Platt-Profis teilen Sprachschatz großzügig
Zehn Jahre hat ein Autoren-Team des Heimatbundes an einem Wörterbuch gearbeitet. Selbst Laien können mit dem Band Plattdeutsch lernen. Auch Profis finden hier ihre Meister.
Hubert Kreke | 20.05.2020
Zehn Jahre hat ein Autoren-Team des Heimatbundes an einem Wörterbuch gearbeitet. Selbst Laien können mit dem Band Plattdeutsch lernen. Auch Profis finden hier ihre Meister.
Hubert Kreke | 20.05.2020
Eng am Buch gearbeitet, aber Foto auf Abstand: (von links): Maria Blömer, Willi Thien, Stefan Schute (Präsident des Heimatbundes), Prof. Dr. Wilfried Kürschner, Engelbert Beckermann, Kerstin Ummen, Alfred Kuhlmann und (vorne) Bernhard Grieshop. Foto: Gabriele Henneberg
Zehn Jahre Puzzle-Arbeit, 1486 Gramm gedrucktes Wissen, 20500 Begriffe: Trotzdem klebt die größte Überraschung des neuen Plattdeutschen Wörterbuchs für das Oldenburger Münsterland nicht zwischen den 555 Seiten, sondern in einem kleinen Vlies-Futteral auf dem Einband. Mit einem USB-Stick im Scheckkarten-Format teilt der Heimatbund den Sprachschatz der Region zum ersten Mal digital mit Platt-Neulingen, die um Worte ringen: Per Stichwort-Suche auf Hochdeutsch liefert die Datei die korrekte Übersetzung plus sämtliche sinnverwandten Begriffe. Obendrein erklärt die siebenköpfige Autorengruppe gründlich und nachvollziehbar die Grammatik des Plattdeutschen und die Aussprache. So ist aus dem Wörterbuch, das ab sofort in allen Buchhandlungen erhältlich ist, ein Lehrbuch geworden – ein gedrucktes und digital zugängliches Kulturerbe. „Heimat ist auch Sprache", unterstrich Alfred Kuhlmann, der Sprecher der „Wörbauk-Schriever", bei der Präsentation des Werks im Cloppenburger Bahnhof. Dieses Stück Heimat zu sichern, aber auch an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, sei eine Verpflichtung, die das Team angetrieben und zusammnengeschweißt habe, sagte der Goldenstedter: „Das ist fast unser Lebenswerk geworden: Wir sind alle alt dabei geworden und fühlen uns fast wie eine kleine Familie." Kuhlmann hat die „Familienzeit" grob überschlagen: Mindestens 700, eher 900 Stunden haben die Autoren zusammengesessen, um Begriffe und Redewendungen zusammenzutragen, die ungezählte „Heimarbeit" beim Sortieren, Sichten und Vergleichen nicht mitgerechnet. Für den immensen persönlichen Einsatz (ohne Honorar) dankte Stefan Schute, der Präsident des Heimatbundes, dem Team bei der Buchvorstellung. Das „Mammutprojekt" trage die „Muttersprache" der Region weiter, sagte Schute. Dass die Autoren dabei auch die Unterschiede der Plattdeutsch-Dialekte im Oldenburger Münsterland erfasst haben, „fühlt sich noch mehr nach zu Hause an", betonte der in Lindern heimische Präsident. So böte sich Sprachfreunden und Wissenschaftlern die Möglichkeit, Besonderheiten nachzugehen. Mitunter reichen zehn Kilometer und eine Ehe aus, um solche Eigenheiten aufzudecken. Ein Beispiel: Wäre Kuhlmann im heimischen Goldenstedt auf Brautschau gegangen, hätte er um „de Deern" (das Mädchen) gefreit. Da er allerdings in Visbek fündig wurde, müsste er sich - plattdeutsch korrekt – um „dat Wicht" bemüht haben. Um solche Eigenarten zu erfassen, haben die Autoren aus dem „Plattdütschen Kring" des Heimatbundes bewusst ein Querbeet-Team gebildet: Von Garrel und Emstek über Löningen bis Visbek und Steinfeld. Die Ehrenamtlichen stöberten in Büchern, aber auch in den Plattdeutsch-Beiträgen von MT und OV. Mitunter halfen Anrufer nach, berichtet Kuhlmann. Original-Ton: „Häbbt ji dat Wort all drinne?" Damme und Neuenkirchen bilden den Südoldenburger "Sonderfall", weil beide Kirchspiele sprachgeschichtlich vom westfälischen Niederdeutsch geprägt worden sind. Wie's dazu kam und wo die „Sprachgrenzen" verlaufen, erklärt in einem Extra-Beitrag der Korrektor und Berater des Teams, Engelbert Beckermann. Aufbauen konnten die Autoren auf eine solide Vorarbeit: 2009 erschien bereits „Use Wörbauk", ein Wörterbuch des Oldenburger Münsterlandes mit rund 13000 Stichworten. Die Autoren hatten fünf Jahre lang den Nachlass des 2002 verstorbenen Werner Kuper ausgewertet, der die meisten Wörter auf Karteikarten gesammelt hatte. Bei der grundlegenden Ergänzung um fast 7500 Begriffe nutzte die neu formierte Arbeitsgruppe ausgiebig den wissenschaftlichen Rat von Dr. Wilfried Kürschner. Der erimitierte Sprachwissenschaftler regte an, die plattdeutschen Redensarten aufzunehmen und die Ausprache zu erläutern. Auf seine Empfehlung hin erklärt der Band im Extra-Teil die (gar nicht platte) Grammatik und den Wandel der Verben, auch der unregelmäßigen. Dazu gibt's eine Liste. Bei 66 Treffen in der Uni berieten die Macher darüber. Dass ihre Arbeit jetzt zum ersten Mal digital verfügbar ist, ist für Kürschner eigentlich nur eine „Nebenprodukt". „Die Datei hatten wir ja schon für den Satz", erklärt der Sprachexperte. Die PDF-Datei auf einem Stick zu vervielfältigen, lag also nahe. Sogar der „Raum für Notizen" ganz am Ende des Buchs ist diesmal kein Witz. Für neue Wortschöpfungen müsse schließlich Platz bleiben, den jeder selbst füllen dürfe, erklärte Kuhlmann. Jüngstes Beispiel: Den „Schnutenpulli" als Bezeichnung für den Mund-Nasen-Schutz hätten die Autoren gern noch aufgenommen, aber da war ihr vorläufiges Lebenswerk schon im Druck...Verpflichtung gespürt: Muttersprache an Jugend weitergeben
„Wir sind alle alt dabei geworden und fühlen uns fast wie eine kleine Familie."Alfred Kuhlmann nach zehn Jahren Arbeit
„Schnutenpulli" passt auf die letzten Seiten: Raum für Notizen
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