Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Platt-Profis teilen Sprachschatz großzügig

Zehn Jahre hat ein Autoren-Team des Heimatbundes an einem Wörterbuch gearbeitet. Selbst Laien können mit dem Band Plattdeutsch lernen. Auch Profis finden hier ihre Meister.

Artikel teilen:
Eng am Buch gearbeitet, aber Foto auf Abstand: (von links): Maria Blömer, Willi Thien, Stefan Schute (Präsident des Heimatbundes), Prof. Dr. Wilfried Kürschner, Engelbert Beckermann, Kerstin Ummen, Alfred Kuhlmann und (vorne) Bernhard Grieshop. Foto: Gabriele Henneberg <br>

Eng am Buch gearbeitet, aber Foto auf Abstand: (von links): Maria Blömer, Willi Thien, Stefan Schute (Präsident des Heimatbundes), Prof. Dr. Wilfried Kürschner, Engelbert Beckermann, Kerstin Ummen, Alfred Kuhlmann und (vorne) Bernhard Grieshop. Foto: Gabriele Henneberg

Zehn Jahre Puzzle-Arbeit, 1486 Gramm gedrucktes Wissen, 20500 Begriffe: Trotzdem klebt die größte Überraschung des neuen Plattdeutschen Wörterbuchs für das Oldenburger Münsterland nicht zwischen den 555 Seiten, sondern in einem kleinen Vlies-Futteral auf dem Einband.

Mit einem USB-Stick im Scheckkarten-Format teilt der Heimatbund den Sprachschatz der Region zum ersten Mal digital mit Platt-Neulingen, die um Worte ringen: Per Stichwort-Suche auf Hochdeutsch liefert die Datei die korrekte Übersetzung plus sämtliche sinnverwandten Begriffe.

Obendrein erklärt die siebenköpfige Autorengruppe gründlich und nachvollziehbar die Grammatik des Plattdeutschen und die Aussprache. So ist aus dem Wörterbuch, das ab sofort in allen Buchhandlungen erhältlich ist, ein Lehrbuch geworden – ein gedrucktes und digital zugängliches Kulturerbe.

Verpflichtung gespürt: Muttersprache an Jugend weitergeben

„Heimat ist auch Sprache", unterstrich Alfred Kuhlmann, der Sprecher der „Wörbauk-Schriever", bei der Präsentation des Werks im Cloppenburger Bahnhof. Dieses Stück Heimat zu sichern, aber auch an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, sei eine Verpflichtung, die das Team angetrieben und zusammnengeschweißt habe, sagte der Goldenstedter: „Das ist fast unser Lebenswerk geworden: Wir sind alle alt dabei geworden und fühlen uns fast wie eine kleine Familie."

Kuhlmann hat die „Familienzeit" grob überschlagen: Mindestens 700, eher 900 Stunden haben die Autoren zusammengesessen, um Begriffe und Redewendungen zusammenzutragen, die ungezählte „Heimarbeit" beim Sortieren, Sichten und Vergleichen nicht mitgerechnet. Für den immensen persönlichen Einsatz (ohne Honorar) dankte Stefan Schute, der Präsident des Heimatbundes,   dem Team bei der Buchvorstellung.

Das „Mammutprojekt" trage die „Muttersprache" der Region weiter, sagte Schute. Dass die Autoren dabei auch die Unterschiede der Plattdeutsch-Dialekte im Oldenburger Münsterland erfasst haben, „fühlt sich noch mehr nach zu Hause an", betonte der in Lindern heimische Präsident. So böte sich Sprachfreunden und Wissenschaftlern die Möglichkeit, Besonderheiten nachzugehen.

Mitunter reichen zehn Kilometer und eine Ehe aus, um solche Eigenheiten aufzudecken. Ein Beispiel: Wäre Kuhlmann im heimischen Goldenstedt auf Brautschau gegangen, hätte er um „de Deern" (das Mädchen) gefreit. Da er allerdings in Visbek fündig wurde, müsste er sich - plattdeutsch korrekt – um „dat Wicht" bemüht haben.

„Wir sind alle alt dabei geworden und fühlen uns fast wie eine kleine Familie."Alfred Kuhlmann nach zehn Jahren Arbeit

Um solche Eigenarten zu erfassen, haben die Autoren aus dem „Plattdütschen Kring" des Heimatbundes bewusst ein Querbeet-Team gebildet: Von Garrel und Emstek über Löningen bis Visbek und Steinfeld. Die Ehrenamtlichen stöberten in Büchern, aber auch in den Plattdeutsch-Beiträgen von MT und OV. Mitunter halfen Anrufer nach, berichtet Kuhlmann. Original-Ton: „Häbbt ji dat Wort all drinne?"

