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Nur einmal Johnson & Johnson? Professor Schrader hat daran nie geglaubt

Schon vor einem Jahr habe er öffentlich gezweifelt, sagt der Leiter des Cloppenburger Impfzentrums. Er wirbt für den Booster und die FFP2-Masken.

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Professor Dr. Joachim Schrader. Foto: Kreke/Archiv

Professor Dr. Joachim Schrader. Foto: Kreke/Archiv

Impfempfehlungen und Absonderungsverordnung, 3G, 2G oder 2G-Plus: Nichts ist so alt wie die Coronaregeln von gestern, könnte man meinen. Können Sie als Mediziner alle Vorschriften nachvollziehen? 
Viele Vorschriften sind in der Tat nicht immer nachvollziehbar. Die Corona-Pandemie war auch für die wissenschaftliche Welt neu. Positiv waren die enorm schnellen Ergebnisse vieler Studien und der international offene Austausch neuer Erkenntnisse. Zum Glück ist unser Wissen schnell und nahezu täglich angestiegen. Neue Studiendaten haben oft zu Kurswechseln gezwungen. Hauptproblem sind die plötzlichen, schlecht erklärten Richtungswechsel. Hier entsteht bei den Menschen im Land verständlicherweise der Verdacht eines wilden Aktionismus. Ganz offensichtlich haben wir ein Kommunikationsproblem. Ich bin sicher, dass die eine große Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahmen und die Gründe dafür eher akzeptieren und verstehen würde, wenn sie rechtzeitig erklärt werden und nachvollziehbar sind.

Was ist zum Beispiel mit der Regel, dass vollständig geimpfte Kinder sich vor dem Besuch von Schule oder Kindergarten nicht testen müssen, obwohl sie Überträger sein könnten? 
Auch diese Kinder können sich noch mit der neuen Variante infizieren und können dann andere anstecken, möglicherweise auch Personen mit hohem Risiko. Dieses Risiko könnte man durch die Tests verringern. Die gute Nachricht ist, dass schwere Coviderkrankungen bei vollständig Geimpften (inklusive Booster) massiv verringert werden.

Bei den Inzidenzwerten jagt ein Rekord den nächsten. Ab wann wird es bedrohlich?
Die Inzidenzwerte geben Hinweise auf die Verbreitung des Virus, wobei natürlich die Testfrequenz eine Rolle spielt. Dies kann helfen, Entwicklungen frühzeitig vor einer Zunahme von Krankenhauseinweisungen zu erkennen und eventuell zu reagieren. Entscheidend für die Beurteilung des Virus sind 3 Punkte: 1. Wie infektiös ist das Virus? 2. Wie häufig verursacht es schwere Verläufe?  3. Wie gut wirkt der Impfstoff? Wir haben bis jetzt drei Varianten erlebt: zuerst der sog. Wildtyp, dann die Delta-Variante und aktuell die Omikron-Variante. Der Impfstoff wirkte am besten gegen den ursprünglichen Wildtyp. Die dann folgende Delta-Variante war stärker ansteckend und verursachte mehr schwere Erkrankungen. Deshalb braucht man zur Brechung der Delta-Welle eine höhere Impfquote als bei dem ursprünglichen Wildtyp. Die jetzige Omikron-Variante führt seltener zu schweren Verläufen. Allerdings schützen die vorhandenen Impfstoffe deutlich weniger vor einer Ansteckung mit Omikron, aber sie verhindern sehr gut schwere Erkrankungen, wenn man die Booster verabreicht.

Immer mehr Geimpfte stecken sich an. Für viele Bürgerinnen und Bürger ist das eine Enttäuschung. Zu Recht?
Ja, natürlich. Wir alle waren zunächst erfreut, wie gut das Impfen wirkt. Die Sterblichkeit ist  drastisch gesunken. Und dann haben wir die beschriebenen Probleme mit den Mutationen erlebt und mussten weitere Boosterungen anbieten. Wenn über Impfdurchbrüche diskutiert wird, sollte man nicht vergessen, dass wir zwar am Anfang eine überragende Wirkung mit über 90 Prozent hatten. Aber das bedeutet, dass 10 Prozent der Geimpften keinen Impfschutz erreicht haben, was mehrere Millionen ungeschützte Menschen bedeutet. Und: Man muss zwei Wirkungen der Impfungen trennen: 1. Verhinderung der Infektion und 2. Verhinderung einer schweren Erkrankung. In der jetzigen Omikron-Welle verhindert der Impfstoff weniger gut eine Infektion, verhindert immer noch sehr gut schwere Erkrankungen, was für den Einzelnen entscheidend ist.

