefunden werden, darunter eine Kalaschnikow und eine Granate. Seit Dienstag sitzt die mit mehreren Haftbefehlen gesuchte Daniela Klette in der JVA für Frauen in Vechta in Untersuchungshaft.
Inzwischen hat die Polizei die Fahndung nach Klettes zwei Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub innerhalb Berlins intensiviert. Die Ermittler gehen demnach davon aus, dass sich die Terroristen ebenfalls in der Hauptstadt aufhalten und befürchten, dass auch diese schwer bewaffnet sind.
Jörg Schleyer fordert politischen Konsequenzen
Die linksextremistische Rote Armee Fraktion (RAF) war über Jahrzehnte der Inbegriff von Terror und Mord in der Bundesrepublik. Jetzt kritisiert Jörg Schleyer, Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, die Behörden. „Die Tatsache, dass eine RAF-Terroristin 20 Jahre vom Verfassungsschutz unentdeckt und unbehelligt mitten in Berlin leben kann, ist mir unheimlich“, sagte Jörg Schleyer der „Bild“. Diesen Umstand müsse die Politik untersuchen und über Konsequenzen „nachdenken“.
Dabei feierte die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens (SPD) die Festnahme Klettes am Montag durch Zielfahnder des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen noch als "Meilenstein in der deutschen Kriminalgeschichte".
Dabei war Klette weitaus weniger untergetaucht, als Ermittler nach Informationen von OM-Online vermutet hatten. Zwar besaß Klette einen italienischen Pass, der sie als Claudia I. auswies. Aber unter dieser falschen Identität hatte sie sogar einen Facebook-Account. Hier zeigte sie sich mit Fotos – sogar im Ausland. Und sie engagierte sich bei einer afro-brasilianischen Tanzgruppe – viele Fotos inklusive.
Podcast-Redaktion von NDR und RBB findet gesuchte Terroristen
Über diese Bilder stolperte der Podcast "Legion" der Sender NDR und RBB. Denn ein beauftragtes Recherchekollektiv setzte eine Gesichtserkennungssoftware ein und durchsuchte mit Fahndungsfotos der jungen Daniela Klette das Internet nach passenden Bildern. In nur 30 Minuten soll die Software auf Fotos eines Berliner Capoeira-Studios gestoßen sein, die mit hoher Wahrscheinlichkeit die gesuchte Ex-Terroristin zeigten. Das war Ende vergangenen Jahres. Und Klette war wirklich darauf abgebildet.
Das Landeskriminalamt Niedersachsen äußerte sich zunächst nicht zu einer möglichen Fahndung mit Gesichtserkennungssoftware und zur Frage, ob diese überhaupt rechtlich zulässig wäre. Die Datenschutz-Grundverordnung der EU verbietet es, biometrische Daten ohne explizite Einwilligung zu verarbeiten.
Polizeigewerkschaft fordert Befugnis, dass Ermittler Gesichtserkennung einsetzen dürfen
Versuche der Bundespolizei mit Gesichtserkennung hätten zu hervorragenden Ergebnissen geführt, sagte der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Eine gesetzliche Befugnis, um die Technik bei der Suche nach gefährlichen Tätern, Terroristen oder flüchtigen Tätern anwenden zu dürfen, gebe es allerdings nicht. „Derzeit ist es den Ermittlern nicht erlaubt, das zu tun, das sollte sich ändern“, forderte der Polizeigewerkschafter.
Klette, Staub und Garweg gehören zur sogenannten dritten Generation der RAF. In ihrer aktiven Zeit wurden der damalige Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (1989) und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder (1991) ermordet. Ihren Lebensabend sollen die Drei zuletzt durch schwere Raubüberfälle finanziert haben.