Damme und Neuenkirchen bilden den Südoldenburger "Sonderfall", weil beide Kirchspiele sprachgeschichtlich vom westfälischen Niederdeutsch geprägt worden sind. Wie's dazu kam und wo die „Sprachgrenzen" verlaufen, erklärt in einem Extra-Beitrag der Korrektor und Berater des Teams, Engelbert Beckermann.

Aufbauen konnten die Autoren auf eine solide Vorarbeit: 2009 erschien bereits „Use Wörbauk", ein Wörterbuch des Oldenburger Münsterlandes mit rund 13000 Stichworten. Die Autoren hatten fünf Jahre lang den Nachlass des 2002 verstorbenen Werner Kuper ausgewertet, der die meisten Wörter auf Karteikarten gesammelt hatte.

Bei der grundlegenden Ergänzung um fast 7500 Begriffe nutzte die neu formierte Arbeitsgruppe ausgiebig den wissenschaftlichen Rat von Dr. Wilfried Kürschner. Der erimitierte Sprachwissenschaftler regte an, die plattdeutschen Redensarten aufzunehmen und die Ausprache zu erläutern. Auf seine Empfehlung hin erklärt der Band im Extra-Teil die (gar nicht platte) Grammatik und den Wandel der Verben, auch der unregelmäßigen. Dazu gibt's eine Liste. Bei 66 Treffen in der Uni berieten die Macher darüber.

„Schnutenpulli" passt auf die letzten Seiten: Raum für Notizen

Dass ihre Arbeit jetzt zum ersten Mal digital verfügbar ist, ist für Kürschner eigentlich nur eine „Nebenprodukt". „Die Datei hatten wir ja schon für den Satz", erklärt der Sprachexperte. Die PDF-Datei auf einem Stick zu vervielfältigen, lag also nahe.

  • Betrunken oder nur beschwipst? Im Platt gibt's dafür derbe Abstuftungen, nicht nur zum Vatertag.
  • Das neue Wörterbuch unterscheidet: duun, fallenduun, hackeduun, liggenduun, schnackeduun, stoapelduun, strumpelduun, trieselduun und quittkeduun. Prosit!
  • Für Hektiker findet sich sprichwörterlich Spott unter dem Begriff "drocke" (eilig): "Hei hätt dat drocke at'n Hauhn tau Ostern" (Er hat's eilig wie ein Huhn zu Ostern).
  • Den Inhalt des Buchs hat eine Arbeitsgruppe des "Plattdütschen Kring" geschaffen. Dazu gehören Maria Blömer, Bernhard Grieshop, Alfred Kuhlmann, Wilhelm Thien, Kerstin Ummen.
  • Wissenschaftlich begleitet hat Dr. Wilfried Kürschner die Arbeit. Als Berater, Lektor und Autor eines Ex­tra-Kapitels wirkte Engelbert Beckermann, der früherer Geschäftsführer des Heimatbundes, mit.
  • Die Autoren brachten zusammen mindestens 8000 Stunden auf, um ihre Ergebnisse abzustimmen, die persönliche Arbeit zu Hause nicht mitgezählt. Ein Honorar gab's nicht, dafür rund 37500 Kilometer Fahrten zu den Treffen.
  • Die erste Grundlage zum Buch legte das Werk "Ollenborger Münsterland - Use Wörbauk" von 2009. Daran hatte ein Team fünf Jahre lang gearbeitet.
  • Das neue Buch heißt "Plattdeutsches Wörterbuch für das Oldenburger Münsterland". Herausgeber ist der Heimatbund, der auch den Druck vorfinanziert hat.
  • Die Erstauflage umfasst 1000 Exemplare. Das 555 Seiten starke Buch kostet 24,90 Euro.
  • Im Preis enthalten ist ein USB-Stick, der den gesamten Inhalt des Buches umfasst und eine Volltext-Suche am PC ermöglicht. Begriffe aus dem Hochdeutschen lassen sich so problemlos übersetzen.
  • Das Buch ist in allen Buchhandlungen erhältlich (ISBN 978-3-941073-29-6).

Sogar der „Raum für Notizen" ganz am Ende des Buchs ist diesmal kein Witz. Für neue Wortschöpfungen müsse schließlich Platz bleiben, den jeder selbst füllen dürfe, erklärte Kuhlmann. Jüngstes Beispiel: Den „Schnutenpulli" als Bezeichnung für den Mund-Nasen-Schutz hätten die Autoren gern noch aufgenommen, aber da war ihr vorläufiges Lebenswerk schon im Druck...

Das neue E-Paper ist da: Mit einem deutlich besseren Lesekomfort inkl. Vorlesefunktion, täglichen Rätseln und einer Audiothek. Ab sofort erhältlich unter mein.om-online.de oder im App-Store bzw. Google-Playstore.  

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Platt-Profis teilen Sprachschatz großzügig - OM online