Je mehr Menschen sich infizieren, umso mehr Geschichten von Erkrankten kennt und hört jeder. Die Symptome, die immer wieder genannt werden: ein Kratzen im Hals und eine Schnupfnase. Das klingt vergleichsweise harmlos. Ist das Virus harmloser geworden oder sind die Menschen durch die Impfungen einfach besser geschützt?
Beides. Die Erkrankung mit der Omikron-Variante ist offensichtlich weniger schwer, aber auch die Impfungen verhindern schwere Verläufe.

Die Entwicklung der Impfquote stagniert derzeit wieder leicht. Sind die Menschen impfmüde geworden?
Impfmüdigkeit gibt es schon ein wenig. Die Leute sind alles andere als erfreut über immer neue Impfungen, aber die meisten der schon Geimpften nehmen die zusätzlichen Impfungen wahr. Sie wissen, dass es derzeit keine Alternativen gibt. Problematisch ist, dass die Zahl der Erstimpfungen nur noch langsam steigt.
An dieser Stelle sollten wir die Wirkung der Maske nicht vergessen. Eine richtig getragene FFP2-Maske hat extrem gute Fähigkeiten, die Ansteckung zu verhindern.

Heute verboten, morgen erlaubt, übermorgen beinahe Pflicht: Gerade bei den Boosterimpfungen haben sich die Regeln sehr verändert. Ein Bürger etwa teilte uns in einem Brief mit, er sei mit Johnson & Johnson erstgeimpft, fühle sich nun aber ob der aktuellen Entwicklung veräppelt. Was würden Sie dem Leser zurückschreiben? 
Ich würde ihm schreiben, dass er recht hat. Der Fehler war zu glauben, dass eine Erstimpfung mit Johnson & Johnson als vollständige Impfung eingestuft werden kann. Ich habe schon im Januar vor einem Jahr im Gespräch mit OM-Medien darauf hingewiesen, dass ich die Geschichte mit der einmaligen Impfung nicht glaube. Deshalb habe ich Menschen, die mich nach Johnson & Johnson gefragt haben, immer darauf hingewiesen, dass sie wahrscheinlich auch eine 2. Impfung brauchen und dann natürlich die 3. Impfung als Booster. Das ist viel zu spät erklärt worden und dann einfach brutal über Nacht geändert worden. Vielleicht wollte man im Wahlkampf die Stimmung nicht verderben.

Was vielen Bürgerinnen und Bürgern fehlt, ist die Perspektive.  Welche Entwicklung erwarten Sie?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Neue Mutationen oder neue Viren können alles verändern. Entscheidend wird dieses Jahr sein. Meine Hoffnung ist dies: Wir müssen jetzt diese Welle überstehen, deren Höhepunkt Ende Februar-Anfang März hoffentlich überschritten wird. Dann wird es saisonal zu einem Abfall der Zahlen kommen. Wir müssen dann den Sommer nutzen, um mit den neuen, angepassten Impfstoffen die Menschen zu impfen. Hierbei wissen wir noch nicht, ob alle oder nur bestimmte Gruppen der Bevölkerung dies benötigen. Gelingt dies, können wir die nächste Welle im Herbst verhindern und wieder zur Normalität zurückfinden. Möglicherweise brauchen wir dann wie bei der Grippe eine jährliche Auffrischung, die wir beide zusammen verabreichen können.


Zur Person:

  • Professor Dr. Joachim Schrader (66) aus Cloppenburg ist Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie.
  • Seit Dezember 2020 leitet er das Impfzentrum des Kreises Cloppenburg.
  • Er hatte im Frühjahr 2020 seine Position als Chefarzt und Ärztlicher Direktor im Cloppenburger Krankenhaus aufgegeben, um sich mehr der Forschung widmen zu können.

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